Ärzte Zeitung, 23.01.2019

NRW

Personallücke in der Pflege wird größer

Gesundheits- und Pflegepolitik im Teufelskreis: Neue Gesetze lassen den Personalbedarf in den Gesundheitsberufen steigen. In Nordrhein-Westfalen wuchs das Defizit in der Pflege auf 10.000 Vollzeitkräfte.

Von Ilse Schlingensiepen

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Pflegeausbildung mit Puppe: Mit Ausnahme der Altenpflege stagnieren die Ausbildungszahlen, heißt es im Bericht für die Landesregierung in NRW.

© Jens Büttner / dpa

KÖLN. In Nordrhein-Westfalen (NRW) fehlten 2018 rund 10.000 Vollzeitkräfte in der Pflege (siehe nachfolgende Tabelle).

Defizite bestehen laut der "Landesberichterstattung Gesundheitsberufe Nordrhein-Westfalen 2017" in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und in allen Versorgungssektoren. Der wirkliche Personalbedarf liegt noch deutlich über 10.000.

In dem Bericht heißt es: "Ausgehend von den Teilzeitquoten in den Krankenhäusern, die bei rund 50 Prozent liegen und in den teil-/vollstationären Einrichtungen und ambulanten Diensten (mit Teilzeitquoten von 60 bis sogar 70 Prozent) kann von einer Schätzung von mindestens 14.000 Personen ausgegangen werden, um alle Stellen in den Einrichtungen besetzen zu können."

Die Übersicht ist im Auftrag des Landesgesundheitsministeriums vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln erstellt worden.

Neue Gesetze treiben Nachfrage

In dem vorherigen Bericht, der im März 2016 erschienen ist, hatte die Lücke bei den Pflege-Vollzeitkräften noch 2300 betragen. Als einen Grund für die deutliche Steigerung sieht Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) die Ausweitung des Versorgungsangebots der Pflegeeinrichtungen.

"Wichtige Gesetzesvorhaben wie das Pflegepersonalstärkungsgesetz verursachen notwendigerweise eine weitere Nachfrage nach pflegerischen Fachkräften", schreibt er im Vorwort zum Bericht.

Hinzu kommt die Ausbildungssituation in der Pflege, die ihm große Sorgen macht. Mit Ausnahme der Altenpflege stagnieren die Ausbildungszahlen, was nicht an einem Mangel an Bewerbern liegt.

In Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie sieht es nicht besser aus. Um für einen neuen Schub zu sorgen, habe NRW zum 1. September die Schulgeldfreiheit in diesem Bereich eingeführt, betont Laumann.

Eine besondere Herausforderung bei den Gesundheitsberufen ist für Laumann das große Ausmaß der Teilzeittätigkeit. Sie ermögliche zwar eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, erfolgte aber nicht immer freiwillig. Oftmals seien belastende Arbeitsbedingungen die Ursache für die Entscheidung.

In über 40 Prozent der ambulanten Dienste müssen Klientenanfragen abgelehnt werden.

Aus dem Bericht des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung

"Für die Einrichtungen im Gesundheitswesen wird es in den kommenden Jahren wesentlich darauf ankommen, Bedingungen zu schaffen, unter denen mehr Mitarbeitende in Vollzeit arbeiten wollen", führt der Minister aus. Andere Bundesländer hätten unter gleichen Rahmenbedingungen bessere Zahlen.

Nur rund die Hälfte der ambulanten Dienste und der Kliniken gehen laut dem Bericht in NRW davon aus, dass die Personalausstattung in der Pflege dem tatsächlichen Bedarf entspricht. Bei den teil- und vollstationären Pflegeeinrichtungen beträgt der Anteil 69 Prozent.

Im Vergleich zur vorherigen Erhebung hat sich in allen Sektoren die Situation zugespitzt. Eine Auswirkung: "In über 40 Prozent der ambulanten Dienste müssen Klientenanfragen abgelehnt werden", berichten die Forscher.

Jede zweite Stelle unbesetzt

70 Prozent der Krankenhäuser beschäftigen nach eigenen Angaben genügend Physiotherapeuten, bei den Ergotherapeuten sind es 63,8 Prozent und bei den Logopäden 62,5 Prozent.

"Deutlich ungünstiger schätzen die Krankenhäuser ihre Ausstattung im Hebammenwesen ein", heißt es in dem Bericht. Hier sind es gerade mal 42,8 Prozent.

63 Prozent der Physiotherapie-Praxen können aufgrund des Fachkräftemangels und einer hohen Auslastung Patienten keinen zeitnahen Behandlungstermin innerhalb von vier Wochen anbieten. Noch etwas höhere Quoten gibt es in der Ergotherapie und der Logopädie.

Die Wissenschaftler sehen viele Hinweise für einen deutlichen Fachkräftemangel in den Therapieberufen. "Das potenzielle Wachstum in den Praxen wird durch diesen Personalmangel gehemmt, und bezogen auf die Patientenversorgung müssen längerfristige Behandlungszeiten in Kauf genommen werden."

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