Ärzte Zeitung online, 16.01.2019

Pflegeberufe

Von prima Klima weit entfernt

Die Pflegebranche sieht noch keine Stimmungsaufhellung in ihrem Bereich. Der Stellenwert des Pflegeberufs gilt als gering. Der Personalnotstand drückt die Einschätzungen zur Patientensicherheit.

Von Anno Fricke

Von prima Klima weit entfernt

Ein Großteil der befragten Pflegekräfte gab an, dass die derzeitige personelle Ausstattung den aktuellen Anforderungen nicht gerecht wird.

© Gina Sanders / stock.adobe.com

BERLIN. Die Pflege und damit der Personalnotstand in der Pflege ist seit mehreren Legislaturperioden ein Schwerpunkt der Gesundheitspolitik. Auch die aktuelle Koalition hat sich dieses Politikfeld auf die Fahnen geschrieben.

Doch trotz Pflege-Sofortprogramm, Konzertierter Aktion Pflege und der Neuaufstellung der Pflegeausbildung hat sich das Stimmungsbild in der Pflegebranche 2018 deutlich eingetrübt. Gleich um 4,7 Punkte rauschte der Wert im Vergleich zum Vorjahr abwärts.

Das geht aus dem CARE Klima-Index 2018 hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Der Index wurde zum zweiten Mal nach 2017 vom Marktforschungsunternehmen Psyma in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Pflegetag ermittelt. Befragt wurden im September Ärzte, Pflegefachkräfte, Patienten und weitere mit der Pflege in Zusammenhang stehenden Berufsgruppen.

Atmosphärisches Bild

Der Klima-Index erhebe nicht den Anspruch, ein getreues Abbild der Realität zu zeichnen, sondern vermittele eher die Stimmung in bestimmten Gruppen, sagte die Psyma-Projektverantwortliche Stephanie Hollaus.

Der Index vermittelt also eher ein atmosphärisches Bild, das Verantwortlichen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aber deutliche Hinweise auf Schwachstellen in der Versorgung liefern kann.

Deutlich wird dies zum Beispiel beim Überleitungsmanagement. An den Schnittstellen zwischen akut-stationärer Versorgung und der Langzeitpflege scheint es zu haken (siehe nachfolgende Grafik).

Hatten 2017 noch 33 Prozent der Befragten, insgesamt waren dies 2226 Personen, die Situation beim Entlassmanagement als mittelmäßig eingeschätzt, waren es 2018 bereits 44 Prozent. Heruntergebrochen nur auf die Kostenträger zeigten sich sogar 75 Prozent der Befragten unzufrieden.

Der Personalnotstand drückt sich im Ergebnis ebenfalls deutlich aus. 77 Prozent der Pflegefachkräfte und 89 Prozent der akademischen Pflegekräfte beantworteten die Frage, ob die personelle Ausstattung den aktuellen Anforderungen gerecht werde mit Nein.

Mehr als drei Viertel gaben an, dass sie nicht damit rechneten, dass der Bedarf in den kommenden zehn Jahren gedeckt werden könne.

Besorgniserregende Versorgungsqualität

Die Einschätzungen zur Versorgungsqualität und zur Patientensicherheit seien besorgniserregend, sagte der Präsident des Deutschen Pflegerats Franz Josef Wagner am Mittwoch in Berlin. Mit den vorhandenen Ressourcen und Strukturen würden nurmehr mittelmäßige bis schlechte Qualität erreicht.

Wagner forderte von der Politik die verbindliche Zusage, 100.000 neue Stellen in der Pflege zu schaffen. Mit der Konzertierten Aktion Pflege biete sich dafür eine letzte Chance, das Blatt zu wenden.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, nannte angemessene Löhne und Aufgaben für die Pflegekräfte als vorrangige Ziele. Westerfellhaus verwies auf seine Vorschläge, Prämien für Berufsrückkehrer auszuloben und neue Zeitmodelle (80 Prozent Arbeitszeit bei vollem Lohn) zu erproben.

Weitere Ergebnisse des CARE Klima-Index sind:

»Stellenwert in der Gesellschaft: Der wahrgenommene Stellenwert des Pflegeberufs sinkt. 38 Prozent sehen das Bild des Berufs in der Öffentlichkeit als schlechter an als 2017. Damals empfanden nur 28 Prozent das Bild als geringwertig.

»Stellenwert in der Politik: Trotz zahlreicher Aktivitäten der Koalition halten 74 Prozent der Befragten den Stellenwert der Pflege für die Politik für schwächer als ein Jahr zuvor (69 Prozent). 60 Prozent der befragten Ärzte sehen den Wert der Pflege in der Politik als schwächer an als im Vorjahr (49 Prozent).

»Patientensicherheit: Mehr als jeder zweite (53 Prozent) sieht die Patientensicherheit in der Pflege nur teilweise gewährleistet.

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