Ärzte Zeitung, 11.07.2016

Gesundheitskompetenz

Jeder Vierte kennt sich nicht aus

Die nicht ausreichenden und zwischen den sozialen Schichten unterschiedlich verteilten Gesundheitskompetenzen sind verstärkt Thema in der Politik.

Von Anno Fricke

BERLIN. Rund ein Viertel der Bevölkerung kennt sich bei allgemeinen Gesundheitsthemen nicht aus. Das hat eine Studie des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Berliner Charité in Zusammenarbeit mit Pfizer bereits Ende vergangenen Jahres ergeben.

Jetzt rücken Gesundheitskompetenz und ihre Vermittlung stärker in den Fokus der Gesundheitspolitik. Schon heute wird in der Regierung über die direkte Vermittlung von Gesundheitswissen in Kita und Schule nachgedacht, aber auch darüber, Verhaltensänderungen bei Menschen über ihnen nicht bewusste Anreize herbeizuführen. Aus dem Englischen hat man den dort gebräuchlichen Begriff "nudging" zu deutsch: anstupsen entlehnt.

Fehlendes Gesundheitswissen in der Bevölkerung kommt die Beitragszahler teuer. Drei bis fünf Prozent der Kosten im Gesundheitswesen seien nach WHO-Angaben darauf zurückzuführen, dass Informationen nicht richtig fließen. Darauf hat der Abteilungsleiter für Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik und Telematik im Bundesgesundheitsministerium Oliver Schenk in dieser Woche beim Pfizer Forum verwiesen. Übersetzt in deutsche Verhältnisse bedeute dies einen bis zu zweistelligen Milliardenbetrag an Beitragsgeld, sagte Schenk.

Daraus resultierten Bildungsaufträge. Man müsse Wege finden, Patienten qualitätsgesicherte Informationen zur Verfügung zu stellen. "Eine Riesenherausforderung", sagte Schenk. Das Medienangebot zu medizinischen Themen wirke sich direkt auf das Arzt-Patienten-Verhältnis aus. Somit ergebe sich auch ein Bildungsauftrag an die Ärzteschaft, Patientenkommunikation noch stärker in ihre Aus-, Weiter- und Fortbildung zu integrieren. Für die Gesellschaft ergebe sich zudem der Auftrag, ab der Kita Gesundheitswissen zu vermitteln.

Noch einen Schritt weiter ging Dr. Andreas Ludäscher , Geschäftsführer der Pfizer Pharma GmbH. Es sei Zeit für einen interdisziplinären Masterplan. Dazu gehöre die Gesundheitserziehung. Es gelte aber auch sozial schwache Menschen an die Hand zu nehmen. Die seien nicht selbstbestimmt. Die Sprachprobleme von Migranten seien dafür ein Beispiel.

Möglichkeiten, Verhaltensänderungen bei Menschen herbeizuführen, ohne sie direkt mit der Nase darauf zu stoßen wie zum Beispiel bei einer Besteuerung von Fett und Zucker in Lebensmitteln, sprach Menusch Khadjavi an, Professor für Wirtschaftsethik am Kieler Institut für Weltwirtschaft.

"Nudging" ist, auch ohne von der Politik direkt eingesetzt zu werden, bereits verbreitet. So könne zum Beispiel der Aufbau eines Buffets dafür sorgen, dass die Teilnehmer die gesünderen Speisen den fettigen vorzögen. Der Ökonom verwies auf eine politikethische Konsequenz dieses Tuns. Der theoretisch entscheidungsfreie homo oeconomicus werde durch ein in seinen Entscheidungen von der Politik beeinflusstes Wirtschaftssubjekt ersetzt.

[13.07.2016, 07:34:13]
Wolfgang P. Bayerl 
Die "Ärzte" sind hier wieder einmal die falschen Ansprechpartner.
Ökonomen wie Menusch Khadjavi sollten sich bitte an die ökonomisch falsch erziehende Nahrungsindustrie wenden, die mit Milliardenaufwand den Mensch zur falschen Ernährung erzogen hat und nicht wieder die gerade so Verführten mit Streuern bestrafen. Im übrigen ist Fett NICHT ungesund.
Erziehung fängt in der Schule (oder früher) an, ein Dr. wird hier nie gefragt, dazu benötigt man keine englischen Fachausdrücke, zumal die US-Amerikaner nun die schlimmsten von allen sind und die ganze Welt mit ihrem MacDo überschwemmen. zum Beitrag »
[12.07.2016, 14:00:33]
Cordula Molz 
zwei verschiedene Themen
Krankheitskompetenz = Wissen um die eigene Erkrankung, Therapiemöglichkeiten, wie gehe ich damit um? Definitiv Ärztlicher Kompetenzbereich.
Health Literacy - Gesundheitskompetenz = Wissen, das ich brauche, um meine Gesundheit aufrechtzuerhalten und zu verbessern, d.h. Ernährung, Bewegung, Verhalten.. Wenn das alles klappt, sieht man als Patient den Arzt höchstens, um ein paar Blutwerte zu überprüfen.
Warum wird das immer durcheinandergeworfen?

 zum Beitrag »
[12.07.2016, 13:58:50]
Cordula Molz 
zwei verschiedene Themen
Krankheitskompetenz = Wissen um die eigene Erkrankung, Therapiemöglichkeiten, wie gehe ich damit um? Definitiv Ärztlicher Kompetenzbereich.
Health Literacy - Gesundheitskompetenz = Wissen, das ich brauche, um meine Gesundheit aufrechtzuerhalten und zu verbessern, d.h. Ernährung, Bewegung, Verhalten.. Wenn das alles klappt, sieht man als Patient den Arzt höchstens, um ein paar Blutwerte zu überprüfen.
Warum wird das immer durcheinandergeworfen?

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[11.07.2016, 23:49:58]
Thomas Georg Schätzler 
GESUNDHEITSKUNDE, GESUNDHEITSKOMPETENZ, "HEALTH LITERACY"?
Eigentlich geht es eher um die Krankheitskompetenz bei "HEALTH LITERACY" und die Krankheitsbewältigung. Doch der Modebegriff "HEALTH LITERACY", von mir auch mit "Ist das Kunst oder kann das weg?" charakterisiert, ist aus der modernen Versorgungsforschung nicht mehr wegzudenken.

Auf meinem DocCheck Blog habe ich unter
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3875-health-literacy-ist-das-kunst-oder-kann-das-weg/
geschrieben:

Nach der Studie 'Health Literacy in Deutschland' der Bielefelder Professorin Doris Schaeffer fällt es mehr als der Hälfte der Deutschen (54,3 Prozent) schwer, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Bereits die Ergebnisse einer Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen hatten belegt, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, geringem Bildungsgrad und Ältere unterstützt werden müssen. Sie hätten beispielsweise Schwierigkeiten, Beipackzettel zu verstehen oder Informationen einzuschätzen. 44,5 Prozent der fast 2.000 Befragten äußerten Unsicherheit, die Vor- und Nachteile von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten zu beurteilen...Zumal sich medizische Erkenntnisse in Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, Labor, Apparate-Medizin, Psychosomatik, mehrdimensionaler Therapie, Schmerzlinderung, Palliation und Sterbebegleitung permanent weiterentwickeln, in Frage stellen oder revidieren lassen müssen. Trotzdem wird gegenüber Medien, Politik und Öffentlichkeit insbesondere von Medizinbildungs- und Versorgungsfernen Schichten in Wissenschaft und Praxis immer so getan, als ob Patienten selbst wesentlich klüger und allwissender sein müssten bzw. könnten, als ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Ein einheitlich zuverlässig beurteilbares Laien- und Expertenwissen kann es, wie in allen anderen Wissenschaftsdisziplinen auch, schon gar nicht in der Humanmedizin mit ihrer ständig changierenden "conditio humana" geben.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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