Ärzte Zeitung, 26.05.2008

Pflegestützpunkte bleiben strittiges Thema

Diskussion im Nordosten - Beteiligte uneins über die Zahl der Stützpunkte und die Verwendung der Mittel

SCHWERIN. Der erste Pflegestützpunkt in Mecklenburg-Vorpommern wurde gerade in Wismar eröffnet. Doch wie viele davon braucht das Land und wie kann man verhindern, dass dafür dringend benötigte Mittel aus der Versorgung abgezogen werden? Auf einem Forum in Schwerin suchten die Ersatzkassen nach Antworten.

Von Dirk Schnack

 Pflegestützpunkte bleiben strittiges Thema

Die Frage der Pflegequalität ist eine der wichtigsten, die in den Beratungsstellen geklärt werden muss. Bis jetzt gibt es regional große Unterschiede.

Foto: Klaro

Sozialpolitiker Jörg Heydorn (SPD) konnte die zurückhaltende Einstellung der Kassenvertreter zur Einrichtung von Pflegestützpunkten nicht verstehen. Zunehmende Alterung und damit steigender Pflegebedarf, Partikularinteressen der Heimträger und immer mehr Einrichtungen, die um Pflegebedürftige konkurrieren - angesichts dieser Voraussetzungen ist nach seiner Ansicht flächendeckende Beratung durch Pflegestützpunkte unverzichtbar.

Die Mitarbeiterin einer Pflegeeinrichtung sieht dagegen die Gefahr, dass über die Pflegestützpunkte ein "Imperium" entsteht, in dem die Menschen beschäftigt werden, "denen die Pflege zu anstrengend ist" - und das auf Kosten der Versorgung.

So polarisiert wie am Schluss zwischen den Gästen waren die Meinungen auf dem Podium des Ersatzkassenverbandes nicht aufeinander geprallt. Die Einrichtung von Pflegestützpunkten ist in Mecklenburg-Vorpommern weitgehend unstrittig. Das bestätigten auch Bundeschef Thomas Ballast und Mecklenburg-Vorpommerns VdAK-Leiter Karl Nagel. Aber unter Vorbehalt - denn die für den Nordosten zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel zur Anschubfinanzierung von 1,28 Millionen Euro, befürchtet Ballast, könnten "sinnlich machen".

Begehrlichkeiten wecken sie bei den zahlreichen Trägern der schon jetzt bestehenden Beratungsstellen. Wer von ihnen in welcher Form bei den Pflegestützpunkten eingebunden wird, ist derzeit völlig offen. Ebenso die strittige Frage, wie viele von ihnen landesweit notwendig sind. Zur Vorsicht mahnte Ballast auch bei der Frage nach der Ausstattung - er befürchtet, dass aufwändige Büros und angestellte Sekretärinnen Mittel binden, die die Pflegekassen lieber in der Versorgung einsetzen würden.

Dieter Eichler vom Bundesverband privater Pflegeanbieter im Nordosten sprach sich für zentrale Pflegestützpunkte in den Landkreisen aus, die je nach Bedarf von Außen- und mobilen Beratungsstellen unterstützt werden. Nur so könne man dem Beratungsbedarf in dem dünn besiedelten Flächenland mit schlechter Verkehrsanbindung gerecht werden. Diesen Beratungsbedarf versuchen derzeit um die 400 Stellen zu befriedigen. "Sie arbeiten frei schwebend, sind praktisch nicht vernetzt", beschrieb Hartmut Renken aus dem Sozialministerium die derzeitige Beratungssituation. Ziel der Stützpunkte müsse es sein, gleiche Zugangsvoraussetzungen für alle Pflegebedürftigen zu schaffen. Der Landespflegeausschuss sucht zu diesem Thema bereits den Kontakt zu Landräten und Bürgermeistern im Land.

Dass es neben den Beratungsstellen in der Pflege noch weitere drängende Fragen gibt, machte Uwe Brucker vom Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) deutlich. Und dieses Problem heißt: Pflegequalität. "Die ist regional noch sehr unterschiedlich". Auch zwischen ambulanter und stationärer Pflege sieht er deutliche Qualitätsdifferenzen. Zwar gebe es Verbesserungen, aber zum Teil von einem sehr niedrigen Ausgangswert kommend, stellte Brucker fest. Er nannte bundesweite Zahlen aus den letzten MDK-Auswertungen, wonach etwa die gerontopsychiatrische Versorgung zwischen 2003 und 2006 qualitativ stagniert. 69,7 Prozent der geprüften Einrichtungen erbringe diese in "angemessener" Qualität, nur 0,1 Prozent mehr als noch 2003.

Eine angemessene Dekubitusprophylaxe konnte 64,5 Prozent der geprüften Einrichtungen bescheinigt werden, drei Jahre zuvor waren dies rund 57 Prozent. Nur leichte Verbesserungen gab es auch bei der angemessenen Ernährung und Flüssigkeitsversorgung. Wie aber können Angehörige und Betroffene ohne großen Aufwand herausfinden, welches Pflegeheim eine gute Versorgung leistet? Brucker stellte ein MDK-Modell vor, das laienverständlich, übersichtlich und nach einheitlichen Kriterien gestaltet ist. Je nach Gesamtbewertung erhält eine Einrichtung zwischen null und drei "Smileys" -oder Sterne und andere Kennzeichen.

Zugleich gibt es eine Prozentangabe, zu welchem Anteil die Einrichtung die angestrebte Qualität der pflegerischen Versorgung erfüllt, im Vergleich zu einem landesweiten Durchschnittswert. Wer es genauer wissen will, kann die zwölf zugrunde gelegten Kriterien mit dem jeweils erreichten Anteil einsehen. Dass dabei auch gute Ergebnisse erzielt werden können, ist für Brucker selbstverständlich. Schon jetzt zeigten manche Einrichtungen, "dass gute Pflege möglich ist".

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