Ärzte Zeitung online, 26.06.2018

Gesundheitsberufe

Teamarbeit wird immer wichtiger

Die Zukunft der medizinischen Versorgung liegt in der interprofessionellen Zusammenarbeit, prophezeit Andreas Westerfellhaus. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung fordert: Das Verhältnis zwischen Ärzten und Pflegenden muss neu justiert werden.

Von Ilse Schlingensiepen

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Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten an einem Tisch: Ein Wunschbild des Pflegebeauftragten.

© lenetsnikolai - stock.adobe.com

BERLIN. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, hält eine Neuordnung der Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen für dringend notwendig.

Es sei eines seiner Ziele, dazu einen Vorschlag zu erarbeiten, sagte Westerfellhaus auf der Jahrestagung des Verbands der privaten Krankenversicherung in Berlin. "Die Gesundheitsversorgung der Zukunft werden wir nicht mit spezialisierten Einzelkämpfern bestreiten, sondern mit interprofessionellen Teams."

Die Pflegeberufe hätten sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, daraus sei ein neues Selbstbewusstsein entstanden.

"Zum Selbstbewusstsein gehört auch, dass sich die Pflegeberufe nicht mehr als Handlanger anderer Professionen verstehen", erläuterte der Staatssekretär, der bis zu seiner Ernennung Präsident des Deutschen Pflegerates war.

Frustrierende Diskussionen

Man müsse den Pflegenden die Möglichkeit geben, das zu tun, was ihrer anspruchsvollen Tätigkeit entspricht. "Die Pflegenden kritisieren vor allem eins: dass sie das, was sie gelernt haben, nicht anwenden dürfen", betonte er.

Die ständige Diskussion über die Substitution und Delegation von Leistungen sei frustrierend für sie. "Wer Versorgungssicherheit ernst meint für die Zukunft, muss sehen, dass sie nur interprofessionell zu erreichen ist."

Das Verhältnis zwischen Ärzten und Pflegenden sowie den therapeutischen Berufen wie Physiotherapeuten und Ergotherapeuten müsse deshalb neu justiert werden. "Wir brauchen einen Kompetenzmix."

Westerfellhaus begrüßte, dass sich die Wahrnehmung des Themas in der Ärzteschaft verändere. So mache sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat für ein Sofortprogramm gegen den Pflegemangel stark. "Das ist ein wichtiges Zeichen."

Auch Internisten, Kardiologen und Urologen hätten schon Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet, berichtete er. Notwendig seien gut abgestimmte berufsgruppenübergreifende Versorgungsstrukturen.

Digitalisierung könnte wichtig werden

Dabei kann die Digitalisierung nach seiner Einschätzung eine wichtige Rolle spielen. "Die Überarbeitung des eHealth-Gesetzes darf nicht hinausgezögert werden."

Nicht nur zwischen den Pflegenden und den anderen Gesundheitsberufen muss laut Westerfellhaus die Aufgabenverteilung klar geregelt werden, sondern auch innerhalb der Pflegeberufe. "Wir brauchen ein gesamtes Ausbildungskonzept." Das sollte die qualifizierte Pflegeassistenz, die generalistische Ausbildung sowie ein akademisches Angebot umfassen.

Das Herunterschrauben der Qualitätsanforderungen ist auf jeden Fall der falsche Weg, um den Personalnotstand in der Pflege zu beheben, findet die Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerates Christine Vogler.

Sie kritisierte die Entscheidung des Landes Hessen, dass Altenpflegehelfer künftig keinen Schulabschluss mehr benötigen. So etwas gebe es in keinem anderen Beruf in Deutschland, kritisierte sie. "Das öffnet nicht die Tür für eine höhere Attraktivität der Pflegeberufe."

Das sieht der Vorstandsvorsitzende des Zentrums für Qualität in der Pflege Dr. Ralf Suhr ähnlich. "Das Niveau herunterzuschrauben ist mit Blick auf die Zukunft eine Katastrophe", sagte er. Schließlich nehme die Zahl der multimorbiden und chronisch kranken Menschen zu.

"Nicht alles zerreden"

Westerfellhaus forderte dazu auf, das Thema Pflege und Pflegebedürftigkeit nicht nur unter dem Blickwinkel der alternden Gesellschaft zu betrachten.

Es sei schwierig, dass Pflegebedürftigkeit häufig mit einem Abschnitt am Ende des Lebens assoziiert wird, den niemand erreichen will."Pflegebedürftigkeit betrifft alle Sektoren und Altersgruppen", betonte der Pflegebeauftragte.

In seiner neuen Funktion warnte der ehemalige Chef des Deutschen Pflegerates vor zu großer Ungeduld, was die notwendigen Verbesserungen in der Pflege betrifft. "Die Pflegestärkungsgesetze bewirken wirklich Gutes für die Menschen, wenn sie zur vollen Entfaltung kommen."

Er wies die häufig gehörte Kritik zurück, die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geplante Aufstockung der Zahl der Pflegekräfte um 8000 sei zu niedrig.

"Der Gesundheitsminister hat zu keinem Zeitpunkt gesagt, dass damit Schluss ist." Inzwischen seien ja schon 13 000 zusätzliche Stellen im Gespräch. "Man sollte die Dinge nicht von vornherein zerreden."

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