Ärzte Zeitung, 06.11.2015
 

Dortmund

Sprechstunden für Roma kommen gut an

Versorgung ohne Nachweis einer Krankenversicherung? Frauen und Kinder aus Rumänien und Bulgarien profitieren von einem speziellen Angebot des Gesundheitsamts Dortmund.

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. Das Gesundheitsamt der Stadt Dortmund hat gute Erfahrungen mit Sprechstunden für nicht krankenversicherte Kinder und Frauen gemacht.

Mit dem niedrigschwelligen Angebot sei es gelungen, ihnen einen Zugang zur medizinischen Versorgung zu ermöglichen, berichtete Renate Breidenbach, Leiterin des Gesundheitsdienstes für Kinder und Jugendliche in Dortmund, beim Dialog Versorgungsforschung NRW in Düsseldorf.

Ende August waren in der Ruhrgebietsstadt fast 7800 Menschen aus Bulgarien und Rumänien gemeldet, 2300 von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Ein Großteil der Zuwanderer sind Roma. "Diese Menschen haben eine defizitäre gesundheitliche Versorgung. Das Hauptproblem ist der fehlende oder ungeklärte Krankenversicherungsschutz", sagte Breidenbach.

Gründe seien die Armut, mangelnde Aufklärung, Berührungsängste, die Diskriminierung im Heimatland und das geringe Bildungsniveau. "80 Prozent unserer Klienten sind Analphabeten."

Männer wollten nicht kommen

Um die Situation zu verbessern, haben die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Mitte 2011 zunächst einmal pro Woche eine Sprechstunde für Kinder und Jugendliche angeboten. "In der Kindersprechstunde haben wir gesehen, dass wir 13- und 14-jährige Mütter haben."

Es folgte die Einrichtung einer gynäkologischen Sprechstunde. Wegen der Nachfrage wurde bei beiden Sprechstunden die Frequenz erhöht, sie werden inzwischen dreimal die Woche abgehalten. Das Gesundheitsamt hatte auch eine infektiologische Sprechstunde für Männer im Programm. "Sie wurde nicht angenommen", berichtete die Ärztin.

Zur pädiatrischen Sprechstunde gehören die Vorsorgeuntersuchungen U1 bis J2, Impfungen nach den STIKO-Empfehlungen, die Untersuchung einzelner Funktionsbereiche bei akuten Erkrankungen, die Mitgabe von Medikamenten und die Beratung.

Die Basisversorgung in der gynäkologischen und infektiologischen Sprechstunde umfasst die Schwangerenvorsorge- und -nachsorge, Untersuchungen zu sexuell übertragbaren Krankheiten, Impfungen, die Medikamentengabe und Laboruntersuchungen.

Übersetzerinnen können helfen

Das Gesundheitsamt arbeitet mit Sprachmittlerinnen, da die meisten Patienten kein oder kaum Deutsch sprechen. "Das schafft Vertrauen", sagte sie. Mit Hilfe der Rumänisch oder Bulgarisch sprechenden Frauen erfolgt die Aufklärung und Beratung zu Gesundheitsthemen.

Ziel der Sprechstunden sei es, Versorgungslücken zu schließen sowie übertragbare und impfpräventable Erkrankungen zu vermeiden, erläuterte Breidenbach. "Was wir nicht leisten können, sind eine umfassende Diagnostik und Therapie."

Außer im Notfall sei die Weiterbehandlung bei niedergelassenen Kollegen oder in Kliniken nicht möglich. Da kein Kostenträger zu finden ist, könnten zudem auch notwendige Heil- und Hilfsmittel nicht verordnet werden.

Die Sprechstunden sind zunächst mit Spenden und Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert worden. Inzwischen stehen Mittel aus dem Haushalt des Gesundheitsamtes zur Verfügung.

Im ersten vollen Jahr 2012 gab es in der Sprechstunde für Kinder und Jugendliche 716 Kontakte, 2014 waren es schon 1517. Bei den Frauen stieg die Resonanz von 349 Kontakten 2013 auf 745 ein Jahr später.

Bis Mitte September dieses Jahres hatten die bulgarischen und rumänischen Frauen die gynäkologische Sprechstunde bereits mehr als 1000 Mal in Anspruch genommen.

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