Ärzte Zeitung, 06.09.2018

Cochrane-Studie

Pflegekraft statt Hausarzt – die Evidenz ist dünn

Studien aus dem Ausland liefern vage Hinweise darüber, wie sich die Versorgung verändert, wenn hausärztliche Tätigkeiten von anderen Berufsgruppen übernommen werden.

Pflegekraft statt Hausarzt – die Evidenz ist dünn

Pflegekraft oder Hausarzt für die primäre Versorgung? Qualität und Kosten einer entsprechenden Versorgung wurden in einem Review verglichen.

© KatarzynaBialasiewicz / Getty Images / iStock

BERLIN. Was passiert, wenn Pflegekräfte anstelle von Hausärzten die primärärztliche Versorgung übernehmen? Wissenschaftler der Cochrane Kollaboration haben in einem Review insgesamt 18 Studien identifiziert, die dieses Thema behandeln (Cochrane Database of Systematic Reviews, Nurses as substitutes for doctors in primary care, DOI: 10.1002/14651858.C D001271.pub3). Doch die Antworten fallen bescheiden aus.

Sechs Untersuchungen stammen aus Großbritannien, jeweils drei aus den Niederlanden, USA und Kanada. Jeweils eine Studie stammte aus Schweden, Spanien und Südafrika. Verglichen wurden die Arbeiten im Hinblick auf Mortalität, Gesundheitsstatus und Zufriedenheit der Patienten, die Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen und die damit verbundenen Kosten.Vergleichsmaßstab waren jeweils die Ergebnisse einer arztzentrierten Primärversorgung.

Das sind die Kernaussagen des Reviews:

  1. Die Versorgung der Patienten durch Pflegefachkräfte könnte den Studienautoren zufolge im Vergleich zur ärztlichen Versorgung zu "geringfügig weniger Todesfällen führen". Allerdings variierten die Ergebnisse in den Studien, so dass es bei den Todesfällen keine oder nur geringe Unterschiede gebe. Wenn Pflegekräfte ärztliche Aufgaben insbesondere bei Patienten mit chronischen Erkrankungen übernehmen, seien die gesundheitlichen Outcomes "vermutlich ähnlich oder besser". Genannt werden als Beispiele Patienten mit Herzerkrankungen, Diabetes, Rheuma oder Bluthochdruck.
  2. Geringe bis keine Unterschiede fanden die Wissenschaftler in den Studien hinsichtlich der Verschreibungen von Medikamenten oder der Veranlassung weiterer Leistungen. Die Kontaktzeit der Pflegekräfte mit den Patienten ist länger als bei Ärzten, die Patienten nehmen "mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit Folgetermine wahr", heißt es.
  3. Völlig unklar sind die Auswirkungen der Versorgung durch Pflegekräfte im Hinblick auf die Kosten. Die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse in den Studien wird von den Cochrane-Autoren als "sehr niedrig" eingeschätzt.

Die methodische Qualität der Studien sei heterogen, betonen sie. So heißt es einschränkend, die Aussage, eine durch Pflegekräfte vorgenommene Versorgung führe zu geringerer Mortalität, müsse "in weiteren Studien überprüft werden". Denn mal deckte die Versorgung der Pflegekräfte das gesamte Patientenklientel ab, mal waren sie vorrangig für chronisch kranke Patienten zuständig. In wieder anderen Fällen waren ihre Aufgaben auf präventive oder edukative Leistungen beschränkt.

Auch in Deutschland gibt es Versuche, Pflegekräfte im Rahmen von Studien stärker in die ambulante Versorgung einzubinden. So wird beispielsweise in der vom Innovationsfonds geförderten AHeaD-Studie untersucht, wie Patienten mit Demenz arbeitsteilig von Pflegekräften und Hausärzten versorgt werden können. Dabei soll auch analysiert werden, welchen Qualifikationsbedarf Pflegekräfte angesichts der neuen Aufgaben haben. Das an der Universitätsmedizin Greifswald angesiedelte Projekt soll in einem Versorgungskonzept münden, das in ein Modellprojekt nach Paragraf 63 Absatz 3c SGB V transformiert werden kann.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat den Regelungsauftrag 2012 in eine Richtlinie umgesetzt. Darin wird ein abschließender Katalog von ärztlichen Tätigkeiten bestimmt, die im Rahmen von Modellvorhaben auf Pflegekräfte "zur selbständigen Ausübung von Heilkunde übertragen werden können". (fst)

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