Ärzte Zeitung online, 29.03.2018

Prävention greift zu kurz

Alkohol bleibt Suchtproblem Nummer eins

Obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol mittelfristig sinkt, bergen Bier, Wein und Co. das höchste Suchtrisiko in Deutschland. Mediziner machen eine unwirksame Präventionspolitik mitverantwortlich.

Von Helmut Laschet

Alkohol bleibt Suchtproblem Nummer eins

Wein und Bier bergen Suchtgefahren.

© fotek / stock.adobe.com

BERLIN. Im Jahr 2015 verbrauchte jeder Bundesbürger ab 15 Jahren 10,7 Liter reinen Alkohol. 2013 lag der Pro-Kopf-Konsum genauso hoch, 2011 waren es 0,3 Liter weniger.

Deutschland liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Länder von neun Litern. Der Verbrauch ist damit seit 2000 nur geringfügig gesunken.

Die von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) am Mittwoch in Berlin vorgestellten Daten basieren auf einer Erhebung der Erzeugermeldungen an den Zoll und sind damit präziser als bisherige Angaben; sie erleichtern auch den internationalen Vergleich.

Unschädliche Mengen gibt es nicht

Risiko Passivtrinken

2,65 Millionen Kinder wachsen in einer Suchtfamilie auf. Überdurchschnittlich oft kommt es laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in diesen Familien zu sexuellen Übergriffen, Missbrauch und körperlicher Gewalt.

Etwa acht Millionen Angehörige alkoholkranker Menschen in Deutschland erfahren nach Angaben der DHS zahlreiche Belastungen. "In Extremfällen erfahren sie gar regelmäßig körperliche und sexuelle Gewalt", heißt es.

Neben Rauchen, Bewegungsmangel und Fehlernährung zählt Alkohol zu den besonders gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen.

Dabei gilt nach neueren Erkenntnissen, dass es keine unschädliche Konsummenge von 12/24 Gramm bei Frauen/Männern mehr gibt, wie der Präventionsmediziner Professor Ulrich John von der Uni Greifswald erläuterte: "Das Optimum ist Null!"

Ursächlich für den anhaltend hohen Alkoholkonsum seien auch politische Rahmenbedingungen:

» Ein niedriges Preisniveau für Alkoholika, eine unterdurchschnittliche Inflationsrate, uneinheitliche und vergleichsweise niedrige Steuersätze auf Alkohol sowie keine spezielle Verbrauchssteuer auf Wein.

» Ein ineffektiver Jugendschutz: Testkäufe hätten ergeben, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Jugendlichen rechtswidrig Alkoholika kaufen können; Bußgelder seien zu mild und leicht durch Mehrverkäufe zu kompensieren.

» Nach wie vor große Freiheiten bei der Werbung.

Ärzte sollten Patienten nach Alkohol- und Tabakkonsum fragen

Als eines der wirksamsten Präventionsinstrumente sieht John eine einfache Intervention des (Haus-)Arztes: den Patienten bei jeder Gelegenheit nach dem Alkohol- oder auch Tabakkonsum zu fragen.

Bei der Vielzahl der Arzt-Patienten-Kontakte in Deutschland und aufgrund des guten Vertrauensverhältnisses ergebe sich nachweislich ein verhaltensändernder Effekt, so John. Das Vergütungssystem der Ärzte sei allerdings auf solche Beratungsleistungen nicht ausreichend abgestimmt.

Gestiegen ist im vergangenen Jahr der Verbrauch von Zigaretten (um 1,1 Prozent auf 75,8 Milliarden Zigaretten) und Pfeifentabak (um 29 Prozent auf 2521 Tonnen Pfeifentabak). Jeder achte Deutsche hat inzwischen Erfahrungen mit E-Zigaretten, Männer sind dabei überrepräsentiert.

An den Folgen des Rauchens starben 2013 nach Angaben der DHS 1.212.000 Menschen, das sind 13,5 Prozent aller Todesfälle. Hinzu kommen nach Schätzungen der Suchtexperten noch 3300 Todesfälle als Folge von Passivrauchen.

Die durch Rauchen entstandenen volkswirtschaftlichen Kosten beziffert die DHS auf 79,09 Milliarden Euro, davon 25,4 Milliarden Euro direkte Kosten für die Behandlung tabakbedingter Krankheiten.

Suchtgefahr Glücksspiel

Zu den expansivsten, aber ebenfalls süchtig machenden Konsummöglichkeiten gehört das legale Glücksspiel, von dem auch der Staat durch Erhebung von Lotteriesteuern profitiert. So sind die Umsätze (Spieleinsätze) auf dem legalen Glücksspiel-Markt im Jahr 2016 um 6,3 Prozent auf 45,2 Milliarden Euro gestiegen.

Besonders dynamische entwickelt sich das Geschäft mit Glücksspielautomaten, dessen Umsatz um 8,7 Prozent auf nahezu 30 Milliarden Euro stieg. Ein problematisches Spielverhalten zeigen etwa 326.000 Personen, bei weiteren 180.000 ist es pathologisch.

Zum vierten Mal in Folge ist 2016 die Zahl der Toten durch illegale Droge um 8,7 Prozent auf 1333 gestiegen. Der Hauptgeschäftsführer der DHS, Raphael Gaßmann nennt die fehlende legale Drogensubstitution in Haftanstalten als wesentlich Ursache.

Dies führe zum Konsum illegaler, meist unreiner oder gestreckter Drogen in Gefängnissen. Nach der Haftentlassung komme es häufig zum Konsum von Drogen mit höherer Wirksamkeit und tödlicher Überdosierung.

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