Ärzte Zeitung online, 26.08.2019

Vertragsärzte

Mit SmED gegen Dr. Google

Qualifizierte Hilfe am Telefon statt unsicherer Selbstdiagnose via Internet: Das medizinische Ersteinschätzungsverfahren SmED könnte eine tragende Rolle für die Patientensteuerung spielen.

Von Thomas Hommel

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Strukturierte Einschätzung am Telefon: Erste Bereitschaftsdienstpraxen setzen SmED bereits ein.

© Jens Schmidt / Fotolia

LIEBENBERG. Bei der Patientensteuerung könnte dem softwaregestützten „Strukturierten medizinischen Ersteinschätzungsverfahren für Deutschland“, SmED genannt, eine Schlüsselrolle zukommen.

Davon hat sich der Geschäftsführer des Zentralinstitutes für die kassenärztliche Versorgung (Zi), Dr. Dominik von Stillfried, überzeugt gezeigt.

„SmED kann sich zum wesentlichen Steuerungselement im Gesundheitswesen entwickeln“, sagte von Stillfried bei einem Presseseminar der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Liebenberg bei Berlin.

Software wird in einzelnen KV-Regionen erprobt

Bei SmED handelt es sich um ein in der Schweiz entwickeltes Tool. Es unterstützt das medizinische Fachpersonal in den Anrufzentralen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die Dringlichkeit gesundheitlicher Beschwerden richtig einzuschätzen.

Je nach Dringlichkeitsstufe wird der Anrufer der Bereitschaftsdienst-Hotline 116.117 an die geeignete Versorgungsebene weitergeleitet. Die Bandbreite reicht von der reinen Telefonberatung über die Vermittlung in eine Arztpraxis bis zur Verbindung zum Notruf 112.

Seit Kurzem wird die Software in einzelnen KV-Regionen erprobt. Bereits Anfang März 2019 schickte der Bereitschaftsdienst Bremen-Stadt SmED in die praktische Testung. Erste Erfahrungen seien positiv, heißt es von dort.

Die Software helfe dabei einzuschätzen, was dem Patienten fehle und wo er weiterbehandelt werden solle. Patienten reagierten nicht ablehnend auf die Telefonbefragung. Vielmehr fühlten sie sich dadurch „besser aufgehoben, weil sich jemand Zeit nimmt“.

Auch die am Campus der Uniklinik Mainz angesiedelte Allgemeinmedizinische Praxis (APC) verwendet die Software für die Patienten-Triage. Stellen die Medizinischen Fachangestellten im Umgang mit SmED Optimierungsbedarf fest, spielen sie dies an einen IT-Experten zurück.

Bundesweite Umsetzung eine „Herkulesaufgabe“

Immer mehr Menschen befragten bei Gesundheitsproblemen das Web, ob ihr Anliegen „ernst“ sei und schnell der Abklärung bedürfe, sagte Zi-Chef von Stillfried. Nicht selten verunsicherten aber die Informationen, die die Suchmaschine ausspucke.

Die Selbstdiagnose, die dann folge, sei auch ein Grund, warum immer mehr Menschen in die Notaufnahmen gingen und dort schnelle Abhilfe erwarten würden. Mit qualifizierter medizinischer Ersteinschätzung ließe sich hier gegensteuern, so Stillfried.

Diagnosen würden bei SmED aber keine gestellt, unterstrich KBV-Vorstandsvize Dr. Stephan Hofmeister. Das Tool bundesweit umzusetzen, sei eine „Herkulesaufgabe“. Aber die Vertragsärzte sähen darin „ungeheures Potenzial“.

Das Verfahren spare den Patienten Zeit und dem System Geld. Im Übrigen werde SmED ständig verfeinert. „Das ist ein lernendes System“, betonte Hofmeister.

Ziel ist es nun, SmED so weiterzuentwickeln, dass Verbraucher es auch von mobilen Endgeräten aus nutzen könnten, sagte von Stillfried. Laufe alles glatt, könnten schon Ende 2020 rund 80 Millionen Bundesbürger das Angebot von der Couch aus nutzen.

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