Ärzte Zeitung online, 22.08.2018

Prozess

Sie gibt den Opfern von Niels H. eine Stimme

Ex-Pfleger Niels Högel soll 98 Patienten zu Tode gespritzt haben. Viele der 120 Nebenkläger vertritt die Anwältin Gaby Lübben. Sie will die persönliche Geschichte jedes Opfers in den Fokus rücken.

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Rechtsanwältin Gaby Lübben in ihrer Kanzlei. Sie vertritt einen Großteil der 120 Nebenkläger in den Prozessen gegen Niels Högel.

© Carmen Jaspersen/dpa

DELMENHORST. In zwei Monaten startet der Prozess um die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. 98 Patienten soll der frühere Krankenpfleger Niels Högel ermordet haben. Fast 100 und damit einen Großteil der 120 Nebenkläger wird Rechtsanwältin Gaby Lübben vor Gericht vertreten. Ihr Ziel: Den Opfern eine Stimme geben. "Die Anspannung steigt", gibt sie zu.

Wenn das Landgericht Oldenburg ab Ende Oktober den Tod der vielen Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst verhandelt, werden die Fakten viel Raum einnehmen. Darin wird es um Details aus Patientenakten, Rückstände von Medikamenten und Aussagen von Gutachtern gehen.

Dazu möchte Lübben ein Gegengewicht bilden. Hinter jedem Opfer steht auch eine persönliche Geschichte. Diese will Lübben vor Gericht erzählen. "Das ist ihnen angemessen", sagt die 41-Jährige.

Dass der Großteil der Hinterbliebenen sich für Lübben entschieden hat, liege an ihrer Erfahrung mit dem Fall, sagt sie. Wegen des Todes von sechs Patienten am Klinikum Delmenhorst musste sich der Ex-Pfleger schon zweimal vor Gericht verantworten. Seit dem bislang letzten Prozess sitzt er lebenslang in Haft. In dem Verfahren war auch Lübben schon als Nebenklage-Vertreterin dabei.

Ahnungs- und fassungslos

Als sie damals die Akten auf den Tisch bekam, sei sie fassungslos gewesen. "Ich habe erstmal gar nicht kapiert, worum es geht – wir alle nicht", berichtet sie sich. Zu grauenhaft war der Gedanke, dass ein Pfleger seine nichts ahnenden Patienten zu Tode spritzen könnte. Geschockt sei sie vor allem gewesen, als sie realisierte, dass es noch viel mehr als die angeklagten Fälle geben muss.

Im Februar 2000 tötete Högel nach Ansicht der Ermittler zum ersten Mal am Klinikum Oldenburg. Dann wieder und wieder, über Jahre. Erst im Sommer 2005 nahm das Morden ein Ende, als eine Kollegin den Pfleger auf frischer Tat ertappte.

Mit Beginn des jüngsten Prozesses endet für die Familien der Opfer eine lange Zeit des Wartens. "Sie sind froh, dass es vorangeht", sagt Lübben. Doch der Gang vor Gericht, dem mutmaßlichen Täter zum ersten Mal ins Gesicht sehen, das werde für ihre Mandanten nicht einfach. "Ich möchte sie möglichst stark durch den Prozess bringen", sagt Lübben.

"Die Menschen auffangen"

Seit vielen Jahren arbeitet Lübben ehrenamtlich für den Opferhilfeverein Weißer Ring. Im Gericht werden bis zu sechs Mitarbeiter der Organisation die Nebenkläger betreuen. "Wir sind vor Ort, um die Menschen aufzubauen und zu stützen", sagt Petra Klein, die die Oldenburger Außenstelle des Weißen Rings leitet.

Obwohl Niels Högel schon lebenslang in Haft sitzt, sei der neue Prozess für die Angehörigen nicht verzichtbar. "Die meisten erwarten, dass der mutmaßliche Täter Verantwortung übernimmt. Das ist viel wichtiger für sie als eine Strafe."

Der Prozess wird die Nebenkläger viel Kraft kosten, aber auch die Menschen, die sich um sie kümmern. "Das ist emotional belastend", sagt Lübben. Das enge und persönliche Verhältnis zu ihr hat Christian Marbach als sehr tröstlich empfunden: Sein Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich bereits vor Gericht verantworten musste.

"Gaby Lübben setzt sich weit über ihre berufliche Arbeit hinaus für die Opfer und Angehörigen ein", sagt Marbach. Halt findet Lübben bei ihrem Mann und ihren drei Kindern, Ablenkung beim Bogenschießen und Klettern.

Weitere Prozesse in Aussicht

Nach dem Urteil, das nächstes Jahr im Mai fallen könnte, kann Lübben nur kurz durchatmen. "Das wird nur ein Etappensieg." Danach steht der Prozess gegen vier frühere Kollegen von Högel am Klinikum Delmenhorst und später möglicherweise noch gegen Klinik-Mitarbeiter aus Oldenburg an.

Nach Ansicht der Ermittler waren diese trotz Hinweisen auf die Taten nicht eingeschritten. "Die meisten Nebenkläger wollen die Mitarbeiter und Vorgesetzten in Verantwortung sehen", sagt Lübben. (dpa)

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