Ärzte Zeitung, 13.03.2013

Gesundheits-Vergleich

Im Osten krankt's

Die Gesundheitsdaten der WHO zeigen: Europa ist immer noch ein geteilter Kontinent. Bei der Lebenserwartung, den Sterberaten, aber auch beim Tabak- und Alkoholkonsum gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten.

Von Anno Fricke

Im Osten krankt's

In einigen osteuropäischen Ländern senkt der bedenklich hohe Alkoholkonsum die Lebenserwartung vor allem von Männern erheblich.

© dpa

BERLIN. Die Europäer leben immer länger, die Kindersterblichkeit ist die niedrigste der Welt. Die Menschen in Europa leben auch gesünder.

Das lassen die Umweltbedingungen zu, wenn man nur auf die Durchschnittswerte blickt. Im weltweiten Vergleich schneidet der alte Kontinent deshalb gut ab.

Dennoch stimmen die Nachrichten im jetzt von der Weltgesundheitsorganisation vorgelegten "Europäischen Gesundheitsreport 2012" nicht uneingeschränkt froh.

Mehr bakterielle Erreger breiten sich aus

Die WHO-Region "Europa" umfasst - geografisch nicht korrekt - auch die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, die Türkei und Israel.

Nicht alle der 900 Millionen Menschen in den 53 von der WHO untersuchten Staaten profitieren gleichermaßen vom durchschnittlichen Anstieg der Gesundheitsstandards.

Je weiter nach Osten die Autoren des Reports blicken, desto düsterer wird das Bild. Die schwachen Nationaleinkommen, die ungleiche Verteilung der Vermögen und im Vergleich zum reichen Westen schlechtere Umweltbedingungen sorgen für höhere Gesundheitsrisiken dieser Bevölkerungen.

Risiken treffen nach Einschätzung der Autoren des Gesundheitsreports alle Bewohner Europas. Tuberkulose und mehr bakterielle Erreger lebensbedrohlicher Infektionen breiteten sich aus.

Es sei geboten, neue wirksame Antibiotika zu entwickeln. Ansonsten könnten sich die Resistenzen weiter ausbreiten und Europa in Verhältnisse zurückfallen, wie sie vor der Entdeckung der Antibiotika.

Ungleiche Lebenserwartung

Die Gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen hat daher ein neues Gesundheitsziel aufgestellt. Gesundheit soll nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit definiert werden.

Europa soll zum Wohlfühl-Kontinent werden, dessen Bewohner sich idealerweise im "Zustand der vollkommenen, körperlichen, geistigen und sozialen Gesundheit" befinden, heißt es in der Gesundheits-Agenda der WHO.

Während die Lebenserwartung bei Geburt in der untersuchten Region seit 1980 um fünf Jahre auf durchschnittlich 76 Jahre gestiegen ist, nimmt sie in den weit östlich gelegenen Ländern sogar ab.

2010 lag die Lebensperspektive für Frauen in der untersuchten Region bei durchschnittlich 80 Jahren, die der Männer bei 72,5 Jahren. Nimmt man einzelne Länder in den Blick, offenbaren sich große Unterschiede.

In Spanien, Frankreich und Italien haben heute geborene Mädchen die statistische Chance, 85 Jahre alt zu werden, die Jungen zwischen 77 und 78 Jahre.

Säuglinge in der Republik Moldawien, in Kasachstan und Kirgistan erwartet eine niedrigere statistische Lebenszeit. Dort liegt die Lebenserwartung von Frauen unter 75 Jahren, die der Männer um 65 Jahre und zum Teil sogar noch deutlich darunter.

Mortalitätsraten nehmen ab

Mit der insgesamt steigenden Lebenserwartung einher geht, dass die Mortalitätsraten abnehmen. Über die gesamte betrachtete Region hinweg starben 2010 altersstandardisiert 813 Menschen auf 100.000 Einwohner. 1990 hatte dieser Wert noch bei 1000 gelegen.

Auch hier klafft ein tiefer Graben zwischen Ost und West. So verzeichnete Kasachstan 2010 noch 1452 Todesfälle auf 100.000 Einwohner, die Schweiz am anderen Ende der Skala nur knapp 500. Deutschland zählte etwas mehr als 600 Todesfälle.

Insgesamt erfreulich hat sich die Kindersterblichkeit entwickelt. Sie ist auf 7,3 Fälle auf 1000 Geburten gesunken. Das sind 53 Prozent weniger als noch 1980, als 20 Kinder die Geburt nicht überlebten. Ähnlich positiv haben sich die Fälle von Müttersterblichkeit entwickelt.

Herz- und Kreislauferkrankungen sind die Haupttodesursachen in Europa. Sie verursachen je nach Land zwischen 30 und 65 Prozent aller Todesfälle, gefolgt von Krebs.

Während bei Frauen an dritter Stelle die Atemwegserkrankungen folgen, sind es bei den Männern die Folgen von Unfällen sowie Drogen-, Alkohol- und Nikotinmissbrauch.

Europa liegt inzwischen beim Tabak- und Alkoholkonsum an der Weltspitze. Im Schnitt nimmt jeder Europäer rund zehn Liter reinen Alkohols im Jahr zu sich. In Deutschland sind es eher zwölf Liter, in Moldawien mehr als 20 Liter.

Auch bei den Todesursachen spielt das sozioökonomische Gefälle zwischen Ost und West eine Rolle. Atemwegserkrankungen, maligne Tumoren und Erkrankungen des Verdauungssystems sind in armen wie reichen Ländern etwa gleich oft Ursache von Todesfällen.

Auch bei neuropsychiatrischen Erkrankungen als Todesursachen liegen sie nahe beieinander. Unterschiede tun sich bei Herz-Kreislauferkrankungen als Todesursachen auf. In den ärmeren Ländern sterben daran mehr als dreimal so viele Menschen als in den reicheren.

Tuberkulose im Auge behalten

Im Europa der WHO treten Epidemien übertragbarer Krankheiten vergleichsweise weniger häufig auf als in anderen Teilen der Welt. Das bedeute nicht, dass sich die öffentlichen Gesundheitssysteme nicht stärker damit befassen sollten, heißt es in dem Bericht.

Impkampagnen und Prävention seien weiterhin notwendig. Vor allem die Tuberkulose, Aids und weitere sexuell übertragbare Krankheiten müssten im Blick behalten werden.

In Osteuropa und Zentralasien schnellen die Aids-Raten nach oben. Auch Kinderlähmung, Röteln und Masern seien längst nicht besiegt.

Längeres Leben bedeute einen steigenden Bedarf an Gesundheitsleistungen, stellt die WHO in ihrem Bericht fest. Das wiederum erfordere, bereits heute die Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal zu planen.

Um die heterogene Situation in den 53 betrachteten Ländern überhaupt vergleichbar zu machen und daraus Politikempfehlungen ableiten zu können, bedienen sich die Autoren des WHO-Reports des Maßstabs der Krankheitslast.

Er fasst die Verluste durch frühe Sterblichkeit und durch die Zeit, die Menschen krank verbringen, in einer Kennzahl zusammen, den Dalys (Disability adjusted life years). Osteuropa verliert auch hier, teilweise dreimal so viel wie Spitzenreiter Israel.

Im Osten krankt's

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Gesundheit in Europa - eine Region der Widersprüche

[14.03.2013, 12:06:11]
Dietmar Schobel 
Große Veränderungen brauchen hohe Ziele
Sehr geehrter Herr Laschet!

Stimmt schon, nach den aktuellen WHO-Daten sind viele Staaten Osteuropas - wenig überraschend - von einer "Wohlfühl-Region" sehr weit entfernt. Aber was spricht dagegen, gerade in einer Region in der auf Gesundheitsförderung und Prävention viel Arbeit warten, rasch, pragmatisch und umfassend das kurzfristig Notwendige zu tun, um Infektionskrankheiten einzudämmen und gleichzeitig für die bis 2020 möglichen und notwendigen großen Veränderungen auch hohe Ziele zu stecken?

Das eine schließt das andere meines Erachtens nach nicht aus, und wie Sie richtig anmerken, sollten die westeuropäischen Staaten jedenfalls ein starkes Interesse an entsprechenden Verbesserungen haben. Dabei sollte vor allem auch der Ansatz verfolgt werden, dass Verbesserungen der Gesundheitssituation auch möglichst allen Menschen aus allen Schichten in den betroffenen Ländern zugute kommen.

Mit freundlichen Grüssen,

Dietmar Schobel,
Wien  zum Beitrag »

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