Ärzte Zeitung online, 11.09.2018

Fachkräftemangel

Auf der Suche nach einer Lösung für die Pflege-Lücke

Bis 2035 müssen in der Pflege 150.000 zusätzliche Stellen besetzt werden. Gelingt das nicht, geht dies zulasten der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen.

Von Helmut Laschet

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Pflegerin und Schützling — in der Altenpflege fehlen bis 2035 rund 150000 Fachkräfte. Doch woher sollen sie kommen?

© AOK-Mediendienst

BERLIN. Als Folge des demografischen Wandels wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen bis 2035 von derzeit 3,05 Millionen auf dann 4,05 Millionen steigen. Unterstellt, dass die Hälfte davon wie heute professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, werden bis 2035 rund 150.000 zusätzliche Fachkräfte in der Altenpflege benötigt. Dies sind Ergebnisse einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), die am Montag in Berlin vorgestellt worden ist.

Schon heute allerdings gibt es 14.220 offiziell gemeldete offene Stellen für qualifizierte Altenpfleger, die nur schwer besetzt werden können, da auf 100 gemeldete offene Stellen nur 22 arbeitslose Fachkräfte kommen.

Wahrscheinlich, so Professor Michael Hüter vom Institut der Deutschen Wirtschaft betrage das Verhältnis 10 zu 1. Der anhaltende Fachkräftemangel sei – im Unterschied zu anderen Branchen – bundesweit flächendeckend.

Dabei sei die Zahl der Beschäftigten zwischen 2013 und 2016 bei den Fachkräften um 14,5 und bei den Helfern um 15,7 Prozent gestiegen. Ferner habe die Zahl der begonnenen Ausbildungsverhältnisse seit 2003 um rund zwei Drittel auf 23.000 bei den Fachkräften zugenommen.

Entgegen der aktuellen öffentlichen Wahrnehmung seien viele Altenpfleger mit ihrem Beruf zufrieden und ihm überdurchschnittlich treu: drei Viertel der Pflegekräfte verbleiben in ihrem Beruf – höhere Werte gebe es nur bei Ärzten, Zahnärzten und Apothekern.

Einige Probleme

Der positive Trend könne die Lücke aber nicht füllen, auch weil es immer mehr Teilzeitbeschäftigte gebe und als Folge dessen die Zahl der Arbeitsstunden geringer zunehme als die Zahl der Beschäftigten. Zudem wachse die Nachfrage enorm – langfristig bis 2035 um rund 50 Prozent.

Dabei wird unterstellt, dass Leistungsanspruch und Morbidität sich in Zukunft nicht verändern. In der IW-Studie werden Probleme identifiziert, die es erschweren, diese zusätzliche Nachfrage zu befriedigen:

  • Das durchschnittliche Einkommen von Altenpflegern liegt derzeit bei 2621 Euro monatlich, 16 Prozent unter dem Einkommen aller Beschäftigten und 19 Prozent unter dem der Krankenpflege. Der Lohnabstand zwischen Alten- und Krankenpflege ist in den letzten Jahren nahezu konstant geblieben. Die Einführung einer generalistischen Ausbildung berge das Risiko, dass sich vermehrt Auszubildende für die besser dotierte Krankenpflege entscheiden.
  • Eine Chance sei die Digitalisierung, mit der die Arbeitsproduktivität gesteigert und Belastungen, etwa durch Verwaltung, abgebaut werden könne. Dem stehe aber ein hohes Maß an Regulierung der Infrastruktur, bei der Zusammensetzung des Personals und bei den Pflegesatzverhandlungen entgegen. Das verhindere, so kritisiert Hüter, dass Pflegeeinrichtungen aus eigener Kraft imstande sind, Innovationen zu entwickeln und einzusetzen.
  • Bemühungen, ausländische Fachkräfte anzuwerben, könnten Engpässe allenfalls mildern, keinesfalls aber allein das Problem lösen. Derzeit liege der Ausländeranteil in der Altenpflege bei nur fünf Prozent – der Durchschnitt der Wirtschaft bei Fachkräften aber bei acht Prozent. Außerdem sei zu bedenken, dass es in vielen Ländern keine spezielle Ausbildung in der Altenpflege gibt.
  • Die geplanten Fördermaßnahmen des Bundesgesundheitsministeriums im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz bewertet das Institut als bürokratisch "mit letztlich wenig oder nur kurzfristigem Nutzen". Beispiel: Der Digitalisierungszuschuss von 12.000 Euro aus der Pflegeversicherung sei mit der Auflage von Eigeninvestitionen in Höhe von 18.000 Euro verbunden.
  • Ausdrücklich fordert Hüter, die Finanzierung der Pflege zu reformieren: Sie müsse eine echte Teilleistungsversicherung sein, bei der der Eigenanteil der Versicherten festgeschrieben und für die Zukunft kalkulierbar sei. Im jetzigen Teilkasko-Modell laufen Pflegebedürftige Gefahr, bei steigenden Kosten und Preisen steigende Anteile selbst tragen zu müssen oder Sozialhilfe zu beanspruchen.

Konzertierte Aktion vor dem Start

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht in der IW-Studie seinen Kurs in der Pflegepolitik bestätigt, in der Altenpflege zusätzliche 13.000 Stellen für die Behandlungspflege sowie zusätzliche Stellen im Krankenhaus voll zu finanzieren. Das werde zu einem erhöhten Geldbedarf und zu steigenden Beitragssätzen in der Pflegeversicherung führen, die allerdings auch durch Entlastungen etwa bei der Arbeitslosenversicherung kompensiert werden müssten.

"Gute Pflege ist der Gesellschaft etwas wert", sagte Spahn am Montag in Berlin. Die Konzertierte Aktion Pflege stehe nun unmittelbar vor dem Start und soll spätestens bis zur Sommerpause 2019 konkrete Vorschläge vorlegen.

Auch auf die pflegenden Angehörigen könnten in Zukunft zusätzliche Belastungen zukommen. Nach einer ebenfalls am Montag veröffentlichten Repräsentativumfrage von Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse gibt es in der Bevölkerung eine ausgeprägte Bereitschaft, nahe Angehörige in der Familie zu pflegen. 86 Prozent würden dies tun. 60 Prozent davon wären auch bereit, im Beruf kürzer zu treten, zwei von zehn würden sogar eine Auszeit nehmen.

Etwas geringer ist die Bereitschaft mit 79 Prozent, einen demenzkranken Angehörigen zu pflegen. Insgesamt korrelieren die Zahlen mit den Präferenzen in der Bevölkerung hinsichtlich der eigenen Versorgung im Pflegefall: 83 Prozent möchte zu Hause gepflegt werden, immerhin 37 Prozent würden auch in ein Pflegeheim gehen.

Der stellvertretende TK-Vorstandsvorsitzende Thomas Ballast sprach sich dafür aus, alle Chancen der Digitalisierung für die Pflege zu nutzen. Beispielhaft nannte er den Einsatz von Smart-Home-Lösungen wie Sturzsensoren, die dazu beitragen können, dass Pflegebedürftige selbstständig zu Hause leben und ihre Angehörigen entlasten können. Solche digitalen Helfer müssten sich schneller in der Versorgung etablieren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
360°-Blick in der Pflege

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