Ärzte Zeitung, 01.04.2016

Pflege

Wenn Zeit zum kostbaren Gut wird

Gemeinsam basteln, eine Partie Bingo, ein kurzer Spaziergang: Alltagsbegleiter schenken Pflegebedürftigen in stationären Heimen Zeit und Zuwendung. Ein Konzept, das oft auf Kritik stößt - für die Hochbetagten jedoch auch ein Gewinn sein kann. Ein Besuch im Pflegeheim.

Von Jana Kötter

Wenn Zeit zum kostbaren Gut wird

Singen, stricken, basteln: Sieben Tage die Woche haben die Bewohner des Johanniter-Stifts Ansprache, zeigt Alltagsbegleiterin Birgit Hamalega.

© Jana Kötter

KARBEN. Konzentriert schneidet Margot entlang der feinen Bleistiftlinie. Zacken für Zacken entsteht aus dem Tonkarton ein gelber Stern.

 "Schau mal, sieht der gut aus", sagt die 95-Jährige stolz und zeigt den einfachen Pappstern lächelnd Andrea Wünsche, die neben ihr sitzt.

"Alltagsbegleiterin" steht auf Andrea Wünsches Namensschild. Sie ist eine von sieben dieser zusätzlichen Betreuungsassistentinnen, die im Johanniter-Stift im hessischen Karben arbeiten.

Ihre Aufgaben sind - auf den ersten Blick - einfach: Während das Pflegepersonal allein pflegerische Aufgaben wie etwa die Körperhygiene übernimmt, basteln, stricken, turnen oder lesen die Alltagsbegleiterinnen mit den Bewohnern des Pflegeheimes.

Sie schenken den Pflegebedürftigen damit die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die sonst an manch einer Stelle unterzugehen drohen.

Birgit Hamalega reicht Margot das nächste Stück Papier. Liebevoll legt sie ihre Hand auf Margots Schulter: "Der sieht aber schön aus, dein Stern." Birgit Hamalega betreut den Bastelnachmittag gemeinsam mit ihrer Kollegin Andrea Wünsche.

Gemeinsam leiten die beiden Frauen an, führen die Hand, schenken den Bewohnerinnen des Pflegeheims ein Lächeln - und hören zu.

Margots Sitznachbarin Eleonore erzählt viel von Früher, als die fünf Damen der Bastelgruppe die Dekoration des gemeinsamen Wohnbereichs kreieren. "Als ich einmal…"

Leistungen ausgeweitet

Bis zum Inkrafttreten des ersten Pflegestärkungsgesetzes war das Angebot ausschließlich an Demenz Erkrankten mit einer attestierten Alltagseinschränkung vorbehalten.

Mit dem 1. Januar 2015 hat der Gesetzgeber dann jedoch eine Ausweitung der Leistungen für Pflegebedürftige und deren Angehörige umgesetzt.

Eine davon war, dass die sogenannten Alltagsbegleiter oder Betreuungsassistenten - in der Betreuungskräfte-Richtlinie als "zusätzliche Betreuungskraft" bezeichnet - seither allen pflegebedürftigen Menschen in Pflegeeinrichtungen zur Seite stehen, ganz gleich, welche Krankheit, Pflegestufe oder Einschränkung diese haben.

"Es soll erreicht werden, dass den Pflegegästen durch zusätzliche Betreuung und Aktivierung mehr Zuwendung und eine höhere Wertschätzung entgegen gebracht, mehr Austausch mit anderen Menschen und mehr Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ermöglicht wird", erklärt das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Internetseite.

Klare Abgrenzung zur Pflege fehlt oft

Wenn Zeit zum kostbaren Gut wird

Singen, stricken, basteln: Sieben Tage die Woche haben die Bewohner des Johanniter-Stifts Ansprache, zeigt Alltagsbegleiterin Birgit Hamalega.

© Jana Kötter

Es ist Bingo-Nachmittag. Zehn Frauen versammeln sich um den runden Tisch, einige werden von Alltagsbegleiterin Wünsche am Rollator hereingeführt, andere kommen eigenständig aus ihren Zimmern oder werden vom Pflegepersonal im Rollstuhl in den Gemeinschaftsraum gebracht.

Bingo ist eine der beliebtesten Aktivitäten: Der Tisch ist immer bis auf den letzten Platz besetzt, und sogleich wühlen die Bewohnerinnen in ihren Plastiktütchen, in denen die Spielsteine auf ihren Einsatz warten. "Da haben wir…", liest Wünsche die Zahlen vor, "… die Drei!"

Eleonores Augen leuchten, die 86-Jährige setzt ihren Spielstein flink auf das vorbereitete Spielbrett vor sich - die Drei ist belegt, es fehlen nur noch drei weitere passende Zahlen zum Sieg.

Andrea Wünsche strickt mit den Bewohnern, liest Bingo-Zahlen vor, bastelt - aber sie übernimmt keine originären Pflege-Aufgaben. Doch nicht in jedem Pflegeheim ist diese Grenze so klar gezogen wie im Karbener Johanniter-Stift.

Vielleicht auch, weil eine klare Abgrenzung zwischen betreuender und pflegender Tätigkeit in Paragraf 2 Absatz 1 der Betreuungskräfte-Richtlinie fehlt: "(…) Als Betreuungs- und Aktivierungsmaßnahmen kommen Maßnahmen und Tätigkeiten in Betracht, die das Wohlbefinden, den physischen Zustand oder die psychische Stimmung der betreuten Menschen positiv beeinflussen können", heißt es dort.

So werden Themen wie Essen anreichen und Toilettengänge von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich gehandhabt.

"Bedarf wird gestopft!"

"Im Alltag zeigt sich leider an vielen Stellen, dass diese Abgrenzung nicht klar eingehalten wird", kritisiert Ursula Kriesten, Leiterin der Akademie Gesundheitswirtschaft und Senioren Oberbergischer Kreis und Mitglied im Bundesverband des Deutschen Berufsverbands für Altenpflege (DBVA).

"Der große Bedarf an Pflegekräften wird durch die Betreuungsassistenten nicht gedeckt. Im Gegenteil, an vielen Stellen wird der Bedarf mit ihnen versucht zu stopfen."

"Bingo!" Eleonore hat die Reihe voll, alle fünf Spielsteine liegen in einer Waagrechten. Andrea Wünsche lächelt und holt den Preis: Es ist heute ein kleiner Schokoriegel.

Die anderen Damen lächeln - doch in ihren Augen steht der Ehrgeiz, die kommende Runde für sich zu entscheiden. "Aber ich kann doch gar kein Bingo…" stammelt da Eleonores Gegenüber verwirrt. "Das habe ich doch noch nie gespielt…"

Die Integration von Demenzkranken in die offenen Gruppen sei nicht immer einfach, sagt Birgit Hamalega. Sie arbeitet oft in Gruppen, die ausschließlich Demenzkranke betreuen. "Die Anforderungen sind dabei viel individueller."

Hamalega, die die Gruppen für Demenzkranke bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes geleitet hat, ist seit zwei Jahren im Johanniter-Stift tätig. "Vorher habe ich in der Schülerbetreuung gearbeitet", erzählt sie. "Da habe ich auf Dauer aber gemerkt, dass das nichts für mich ist."

Mindestens 160 Stunden Theorie

Eine Qualifizierung zum Betreuungsassistenten umfasst mindestens 160 Stunden theoretischen Unterricht und praktische Abschnitte, etwa eine Hospitation und ein Praktikum.

Die Ausbildung wird von privaten und kirchlichen Einrichtungen, oft in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur, durchgeführt. Viele der Alltagsbegleiterinnen sind - wie Hamalega - Quereinsteigerinnen.

"160 Stunden - im Vergleich zu 2100 Stunden, die eine examinierte Pflegekraft absolviert", stellt DBVA- Mitglied Kriesten heraus.

Und spricht damit einen Punkt an, den viele Wohlfahrtsverbände am Konzept der Alltagsbetreuer kritisieren: Wesentlich schlechter ausgebildet als Pflegefachkräfte übernehmen sie im Alltag - dem Fachkräftemangel geschuldet - doch Aufgaben, die ihnen nicht zukommen sollten.

"Betreuungskräfte können keinesfalls die Aufgaben von Pflegefachpersonen übernehmen, dazu fehlt ihnen die nötige Qualifikation", betont Johanna Knüppel, Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK).

"Bedingt durch unzureichende Personalschlüssel und den Fachkräftemangel in der Altenpflege ist das Risiko hoch, dass im Alltag und unter Zeitdruck pflegerische Aufgaben doch von Betreuungskräften übernommen werden", weiß sie - eine "große Gefahr" für die Pflegebedürftigen.

"Na, das ist doch kein Problem", beschwichtigt Wünsche die aufgewühlte Bingo-Spielerin professionell. "Wir erklären es Ihnen doch. Dann spielen wir eine Runde zusammen, und dann klappt das schon alles." Wie zur Besänftigung streicht sie ihr über den Kopf, während die anderen Frauen - genervt von den immer wiederkehrenden Einwänden der demenzkranken Mitspielerin - die nächste Runde beginnen.

Pflegebedürftige unterschiedlicher Erkrankungen in den Aktivitäten zusammenzuführen ist nicht immer einfach. Doch Einrichtungsleiterin Gabriele Roettger sieht die Vorteile: "Bei uns in der Einrichtung hat das Thema zuvor schon zu einer gewissen Spaltung zwischen den Bewohnern geführt."

Da hätte der ein oder andere "fitte" Bewohner schon einmal nachgehakt, warum der Demenzkranke in den Genuss der zusätzlichen Beschäftigung kommt und er selber nicht.

"Schnippelgruppe" bereitet Suppe zu

Heute haben alle Bewohner des 105-Betten-Hauses sieben Tage die Woche Ansprache in Form von verschiedenen Betreuungsgruppen - sofern sie das möchten. "Dabei geht es nicht nur darum, Zeit verstreichen zu lassen", sagt Roettger im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Ziel sei es, etwas "Sinnvolles" zu tun - also Aufgaben zu übernehmen, die auch dem Zusammenwohnen helfen. Die "Schnippelgruppe" am Donnerstag etwa bereitet die Suppe für das gemeinsame Abendessen vor, in der Bewegungsgruppe turnen 15 Hochbetagte mit einer ehrenamtlich tätigen Studentin, um sich körperlich fit zu halten, die Strickgruppe verschönert das Wohnzimmer mit ihren Kissenbezügen - und verkauft fertige Werke gegen eine Spende.

"Diese Ansprache hilft auch, die Bewohner geistig fit zu halten", betont Roettger. "Ohne diese Förderung würden sie von Mahlzeit zu Mahlzeit in den Tag hineinleben."

"Ich habe sogar noch einmal angefangen, Klavier zu lernen", erzählt eine Dame in der Runde plötzlich. "Letzte Woche hatte ich meine erste Stunde." Wünsche und Hamalega lächeln sich wissend an.

Natürlich flunkert die 96-Jährige - oder hält das gemeinsame Singen der vergangenen Woche plötzlich für eine Klavierstunde, so genau weiß das niemand.

Auch nicht, als Margot daraufhin von ihrem Treffen mit Hape Kerkeling erzählt. "Ja, den habe ich einmal getroffen", verrät sie den anderen Bastlerinnen mit verträumtem Blick.

"Ob der sich wohl noch an mich erinnert?" Die Frauen am Tisch kichern, auch Wünsche und Hamalega lächeln sich an.

Beruf existiert seit 2008

Das Berufsbild des Alltagsbegleiters ist - bei all der immer wieder aufkommenden Diskussion - nicht neu.

Seit der deutschen Pflegereform 2008 existiert er; durch die Schaffung versprach sich die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) eine Linderung des zunehmenden Personalmangels in der Altenpflege und eine Verbesserung der Betreuung stationär Pflegebedürftiger durch zusätzliche Kräfte. Kritiker hingegen befürchteten Probleme durch eine zu geringe Qualifikation.

Auch der Deutsche Pflegeverband (DPV) war anfänglich skeptisch - hat seine Meinung gut ein Jahr nach der Erweiterung des Angebots für alle Pflegebedürftigen jedoch revidiert.

"Nach unserer anfänglichen Skepsis begrüßen wir diese ergänzenden Dienste heute sehr", sagt DPV-Geschäftsführer Rolf Höfert der "Ärzte Zeitung" - "mit der Betonung auf ,ergänzend‘".

Er appelliert an die Pflegefachkräfte, die im Rahmen ihrer Koordinierungs- und Anordnungstätigkeit gegenüber den Betreuungsassistenten verantwortungsvoll Grenzen ziehen sollten.

Dies gelte umso mehr, als die Zahl der zusätzlichen Kräfte in der Pflege laut Bundesgesundheitsministerium auf bis zu 45.000 wachsen könnte, nachdem das erste Pflegestärkungsgesetz die bisherige Beschränkung auf Demenzkranke aus dem Weg geräumt hat.

Allein im Karbener Johanniter-Stift wurden im Laufe des vergangenen Jahres 3,5 Stellen für Betreuungsassistentinnen geschaffen; vorher haben nur halb so viele Mitarbeiterinnen die Beschäftigung übernommen.

BMG verbucht positive Resonanz

Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) weise alles darauf hin, dass das Angebot positiv angenommen werde. Zwar liegen keine aktuellen Beschäftigungszahlen vor, teilt ein Sprecher auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" mit. "Doch die Ausgaben in dem Bereich sind seit 1. Januar 2015 um 33 Prozent gestiegen, was darauf hinweist, dass die Pflegeheime mehr zusätzliche Betreuungskräfte einstellen."

Darüber hinaus hätten zum Stichtag 30. September 2015 laut GKV-Spitzenverband bereits 71 Prozent der vollstationären Pflegeeinrichtungen auf die neue Betreuungsrelation 1:20 (zuvor 1:24) umgestellt.

Das Grundproblem, sagt Einrichtungsleiterin Roettger jedoch ebenso wie die Verbände, bleibe: "Es herrscht ein Mangel an Pflegefachkräften, und dieses Problem wird sich in Zukunft verschärfen." Daran könnten auch die Alltagsbegleiter nichts ändern.

Es ist 17 Uhr, die Betreuungsstunde ist um. Langsam werden die letzten Papierschnipsel zusammengeräumt, die letzte Bingo-Siegerin ist gekürt. Lea - eine 19-jährige Pflege-Studentin, die im Johanniter-Stift aushilft - holt die Bewohner ab, bevor es gleich zum Abendessen geht.

Margot hält inne. "Langweilig wäre mir sowieso nicht, ich lese ja viel", sagt die 95-Jährige in verschwörerischem Ton zu Andrea Wünsche. "Aber schön mit euch ist es trotzdem immer wieder."

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