Ärzte Zeitung, 17.01.2013

Krankenhausplan

Nordrhein-Westfalen setzt auf Geriatrie

NRW reagiert auf die alternde Gesellschaft - und macht in seinem Klinikplan neue Strukturvorgaben. Im Fokus: alte Menschen, Frühchen und weniger Klinikbetten.

Von Ilse Schlingensiepen

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Geriatrie - rückt auch in NRW in den Fokus.

© Mathias Ernert

KÖLN. In Nordrhein-Westfalen sollen künftig alle Patienten ab dem 75. Lebensjahr, die stationär behandelt werden, einem Screening unterzogen werden. Damit sollen die Patienten ermittelt werden, die eine geriatrische Versorgung benötigen. Bei ihnen folgt dann ein geriatrisches Assessment.

"Es wäre sinnvoll, das Screening bereits durch die einweisenden Ärzte durchzuführen", heißt es im Entwurf zum "Krankenhausrahmenplan 2015", den Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) Anfang des Jahres in den Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landtags eingebracht hat.

"Bei der stationären Behandlung der Menschen in Nordrhein-Westfalen müssen die Bedürfnisse der Patienten stärker berücksichtigt werden.

Gleichzeitig sollen die Behandlungsmöglichkeiten verbessert und an neue Erkenntnisse angepasst werden", umreißt Steffens die Ziele der neuen Rahmenplanung.

Ferner: "Die demographische Entwicklung verlangt bei der regionalen Krankenhausplanung ein verstärktes Zusammenwirken mit ambulanten, rehabilitativen und pflegerischen Angeboten. Wir müssen einen Rahmen setzen, der auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung Qualität sichert", begründet Steffens den neuen Rahmenplan.

Darin stehen Strukturvorgaben im Vordergrund, die Konkretisierung erfolgt in den Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Krankenhausträgern für 16 Versorgungsgebiete. Die Planungen sollen bis Ende 2015 abgeschlossen sein.

Frühchen-Versorgung konzentriert

In drei Versorgungsbereichen hält das Ministerium allerdings detaillierte Vorgaben für notwendig. Dazu gehören neben der Geriatrie die Psychosomatik und die Versorgung von Frühgeborenen.

Für sie definiert der Plan sächliche, personelle, technische und sonstige strukturelle Kriterien. Diese Voraussetzungen müssen die Kliniken erfüllen, wenn sie entsprechende Angebote vorhalten wollen.

Über das Geriatriekonzept konnte im Landesausschuss für Krankenhausplanung keine Einigung erzielt werden. Die Klinikseite hält die dort errichteten Hürden gerade für kleine Häuser für zu hoch.

"Ein grundsätzlicher Verzicht auf Screening und Assessment ist unter Qualitätsaspekten allerdings nicht vertretbar", heißt es im Bericht des Ministeriums zum Krankenhausrahmenplan.

Die ausdrücklich gewünschte Kooperation zwischen den Fachgebieten und zwischen den Sektoren erleichtere den Kliniken schließlich die Erfüllung der Qualitätsanforderungen.

Die Versorgung von Frühgeborenen soll auf Perinatalzentren konzentriert werden. Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm sollen prinzipiell dort zur Welt kommen.

"Die ortsnahe Versorgung risikoloser Geburten findet weiterhin flächendeckend in Geburtskliniken statt", so das Ministerium.

Der Krankenhausrahmenplan sieht einen Abbau der stationären Kapazitäten in NRW um knapp neun Prozent vor. Von den rund 124.000 Betten und Behandlungsplätzen des Jahres 2010 sollen im Jahr 2015 noch 114.000 übrig bleiben.

Die Entwicklung in den einzelnen Bereichen wird dabei sehr unterschiedlich sein. In der Erwachsenen- sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Geriatrie und der Neurologie hält das Ministerium eine Ausweitung der Kapazitäten für notwendig.

KGNW befürchtet gravierende Auswirkungen

Nach dem Entwurf des Krankenhausrahmenplans standen 2010 in der Geriatrie in NRW insgesamt 4035 Betten zur Verfügung. Bis 2015 sollen es 5197 werden.

Gerade wegen der vermehrten ambulanten Behandlungsmöglichkeiten sei dagegen in Bereichen wie der Augenheilkunde, bei HNO-Krankheiten und der Strahlentherapie ein Abbau möglich, ohne die Versorgungsqualität einzuschränken.

Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) hat Bedenken gegen den von Steffens vorgelegten Entwurf. Er habe bei den Kliniken des Landes erhebliche Verunsicherung und Befürchtungen hervorgerufen, heißt es in einem Brief an die Mitglieder des Landtagsausschusses.

"In wesentlichen Punkten eröffnet der vorliegende Entwurf Spielräume für Interpretationen, deren Auswirkungen gravierend sein können." Die Befürchtung: Unklare Formulierungen werden dazu führen, dass die Verhandlungen über die regionalen Versorgungskonzepte scheitern.

Nach Einschätzung der KGNW räumt der Plan den Leitlinien, Stellungnahmen und Empfehlungen einzelner medizinischer Fachgesellschaften einen zu hohen Stellenwert ein, die noch nicht einem strukturierten wissenschaftlichen Bewertungsverfahren unterzogen seien.

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