Ärzte Zeitung, 27.06.2018

Schlaganfall-Behandlung

Stroke-Einsatzmobile haben sich bewährt

Mobile Stroke Units (MSU) sollen Patienten nach einem Schlaganfall möglichst schnell mobil versorgen. In Berlin sind die Spezialrettungsfahrzeuge fast flächendeckend im Einsatz. Studien zeigen deutliche Vorteile für die Patienten.

Von Angela Mißlbeck

Stroke-Einsatzmobile haben sich in Berlin bewährt

Ein Rettungssanitäter verlässt das Stroke-Einsatzmobil in Berlin. Drei dieser Fahrzeuge sind in der Hauptstadt im Einsatz.

© Jörg Carstensen / dpa / picture

BERLIN. Beim Schlaganfall zählt die Zeit: Je schneller die Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen auf ein Weiterleben mit möglichst wenig Beeinträchtigungen. Diese Erkenntnis nutzen die Mobilen Stroke Units (MSU).

Mehr als 20 solcher Spezialrettungsfahrzeuge sind weltweit inzwischen im Einsatz, davon vier in Deutschland. Neben einem langjährig etablierten MSU in Homburg/Saar fahren in Berlin drei Stroke Einsatz Mobile (Stemos).

Die Spezialfahrzeuge sind mit allen wichtigen Instrumenten und qualifiziertem Personal für die Schlaganfalldiagnostik und -behandlung ausgestattet.

An Bord sind ein Rettungsassistent, ein Neurologe mit Notarzt-Qualifikation und ein Radiologieassistent mit der Zusatzausbildung Rettungssanitäter zum Schlaganfalleinsatz. Zur technischen Spezialausstattung gehören Labordiagnostik, ein Computertomograf und telemedizinische Vernetzung mit den Schlaganfallkliniken.

Kosteneffizienz ist umstritten

Die drei Berliner Spezialfahrzeuge sind so stationiert, dass sie Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall in fast ganz Berlin innerhalb von 20 Minuten erreichen können.

Freilich erweist sich dieser Verdacht nicht immer als begründet: "Es werden gelegentlich auch Einsätze mit einem Stemo beschickt, bei denen sich kein Schlaganfall bestätigt", teilte die Berliner Feuerwehr der "Ärzte Zeitung" auf Nachfrage mit.

Rund sieben Einsätze fährt ein Stemo durchschnittlich pro Tag, rund die Hälfte davon betreffen Schlaganfallpatienten, so der Neurologe Professor Heinrich Audebert, der die Begleitforschung zum Stemo-Einsatz an der Charité leitet. "Es hängt davon ab, wie genau die Leitstelle die Algorithmen abfragt", sagte Audebert der "Ärzte Zeitung".

Wenn es bei der Feuerwehr eng wird, werden die Spezialfahrzeuge nach seinen Angaben auch zu anderen Einsätzen losgeschickt. "Das wirkt sich aber nachteilig auf die Kosteneffizienz bezüglich der Schlaganfallversorgung aus", so Audebert weiter.

Die Einsätze der Stemos werden von der Feuerwehr bisher wie die Einsätze eines Notarztfahrzeugs (NEF) abgerechnet. Zusätzlich werden die Stemos vom Land Berlin als politisches Vorzeigeprojekt gefördert, weil sie in der Region entwickelt und hergestellt wurden.

Eine Regelfinanzierung der Stemos über eine Gebührenerhebung ist nach Angaben der Berliner Feuerwehr geplant. Denn die tatsächlichen Einsatzkosten sind den Angaben zufolge höher als die eines NEF.

Immer Kosten und Nutzen abwägen

Auf rund eine Million Euro beziffert eine begleitende Kostenanalyse der Charité die jährlichen Nettokosten des Stemo. Das Spezialfahrzeug kann demnach zwar Krankenhauskapazitäten einsparen. Ein Rettungswagen muss aber nach Angaben der Feuerwehr trotzdem immer gemeinsam mit dem Spezialmobil ausrücken.

Deshalb werden die Spezialfahrzeuge in der Notfallrettung durchaus auch kritisch hinterfragt. Die Feuerwehr in der Hauptstadt protestierte kürzlich unter dem Motto "Es brennt" für mehr Geld, und mancher Rettungsmediziner in Berlin hätte lieber drei RTWs mehr statt einem Stemo.

Für den Einsatz solcher Spezialrettungsfahrzeuge fordert die Berliner Feuerwehr, immer Kosten und Nutzen abzuwägen: "Gegenüber vielseitig einsatzbaren Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeugen muss ein Spezialfahrzeug daher kritisch hinterfragt werden."

Aus neurologischer Sicht sind die Vorteile der Stemos jedoch klar belegt. Studien der Charité haben gezeigt, dass die Zeit bis zum Beginn der Lysetherapie durch ein Stemo um 25 bis 30 Minuten verkürzt werden kann. Vom Notruf bis zum Behandlungsbeginn vergehen bei Berliner Schlaganfallpatienten, die im Stemo behandelt werden, durchschnittlich 50 statt 75 Minuten.

"Je früher wir dran sind, desto mehr bleibende Schäden können wir vermeiden", sagt Audebert. Seine Daten geben auch Hinweise darauf, dass die Behandlungserfolge noch einmal deutlich positiver beeinflusst werden, wenn die Lyse innerhalb der ersten 60 Minuten erfolgt, was in der konventionellen klinischen Versorgung praktisch nicht möglich ist.

Viele Behinderungen vermieden

Audebert hat gemeinsam mit einer internationalen Studiengruppe auch die gesundheitsökonomischen Aspekte der MSUs untersucht. Pro Jahr verhindert jedes Spezialfahrzeug demnach durchschnittlich 18 schwere langfristige Behinderungen, was insgesamt knapp 30 QALYs (Quality Adjusted Life Years) entspricht.

Die Kosten für die Versorgung im Stemo hat die Studie auf 32.000 Euro pro QALY beziffert. "Damit kann das Stemo als wirtschaftlich vertretbare Gesundheitsleistung eingeordnet werden", sagt Audebert.

Seit gut einem Jahr erforschen Audebert und seine Kollegen in einer großen quasirandomisierten Studie die Langzeiteffekte der Stemo-Versorgung auf die Faktoren Behinderung und Sterblichkeit. Ergebnisse sollen 2020 vorliegen.

Zudem ist geplant, auf dem STEMO im Rahmen internationaler Kooperationen auch neue Therapiemöglichkeiten bei Hirnblutungen zu untersuchen. "Auch hier macht eine Behandlung nur Sinn, wenn sie sehr früh erfolgt", so Audebert.

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