Ärzte Zeitung, 01.09.2016

Früherkennung

Neue Kinderrichtlinie jetzt in Kraft

Beratung zum Impfschutz wird Pflicht, Mukoviszidose-Screening für alle Neugeborenene: An diesem Donnerstag treten die neuen Regeln zur Früherkennung bei Kindern in Kraft. Doch zunächst ändert das nicht die Praxis, weil der EBM noch geändert werden muss.

Von Raimund Schmid

Neue Kinderrichtlinie jetzt in Kraft

© Flirt / mauritius images

KÖLN/DÜSSELDORF. Nach jahrelangen Verhandlungen tritt an diesem Donnerstag die neu gefasste GBA-Richtlinie für die Kinder-Früherkennungsuntersuchungen in Kraft. Mit dem Programm (U1 bis U9) wurde auch das gelbe Untersuchungsheft überarbeitet. Zudem soll die Beratung zum Impfschutz verbindlich sein.

Da die neue Vergütung noch nicht im EBM geregelt ist, sind die neuen Inhalte der Kinder-Richtlinie im ambulanten Bereich aber noch keine Kassenleistung. Das könne sich auch noch über ein halbes Jahr hinziehen, bestätigte Dr. Hermann-Josef Kahl, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), der "Ärzte Zeitung". So lange bleibe dem Bewertungsausschuss maximal Zeit, nach Inkrafttreten der Richtlinie den EBM entsprechend anzupassen. Bis dahin bleiben für alle Vertragsärzte, die Kindervorsorgen bis zur U9 abrechnen, die bisherigen Leistungsbestandteile der Kinder-Untersuchungen gültig.

Rund 20 Euro mehr abzurechnen

Da die Kinder-und Jugendärzte laut Kahl mit einer "deutlichen Verbesserung des Honorars" rechnen, können sie sich mit dieser erneuten Verzögerung gar nicht anfreunden. Für die neuen Vorsorgen, die über Selektivverträge bereits Eingang in die Praxen gefunden haben, erhalten sie ein Honorar bis zu 55 Euro. Das sind rund 20 Euro mehr, als sie bei den bisherigen alten Vorsorgen in der Regelversorgung abrechnen können.

Dabei sehen die neuen Richtlinien deutliche Verbesserungen - etwa bei den Untersuchungen zur Entwicklung der Sprache, der Fein- und Grobmotorik sowie der Sehleistung - vor. Auch deshalb ist die Honorar-Anpassung nach Ansicht Kahls überfällig. So werden für die Untersuchungen der Augen von der U2 bis zur U7 heute etablierte Standards zur Durchführung von Sehtests vorgeschrieben. Eine eigene augenärztliche Untersuchung durch Augenärzte ist hingegen von den Kassen abgeschmettert worden.

Zudem wird künftig der entwicklungsneurologische Verlauf von Kindern im Fokus stehen und dabei verstärkt auf das Prinzip "Grenzsteine der Entwicklung" gebaut. Der Hörtest bei der U8 muss künftig mittels Audiometrie erfolgen.

Schließlich können Neugeborene vom 1. September an bundesweit auch auf Mukoviszidose getestet werden. Forciert wurde das Screening zur Früherkennung der erblichen Stoffwechselkrankheit vom Uniklinikum Dresden. Dort werden bereits seit zehn Jahren alle in Ostsachsen zur Welt kommenden Kinder beim üblichen Screening auf diese Erkrankung untersucht.

Keine psychosoziale Anamnese

Der Wunsch der Pädiater, mit Hilfe eines etablierten Fragebogens eine ausführliche psychosoziale Anamnese insbesondere bei entwicklungsgefährdeten und sozial benachteiligten Kindern vorzunehmen, ist hingegen abgeschmettert worden. Damit sei die große Möglichkeit, Kinder "in einem ganzheitlichen Kontext unter Berücksichtigung der Aufwachsbedingungen" zu untersuchen, einmal mehr auf der Strecke geblieben, kritisiert BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach.

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