Ärzte Zeitung App, 09.10.2014
 

Krebs

Wissenslücke Tertiärprävention

Patienten mit einer Krebserkrankung überleben heute deutlich länger als noch vor einigen Jahren. Doch mit den Spätfolgen ihrer Erkrankung fühlen sie sich oft allein gelassen. Die Stiftung Lebensblicke will das ändern.

Wissenslücke

Viele Patienten mit einer Krebserkrankung leben heute noch viele Jahre nach der Diagnose.

© Fuse / Thinkstock

HEIDELBERG. "Krebs ist vielfach kein Todesurteil mehr. So leben inzwischen fast zwei Drittel der Patienten mit Darmkrebs länger als fünf Jahre.

Die Patienten wollen wissen, was sie tun können, dass sie gesund bleiben", sagt Professor Jürgen Riemann, der Vorsitzende der Stiftung Lebensblicke e.V. , die sich bisher vor allem für die Früherkennung von Darmkrebs stark gemacht hat.

Es sei an der Zeit, sich nun verstärkt auch der Tertiärprävention zuzuwenden. Dieses Thema sei in der öffentlichen Wahrnehmung bislang unterrepräsentiert, so Riemann.

Zehn Jahre später noch Beschwerden

Krebsforscher, Onkologen und Psychologen legten bei dem Auftakttreffen zu einer konzertierten Aktion "Tertiärprävention bei Krebs" am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg den Finger in die Wunde:

So wüssten etwa 40 Prozent der Patienten nichts über Langzeitfolgen und Spätkomplikationen nach Krebs und ebenso viele litten unter emotionalen Folgeproblemen, für die sie keine professionelle Hilfe erhalten.

Über 70 Prozent klagten noch länger als zehn Jahre nach der Ersterkrankung über Gesundheitsprobleme, berichtete Professor Georgia Schilling, Onkologin an der Klinik für Tumorbiologie Freiburg Ergebnisse aus amerikanischen Befragungen von Krebspatienten.

Nachsorge ist mehr als Rezidivsuche

Die strukturierte Nachsorge sei beim kolorektalen Karzinom im Stadium II und III durch die S3-Leitlinie während der ersten fünf Jahre zwar geregelt und werde auch wahrgenommen, doch "Nachsorge muss mehr sein, als die Fahndung nach Rezidiven", sagt Professor Hans-Helge Bartsch, Klinikumsvorstand der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg.

Häufig sei unklar, wer die Nachsorgebetreuung zu welchen Zeitpunkten übernehme. Der Hausarzt? Der Onkologe? Das Krebszentrum?

Detaillierte Nachsorgepläne und spezielle Informationsveranstaltungen beziehungsweise -materialien sowie eine verbesserte Koordination der Nachsorge könnten die Schnittstellenproblematik zu den niedergelassenen Hausärzten, die einen Großteil der Patienten im Laufe der Nachsorge übernehmen, lösen, heißt es in dem Positionspapier der Initative.

Konkrete Ratschläge erwünscht

Patienten wünschten klare Empfehlungen, wie sie ihr Überleben verlängern können. So zeigten beobachtende Studien schon jetzt einen klaren Nutzen von Sport und Bewegung in der Tertiärprävention von Darmkrebs.

Auch gäbe es positive Hinweise für die Einnahme von Aspirin zur Senkung des Rezidivrisikos. Welche Patienten davon profitierten, müsse in klinischen Studien geklärt werden, sagt Professor Cornelia Ulrich.

Evidenzbasierte Leitlinien für Ärzte und Patienten in Bezug auf Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel, sportliche Aktivität, Chemoprävention wie Aspirin und NSARs sollen mit der ColoCare-Studie unter der Leitung der Heidelberger Krebsforscherin entwickelt werden.

Positionspapier aufgelegt

Um Daten über die Zahl der Rezidive zu gewinnen und eine geeignete Risikostratifizierung anhand moderner Biomarker vorzunehmen ist nach Auffassung der Initiative das bundesweite Nationale Krebsregister eine einzigartige Möglichkeit, die man nutzen sollte.

Das Positionspapier zur Tertiärprävention bei Darmkrebs soll in Kürze veröffentlicht und den Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen zugeleitet werden. (bd)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Nachsorgen ein Leben lang

[09.10.2014, 06:46:33]
Thomas Sitte 
"Palliation ist Prävention"
„Palliation ist Prävention
So kann Palliation als Haltung definiert werden im Sinne einer umfassenden Behandlung und Betreuung, die die bio-psycho-sozio-spirituellen Belange eines Menschen berücksichtigt. Sie befindet sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen Ökonomie, Fürsorge und Eigeninteressen. Dabei lassen sich die unterschiedlichsten Herausforderungen benennen [Eichner 2010].
Das deutsche Sozialrecht kennt neben der Kuration (Heilung) als Ziel der Leistungserbringung nur die Prävention (Vorbeugung), nicht die Palliation (Linderung).
Da Kuration krankheitsbedingt nicht möglich ist, entfällt der sonst in der Medizin übliche Heilungsauftrag des Patienten an die Versorgenden. Im Vordergrund steht die Kontrolle belastender Symptome auf ein für den Patienten und sein soziales Umfeld erträgliches Maß. Damit werden die Kriterien der Tertiärprävention erfüllt. Statt einer maximaltherapeutischen Versorgung einer Höchstleistungsapparatemedizin [Lob-Hüdepohl 2009] ist Ziel die angemessene Symptomkontrolle. Hierdurch wird eine weitere Verschlechterung des Gesundheitszustands verzögert und eine verbesserte Lebensqualität erreicht, sowie eine mögliche unerwünschte Übertherapie verhindert und die vorhandenen medizinischen und volkswirtschaftlichen Ressourcen werden schonender eingesetzt. (Siehe Definition „Tertiärprävention“)
Nebeneffekt und aber nicht primäres Ziel ist hierbei die Einsparung von Kosten bei gleichzeitig höherer Zufriedenheit der Patienten mit der Versorgung und der Lebenssituation. Auch ist vielfach nachgewiesen worden, dass durch die angemessene Symptomkontrolle von z. B. Atemnot, Schmerz, Übelkeit die verbleibende Lebenszeit nicht abnimmt. Wird in der Palliativsituation der Schwerpunkt auf die Kontrolle der belastenden Symptome gelegt mit dem Ziel die Lebensqualität in der verbleibenden Lebensspanne zu erhöhen kommt es hierdurch durchschnittlich zu einer Verlängerung der Lebenszeit [George, Regnard]. Und dies trotz oder auch wegen des Verzichtes auf in der Regel dann nebenwirkungsträchtigere Therapieoptionen mit relativ geringerer Chance auf Lebensverlängerung. Ein positiver Effekt der in der Regel vielen Beteiligten so nicht bewusst ist.
Weder Palliativmedizin noch Palliativpflege sind derzeit Facharzt- bzw. Fachpflegebezeichnungen. Die notwendigen Anforderungen an den Ausbildungsstand und die Berufserfahrung für die Tätigkeit „Palliative Care“ sollten – vor allem im Rahmen der SAPV – aber mit einem solchen Standard vergleichbar sein. Neben der entsprechenden Einstellung und fachlichen Expertise ist insbesondere auch eine große Erfahrung entscheidend für eine angemessene Kontrolle von extremen Symptomen am Lebensende. Fehlt diese Trias im behandelnden Team, wird gehäuft der Wunsch nach aktiver Lebensbeendigung laut.
In Deutschland lehnen die palliativ Versorgenden nahezu vollständig die aktive Sterbehilfe als ethisch inakzeptabel und medizinisch nicht notwendig ab, sondern verstehen Palliativversorgung als klare Alternative zur Tötung auf Verlangen [Alt-Epping e. a. 2010].“
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