Ärzte Zeitung online, 12.12.2018

Kommentar zu Spahns Psychotherapie-Pläne

Nicht noch mehr Bürokratie!

Ein Kommentar von Wolfgang van den Bergh

vdb

Schreiben Sie dem Autor vdb@springer.com

Die Diskussion um den Zugang zum Psychotherapeuten nimmt weiter Fahrt auf. Damit hatte wohl der Gesundheitsminister nicht gerechnet. Jens Spahn beeilte sich am Mittwoch, festzustellen, dass er bereit sei, seine Pläne nachzubessern. Voraussetzung: Es gibt bessere Vorschläge.

Stein des Anstoßes ist die Idee, psychisch Kranke durch einen Gutachter gezielter und schneller durchs System zu lotsen. Gezielter und schneller? Wie soll das in einem System funktionieren, in dem Patienten etwa bei Angst- und Panikattacken nach einem spezifischen Ereignis (ICD-10 F40 ff) immer noch vier Wochen auf einen Therapeutentermin warten müssen?

Warum sollte ausgerechnet ein zusätzlicher Gutachter die Abläufe beschleunigen? Nochmehr Bürokratie, noch mehr Zeitfresser und das auf Kosten von den Patienten, die wirklich schnelle Hilfe benötigen .

Ob die Zahl psychischer und psychiatrischer Erkrankungen tatsächlich steigt oder „nur“ der Behandlungsbedarf, sei dahingestellt. Fakt ist: Es braucht mehr Therapeuten, insbesondere in der Fläche – ärztliche und nicht-ärztliche! – und keine Gutachter. Die Zeit drängt!

Lesen Sie dazu auch:
Zugang Psychotherapie: Spahn bereit für weitere Gespräche

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[28.12.2018, 10:52:31]
Ruth Ney 
Das Problem liegt an anderer Stelle ...
Zu obigem Kommentar erreichte die Redaktion folgender Leserbrief von Dr. Heiner Melchinger:

als langjähriger Versorgungsforscher im Bereich Psychiatrie/Psychotherapie kann ich Ihren Positionen nicht zustimmen.

Ich darf meine gegensätzliche Position kurz durch ein paar empirisch fundierte Fakten erläutern.

Von den Verbänden der Psychotherapeuten wird kontinuierlich der Eindruck geschürt, dass Patienten, die nicht zeitnah einen Psychotherapieplatz finden, mit ihren Problemen alleine gelassen würden. Ausgeblendet wird dabei, dass es in Deutschland flächendeckend ein breites Spektrum von niederschwelligen Hilfeangeboten für Menschen mit psychischen Problemen gibt (Familie- und Lebensberatungsstellen, Sozialpsychiatrische Dienste, Suchtberatung, Selbshilfezentren, psychosoziale Beratung durch Gewerkschaften, psychosoziale Hilfen im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagement usw. usw.).
In diesen Einrichtungen sind erfahrene und auch psychotherapeutisch qualifizierte Fachleute tätig. In größeren Städten können entsprechende Verzeichnisse für Hilfeangebote den Umfang von Büchern haben.

Die Erfahrung zeigt, dass viele Personen mit psychischen Problemen häufig weder ihren Hausarzt um Rat fragen, noch diese (in der Regel kostenfreien) Hilfeangebote in Anspruch nehmen, sondern direkt mit einem Psychotherapeuten Kontakt aufnehmen.

Ein Vorteil der „abgestuften Versorgung“ liegt darin, dass durch einen frei von Eigeninteressen agierenden Experten bereits im Vorfeld attestiert werden könnte, ob eine Psychotherapie erforderlich wäre oder ob der Antragsteller - zumindest zunächst - auf die Nutzung der Hilfe-angebote unterhalb der Schwelle von Richtlinienpsychotherapie verwiesen werden sollte. Mit einem solchen Vorgehen würden bei den Psychotherapeuten viele frei Kapazitäten geschaffen,

Das Problem der langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz liegt nicht an einer unzureichenden Anzahl von Psvchotherapeuten, sondern vielmehr daran, dass Psychotherapeuten häufig Patienten behandeln, deren Probleme nicht in die Zuständigkeit der GKV fallen (Befindlichkeitsstörungen, Trauerbewältigung usw.). Solchen Patienten kann auch durch die niedrigschwelligen Angebot geholfen werden, oft sogar besser als durch eine langzeitige Psychotherapie.

Der Fall, dass ein Psychotherapeut nach der ersten Sitzung zu einem Patienten sagen würde. „Sie brauchen keine Psychotherapie, ich empfehle Ihnen, zunächst die Beratungsstelle XY aufzusuchen“, kommt vermutlich nicht oder nur in Ausnahmefällen vor. Der weitaus größte Teil der Patienten, die eine Psychotherapie anstreben, verfügt über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau und wird geschickt genug sein, die jeweiligen Problembelastungen so akzentuiert darzustellen, dass der Therapeut eine psychotherapeutische Behandlungsbedürftigkeit attestieren wird.

Patienten mit schwereren Erkrankungen werden von den Psychotherapeuten, die sich ihr Klientel aussuchen können, häufig abgewiesen. So berichten z.B. die Sozialpsychiatrischen Dienste, dass Kooperationen mit niedergelassenen Psychotherapeuten nur in Ausnahmefällen stattfinden würden, weil die Erfahrung zeige, dass Patienten der SpDis von Psychothe-rapeuten in der Regel abgewiesen würden.

Erfahrungen aus verschiedenen Regionen zeigen übereinstimmend, dass mit der Zulassung von weiteren Patienten die Wartezeiten nicht verkürzt, sondern im Gegenteil verlängert werden. Der Faktor der angebotsinduzierten Nachfrage spielt hier eine gewichtige Rolle.

Für Patienten in einer aktuellen Krisensituation wäre zunächst ein eine psychiatrische Begutachtung/Behandlung erforderlich, die dann gegebenenfalls durch Psychotherapie flankiert werden müsste. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass sich durch das Nicht-Erkennen von psychiatrischen Behandlungserfordernissen der Zustand von Psychotherapiepatienten eine Chronifizierung und/oder Verschlechterung bewirken kann..

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Heiner Melchinger
 zum Beitrag »
[13.12.2018, 12:41:15]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Psychotherapie - Terra incognita für den Bundesminister für "Gesundheit"?
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) belegt mit seinen Plänen zur Neuregelung bei psychotherapeutischen Behandlungen, dass er und seine Medizin-bildungsfernen Einflüsterer keine Ahnung vom bisherigen Procedere zwischen Haus- und Familienärztinnen/ärzten bzw. psychologischen Psychotherapeuten/-innen haben. Im primärmedizinischen Bereich gibt es ein abgestuftes, bewährtes Gutachten-Verfahren doch schon längst!

Überweisung an einen Vertragsarzt zur Abklärung somatischer Ursachen vor Aufnahme einer Psychotherapie (Muster 7) und der Konsiliarbericht vor Aufnahme einer Psychotherapie (Muster 22). http://www.kbv.de/html/27068.php

Als Haus- und Familien-Mediziner fülle ich Muster 22 fast täglich aus. Die Überweisung nach Muster 7 kommt selten vor, weil meine Patientinnen und Patienten vor Aufnahme einer Psychotherapie grundsätzlich körperlich komplett von mir und von den somatisch tätigen Fachkollegen untersucht und differenzialdiagnostisch abgeklärt wurden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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