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Ärzte Zeitung, 10.05.2013

Psychotherapie

Verstopfen leichte Fälle die Wartezimmer?

Die Psychotherapeuten klagen über Versorgungsengpässe und lange Wartezeiten. Der vdek will den Grund dafür gefunden haben: Vor allem leichte Fälle verstopften die Praxen. Die Psychotherapeuten sind empört.

wartezimmer-A.jpg

Hier ist nichts verstopft. Bloß bei den Psychotherapeuten sieht es meist anders aus.

© fischer-cg.de / fotolia.com

BERLIN. Die Diskussion um lange Wartezeiten auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten reißt nicht ab. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) wirft den Psychotherapeuten jetzt vor, "bevorzugt leichte Fälle" zu therapieren.

Das habe jedenfalls eine Auswertung der Abrechnungsdaten ergeben, heißt es in einem fünfseitigen Papier des vdek.

Zudem dauerten Psychotherapien häufig sehr lange: Das gelte vor allem für tiefenpsychologisch fundierte und psychoanalytische Therapien. Darüber hinaus liege der Anteil der Gruppentherapien bei niedergelassenen Psychotherapeuten bei lediglich ein bis zwei Prozent.

"Diese drei Faktoren tragen maßgeblich zur unbefriedigenden Wartezeitsituation bei", heißt es in dem Papier.

Um das Wartezeitenproblem zu lösen, müssten also Gruppentherapien stärker gefördert werden. Darüber hinaus will der vdek das Gutachterverfahren abschaffen.

Erst kürzlich hatte sich die Techniker Krankenkasse - die ein Mitglied des vdek ist - in einem Thesenpapier ähnlich geäußert. 25 Prozent der Patienten hätten eine "eher leichte psychische Erkrankung", heißt es darin.

Als Beispiel nennt die TK unter anderem leichte depressive Episoden und Anpassungsstörungen. Professor Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, betonte, dies sei nur ein geringer Anteil.

Zudem sei es grundsätzlich fachlich richtig, leichte Erkrankungen zu therapieren, bevor sie sich zu schweren und chronischen Erkrankungen entwickelten. "Dahinter verbergen sich häufig Patienten, die infolge von äußeren Belastungen mit sich chronifizierenden seelischen Problemen zu kämpfen haben", so Richter.

Sie bräuchten in jedem eine psychotherapeutische Behandlung. "Leicht" sei diese Erkrankung für die Patienten jedenfalls nicht, so Richter. (sun)

[13.05.2013, 09:45:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
vdek entdeckt neues Krankheitsbild: Psychotherapeutische Obstipation?
Da haben die Ober-Psychosomatiker vom Verband der Ersatzkassen (vdek) aber wieder zugeschlagen. Gelernte Sozialversicherungsangestellte, ggf. mit Bachelor oder Master-Abschluss in Gesundheitsökonomie, wähnen sich gleichzeitig als Experten für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Allein der Vorwurf, Psychotherapeuten würden "bevorzugt leichte Fälle" therapieren oder 'null Bock' auf Vollzeit-Tätigkeit haben, ist ein fast sicheres Indiz dafür, dass in den Vorstandsetagen der Krankenkassen geradezu massenhaft gelernte Psychotherapeuten sitzen, die maximal frustriert ob der unsinnigen 'leichten Therapie' der "leichten Fälle" in ihrer Vertragspraxis auf Referatsleiter- und höhere Posten in die GKV-Bürokratie gewechselt haben.

Nur so ist die Frage zu erklären, ob in der Psychotherapie leichte Fälle die Wartezimmer verstopfen? Glücklicherweise ist der nosologische Horizont von Psychotherapie- und Medizin bildungsfernen Kassenvorständen nicht so hoch entwickelt, dass dort noch ein eigenständiges Krankheitsbild inauguriert werden könnte: Die "habituelle Psychotherapeuten-Obstipation"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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[12.05.2013, 21:50:58]
Dr. Frank Roland Deister 
Augenwischerei
Nicht nur in der Ärztezeitung, sondern auch in anderen Medien ist in letzter Zeit viel über die Unterversorgung bei Psychotherapie mit viel zu langen Wartezeiten aufgrund viel zu wenig zugelassenen Psychotherapeuten berichtet worden – sogar mit Hinweisen für Patienten, wie sie mithilfe des im SGB V festgeschriebenen Kostenerstattungsverfahrens Behandlungen auch von nicht zugelassenen, aber approbierten Psychotherapeuten in Anspruch nehmen können - zulasten der Kassen.

Dies ist offensichtlich nicht an den Kassen vorübergegangen. Aber anstatt dass jetzt über die Möglichkeit weiterer Zulassungen nachgedacht wird, holt der Verband der Ersatzkassen zum Gegenschlag aus: Die Psychotherapeuten sind selber schuld an der schlechten Versorgungslage, weil sie ihre Praxen mit der Behandlung von Patienten mit leichten Erkrankungen füllen würden und viel zu lang und auch noch mit den falschen Verfahren behandelten! Wenn man das alles regeln würde - zum Beispiel mit Koordinierungsstellen, wie die TK es vorschlägt -, dann wären alle Patienten untergebracht und es kostet auch nicht mehr!

Leider ist dem nicht so. Wenn die Therapeuten 25 % angeblich „leichte Fälle“ behandeln, dann behandeln sie weit überwiegend eben auch 75 % nicht leicht erkrankte Menschen. Dies ist auch in einer großen Studie zum Gutachterverfahren, die die TK selbst in die Wege geleitet hat, nachzulesen. Die gleiche Studie hat übrigens auch den Nutzen des Gutachterverfahrens bestätigt. Außerdem können aus „leichten Fällen“ unbehandelt auch schnell Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen werden. Hinzu kommt, dass Psychotherapeuten sehr vorsichtig sind mit der Vergabe von Diagnosen von schwer wiegenden seelischen Erkrankungen, um die Patienten nicht allzu schnell mit einem belastenden Etikett zu versehen, das dann über Jahre in ihrer Krankenakte steht.

Auch dass Psychotherapien zu lange dauern, ist ein absurder Vorwurf. Psychotherapien dauern durchschnittlich 36 bis 48 Stunden, wie inzwischen etliche fundierte Versorgungsstudien ergeben haben. Das ist die Zeitspanne, die auch international als notwendig erachtet wird, um eine symptomatische Besserung um 50 bis 90% zu erreichen. Selbst die analytische Langzeittherapie, die nur bei ungefähr 6% der Fälle indiziert wird, kommt im Durchschnitt mit weniger als einem Drittel ihrer maximal möglichen Stundenzahlen aus. Anhand von Diagnosen die Angemessenheit der jeweils angewandten Verfahren und Behandlungsdauern zu beurteilen, ist fachlich nicht haltbar und führt zu falschen Schlüssen.

In einem Punkt hat der vdek jedoch recht. Es gibt zu wenig Gruppentherapien, die in der Tat als ökonomische Behandlungsform Versorgungsengpässe teilweise entschärfen könnten. Um hier eine Verbesserung zu erzielen, müsste allerdings der Aufwand, z.B. was die Gutachterberichte betrifft, deutlich reduziert und diese Leistung angemessen vergütet werden.

Insofern bleibt den Kassen nichts anderes übrig, als für die Psychotherapie etwas mehr Geld locker zu machen, wenn sie die Versorgung verbessern wollen. Alles andere ist Augenwischerei und der Versuch, Versorgungsengpässe durch Leistungseinschränkungen zu verschieben: ein sicheres Potenzial für Versorgungsverschlechterung.

Dr. Frank Roland Deister, bvvp (Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten)
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[12.05.2013, 13:07:11]
Dr. Hans-Peter Stotz 
Komischer Wunsch nach Kontrolle
Behandlungen lassen sich nicht wie industrielle Fertigungsprozesse standardisieren. Dahinter steckt ein kommischer Wunsch nach Kontrolle und nicht nach einer besseren Patietnenversorgung.

Natürlich kann ich als Psychotherapeut schneller arbeiten. Nur meine Patienten können nicht "schneller" denken, da hier Einstellungen und Verhaltensmuster nachhaltig geändert werden müssen.

Gemäß den Leitlinien stellt die Psychotherapie für eine "leichte depressive Episode" die Behandlungsmethoder der Wahl dar. Hier von "verstopfen" von Behandlungsplätzen zu sprechen, widerspricht der evidenzbasierten Medizin.

Die TK-Studie hat auch gezeigt, dass Psychotherapie ein sehr wirtschaftliches Behandlungsverfahren ist, da jeder investierte Euro einen volkswirtschaftlichen Gewinn von zwei bis vier Euro ergibt. In der gleichen Studie zeigte auch das Gutachterverfahren seine Leistungsfähigkeit.

Die Gruppenpsychotherapie ist ein sehr effektives Behandlungsverfahren, wobei die überwiegende Anzahl meiner Patienten in den probatorischen Sitzungen eine Einzeltherapie wünschen. Das der Anteil der Gruppentherapien eher gering ist, wobei eine Vielzahl von Psychotherapeuten eine entsprechende Qualifikation vorweisen kann, hat viele Gründe. Welcher Psychotherapeut wagt es, neue Räume anzumieten und auszustatten, wenn es nach vier Jahren Nullrunde gerade einmal 0,9% Honorarerhöhung gab und man am Ende der Einkommensskala steht?

Übrigens, Wartezeiten gibt es auch bei Neurologen, Orthopäden und anderen Fachärzten.

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[10.05.2013, 19:39:32]
Dr. Enno Maaß 
Öffentliche Diffamierungen als Standardinstrument des VdEK...
Da zeigt die TK-Studie eindrucksvoll, dass Patienten in der ambulanten Psychotherapie vergleichbar "schwer" erkrankt sind, wie im stationären Bereich und der VdEK schafft es tatsächlich, diese Ergebnisse gewissenhaft zu ignorieren. Weiterhin zeigen Untersuchungen, dass die Lebensqualität bei psychischen Erkrankungen mindestens so stark eingeschränkt ist wie bei Krebserkrankungen, und der VdEK schafft es ohne mit der WImper zu zucken, von "leichten" Erkrankungen zu sprechen; ob sich der VdEK das auch bei Krebserkrankungen trauen würde?
Und darüberhinaus Abrechnungsdiagnosen als Status Quo heranzuziehen, obgleich bekannt ist, dass viele Psychotherapeuten zum Schutz der Patienten im Zweifelsfall weniger stigmatisierende Diagnosen wählen?
Na herzlichen Glückwunsch, da wird mal wieder versucht auf dem Rücken psychisch erkrankter Menschen, Kasse zu machen! zum Beitrag »
[10.05.2013, 19:24:23]
Dipl.-Psych. Andread Koch 
Fragwürdige Datengrundlage
Der VdEK beschwert sich darüber, dass die psychodynamischen Therapien zu lange dauerten und somit der Zugang in die Psychotherapie durch angeblich leichte Fälle erschwert sei. In den jüngst veröffentlichten Thesen der Techniker Krankenkasse zur ambulanten Psy<chotherapie lese ich hingegen, dass 50% aller Therapien nach maximal 12 Behandlungsstunden beendet würden, weitere 34% nach spätetstens 25 Stunden beendet würden und nur 16% überhaupt mehr als 25 Stunden dauerten!!!!!! Die TK wertet dies ausdrücklich als Hinweis darauf, dass eher leichtere psychische Erkrankungen behandelt würden. Diese machten, so an anderer Stelle der Thesen aber nur 25% aller Psychotherapien aus. Es ist schon erstaunlich, wie die Krankenkassen aufgrund ihrer vorgelegten Daten zu den im Artikel zitierten Schlüssen kommen!! zum Beitrag »
[10.05.2013, 08:35:54]
Almut Rosebrock 
Menschliches Miteinander schwierig
Schwerer psychisch Erkrankte werden es wahrscheinlich gar nicht schaffen, sich zu einem Therapeuten "durchzukämpfen". Wenn sie keine Unterstützung haben.
Unsere Gesellschaft hat die Ellenbogenmentalität. Keiner hat Zeit, überall geht es um Geld. Wer in diesem System nicht "funktioniert", wird hoffnungslos abgehängt. Trennungen sind "Alltag" durch den Werteverfall - und den (für mich zu) leichtfertigen Umgang mit der Sexualität. Vor allem Mütter mit Kindern und Hartz 4 hängen häufig allein, hilf- und perspektivlos in der Luft. Wenn dann noch das Jugendamt "zuschlägt", ist das Chaos schnell perfekt.
In den Medien werden 500 Zwangsadoptionen in Argentinien bzw. der DDR beklagt. In Deutschland nehmen Jugendämter im Jahr über 30 000 Kinder aus ihren Familien - im Namen des "Kindeswohls". Alleine ich kenne zwei davon betroffene Mütter - die ihre Füße NIE wieder auf den Boden bekommen werden. Es ist das schlimmste Trauma, wenn einer Mutter ihr Kind (in einem Fall war es ein Baby mit 2 Tagen!) weggenommen wird!
Das Kind der anderen Mutter, das seit 7 Jahren im Heim leben MUSS (durch das miese Schnellgutachten eines Psychiaters über die Mutter), ist mit seinen 26 Jahren gerade zum 2. Mal in der Psychiatrie, weil es mit der zerrissenen Situation nicht klar kommt. Seit Jahren ist der Kontakt zur Mutter sogar telefonisch verboten! Wie soll es Menschen so gut gehen?
Aber es gibt eine "Industrie" an Gutachtern, Heimen, Pflegefamilien, Jugendamtmitarbeitern, Soz-Päds. Dipl.-Psychs usw., die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Insofern wird sich so bald wohl nichts an diesen menschenunwürdigen Zuständen ändern. zum Beitrag »

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