Ärzte Zeitung online, 13.09.2017

Aufgabe für Ärzte

Deutsche sind gesundheitsinkompetent – wie ändern?

Die meisten Patienten verstehen nicht, was ihnen ein Arzt sagt, so eine Umfrage. Bei einer KBV-Diskussion sind verschiedene Lösungen auf den Tisch gekommen: von einer Medizinstudiumsreform bis zum Schulfach Gesundheit.

Deutsche sind gesundheitsinkompetent – wie ändern?

Häufig haben Patienten keinen Schimmer, was ein Arzt ihnen erklärt: Wie macht man die Bürger kompetenter im Bereich Gesundheit?

© rocketclips / stock.adobe.com

BERLIN. Ärzten fällt bei der Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung der entscheidende Part zu. Darauf hat Professorin Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld heute in Berlin verwiesen.

Enormer Bedarf an verständlichen Infos

Mehr als 54 Prozent der Menschen in Deutschland verstehen nicht, was ihr Arzt ihnen sagt. Auch bei Chronikern wächst mit dem Verlauf der Krankheit das Verständnis dafür nicht zwingend mit. 73 Prozent der chronisch kranken Menschen entwickelt gar keine Expertise für die eigene Gesundheit.

Das sind Erkenntnisse aus einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung der Universität Bielefeld, die in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Berlin diskutiert wurden.

Nach wie vor sind Hausärzte die wichtigsten Ansprechpartner in Gesundheitsfragen. Das Internet folgt demnach nach Fachärzten und Familienmitgliedern auf Platz vier.

Zehn Milliarden Euro Sparpotenzial?

Legt man die Daten für Österreich zugrunde, kommt mangelnde Gesundheitskompetenz die Gesellschaft teuer zu stehen. Drei bis fünf Prozent der Behandlungskosten ließen sich bei einer Ertüchtigung der Bevölkerung in Gesundheitsfragen einsparen, berichtete eine Vertreterin des österreichischen Gesundheitsministeriums. In Deutschland wären das bis über zehn Milliarden Euro im Jahr.

Schaeffer kündigte ein von der Robert Bosch-Stiftung und dem AOK-Bundesverband erarbeitetes Modell für einen Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz für das kommende Frühjahr an.

Nicht dazugehören wird wohl ein Schulfach Gesundheit in den Schulen. Dem hat Staatssekretär Lutz Stroppe eine deutliche Absage erteilt. Gesundheitsbildung sei Sache der Prävention in Lebenswelten, also der Kassen. Die Regierung setzt zudem auf das Nationale Gesundheitsportal, dessen Machbarkeit derzeit vom IQWIG geprüft wird. Dritter Baustein der Regierungsstrategie sei die Verankerung von Gesprächskompetenz im Medizinstudium. (af)

[15.09.2017, 09:41:51]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Krankheits-Inkopetenz vs. Gesundheitsinkompetenz?
Was die Universität Bielefeld gemeinsam mit dem AOK-Bundesverband und der Robert Bosch-Stiftung als Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz plant, ist eine Kopfgeburt. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wolle ein Gesundheitsportal eröffnen, kündigte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen an. Dort solle aber der ärztliche Blickwinkel überwiegen.

Doch worüber haben Politiker und Fachleute in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin eigentlich diskutiert, um mehr Gesundheitswissen und -Kompetenz unter die Leute zu bringen? Meine Patientinnen und Patienten haben i.d.R. zu wenig Krankheitswissen und Krankheitskompetenz, aber keine primären Defizite in ihrer Gesundheitskompetenz, denn sie wissen durchaus, was gesünder wäre, wenn sie es nur realisieren könnten: Deswegen suchen sie mich als primärärztlichen haus- und familienmedizinischen Krankheitsexperten auf. Sie werden dann gezielt an Fach- und Spezialärzte bei besonderen Fragestellungen, die ich selbst nicht lösen kann, überwiesen. Bzw. bei hoher Dringlichkeit, dramatisch zugespitztem Verlauf und potenziell lebensbedrohlichen Entwicklungen in ein Fachkrankenhaus eingewiesen.

Unser humanmedizinisches "Kerngeschäft" in Klinik und Praxis liegt abseits jeglicher Gesundheitskompetenz mit Krankheiten bzw. Krank-Sein unserer Patienten über z. T detektivische Anamnese, Untersuchung, Differenzial-Diagnosen, Beratungen, multidimensionalen Therapien, Palliation in privat- und vertragsärztlicher Praxis, Krankenhäusern und Universitätskliniken. Das wird allerdings insbesondere von Vertretern der alleinigen Aspekte "Gesundheit", "Gesundheitswissen" und paramedizinischem "Gesundbeten" (Stichwort Heilpraktiker-Debatte) falsch eingeschätzt. ??

Das DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) beschreibt einige zehntausend Krankheitsentitäten nach der Internationalen ICD-10-GM-Nomenklatur: Nach ICD-Diagnosen-Thesaurus, Version 4.0, wurden ca. 31.200 beschrieben. Die aktuelle Version der ICD-10 GM 2014 listet in seiner Systematik ca. 13.400 endständige Kodes auf und verfügt in seinem ICD-10 Alphabet über ca. 76.900 Einträge in der EDV-Fassung.

Unsere Kernkompetenz sind die Zehntausenden von Krankheitsentitäten, die ambulanten/stationären Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlung, Operationen, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischen/diastolischen/pulmonalen Hypertonien, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten und Komplikationen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Nierenversagen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten/Prionen oder chronischen Schmerzen, um nur Einiges zu nennen.

Da hilft auch eine wie auch immer geartete "Health Literacy" unseren Patienten/-innen nicht weiter. Zumal sich medizinische Erkenntnisse in Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, Labor, Apparate-Medizin, Psychosomatik, mehrdimensionaler Therapie, Schmerzlinderung, Palliation und Sterbebegleitung permanent weiterentwickeln, in Frage stellen oder revidieren lassen müssen. Trotzdem wird gegenüber Medien, Politik und Öffentlichkeit insbesondere von Medizinbildungs- und Versorgungs-fernen Schichten in Wissenschaft und Praxis immer so getan, als ob Patienten selbst wesentlich klüger und allwissender sein müssten bzw. könnten, als ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Ein einheitlich zuverlässig beurteilbares Laien- und Expertenwissen kann es, wie in allen anderen Wissenschaftsdisziplinen auch, schon gar nicht in der Humanmedizin geben.

"Health Literacy" bedeutet ins Deutsche übersetzt eine möglichst umfassende Kunde von Gesundheit. Literacy im engeren Sinne ist neben dem Spracherwerb die Fähigkeit, mit basalen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen umgehen zu können ("Literacy is traditionally understood as the ability to read, write, and use arithmetic").

Der Begriff "Literacy" ist durch die moderne Sozialforschung umfassend erweitert und modernisiert worden: „The modern term's meaning has been expanded to include the ability to use language, numbers, images, computers, and other basic means to understand, communicate, gain useful knowledge and use the dominant symbol systems of a culture. The concept of literacy is expanding in OECD countries to include skills to access knowledge through technology and ability to assess complex contexts“, so Wikipedia

Medizin-, Krankheits- und Versorgungs-bildungsferne sozialwissenschaftliche Experten/-innen müssen sich als Gesundheitsforscher und Gesundheitswissenschaftler profilieren, um über ihren neuen Wissenszweig Alleinstellungsmerkmale und weiteres Herrschaftswissen aufzubauen. Die niedergelassenen Vertragsärzte, insbesondere die primär bei Krankheits-, Gesundheits- und Präventionsfragen in Anspruch genommenen Familien- und Hausärzte werden in einer sich permanent verändernden Wissenschafts-Gesellschaft in einem dauerhaften Diskurs über unterschiedliche Bewältigungs-Strategien bei Schwangerschaft, Geburt, Leben, Krankheit, Gesundheit, Vorsorge, Früherkennung, Chronizität, Behinderung, Palliation und Sterben gar nicht erst berücksichtigt.

Mf+kG, Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[13.09.2017, 16:05:24]
Dr. Dieter Huelsekopf 
Kein Schulfach - aber..
Einrichtung eines ganzen Schulfaches Gesundheit wäre wohl auch ein wenig viel verlangt,aber 6 - 8 Stunden Unterricht am Ende des 4. und des 8. Schuljahres im Rahmen anderer Fächer (Biologie, Sozialwissenschaften o.ä.)wären andererseits nicht zu viel verlangt.
Dies ist doch klar: Alles was zur Gesundheitsaufklärung nach der Schule vermittelt wird, kommt zu spät, fällt nicht mehr unter den Begriff
"Primärprävention".
D. Huelsekopf zum Beitrag »
[13.09.2017, 13:54:24]
Rudolf Hege 
Kommunizieren lernen...
Kommunizieren will gelernt sein. Der wichtigste Grundsatz dabei: Wenn ich verstanden werden will, muss ich so reden, wie es DER ANDERE braucht. In der Medizin hat man aber oft das Gefühl, dass viele sogar darauf stolz sind, möglichst viele Fachtermini zu verwenden, gerne auch mit fachspezifischen Abkürzungen garniert. Manche Ärzte vergessen, dass sie nicht mehr vor einem Prüfungsausschuss stehen, sondern mit ihren Patienten zusammen sitzen. zum Beitrag »

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