Ärzte Zeitung online, 14.09.2017

Gesundheitsfragen

Ärzte sind die ersten Ansprechpartner

Was das Gesundheitswissen angeht, gibt es in Deutschland noch Luft nach oben. Große Hoffnung liegt hier auf den Ärzten, denn sie bleiben die wichtigsten Ansprechpartner in Gesundheitsfragen.

Von Anno Fricke

Ärzte sind die ersten Ansprechpartner

Manche Patienten haben Probleme, ihren Arzt zu verstehen. Daher sollen auch Ärzte in Gesprächskompetenz geschult werden.

© forestpath/stock.adobe.com

BERLIN.Um das Gesundheitswissen ist es in Deutschland schlecht bestellt. Mehr als die Hälfte der Menschen hat Probleme, einen Arzt zu verstehen. Die Zahlen aus einer Bevölkerungsbefragung der Universität Bielefeld sind seit Anfang des Jahres bekannt. Inzwischen haben Regierung und Ärzteschaft das Thema auf die Agenda gesetzt. Am Mittwoch haben Politiker und Fachleute in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin über Strategien diskutiert, mehr Gesundheitswissen unter die Leute zu bringen.

Haus- und Fachärzte sind nach wie vor die ersten Ansprechpartner der Menschen, wenn es um Gesundheitsfragen geht, sagte Professorin Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld bei der Veranstaltung in Berlin. Zur Einschätzung, wie die ärztliche Aufklärung bei den Patienten ankommt, gibt es allerdings sich widersprechende Informationen. Laut der Bielefelder Untersuchung haben 54,3 Prozent der rund 2000 Befragten "große Schwierigkeiten damit, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, verstehen, einordnen und nutzen zu können". Betroffen seien also nicht nur bildungsferne Schichten und Migranten. Die Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ist zu anderen Ergebnissen gekommen. 92 Prozent der Befragten haben demnach aufgrund der Ausführungen ihres Arztes besser verstanden, was für eine Erkrankung sie haben und was das Problem dabei ist.

Regierung und Akteure aus dem Gesundheitswesen und dem Verbraucherschutz haben gleichwohl reagiert. Im Juni wurde die "Allianz für Gesundheitskompetenz" aus der Taufe gehoben. Harte Maßnahmen gegen die grassierende Gesundheitsignoranz sind bislang aber noch nicht sichtbar.

Einem Schulfach Gesundheit erteilte Gesundheitsstaatssekretär Lutz Stroppe am Mittwoch eine Absage. "Ein Schulfach Gesundheit hilft nicht weiter", erklärte Stroppe. Grundlage der Gesundheitsinformation solle vielmehr die Präventionsarbeit der Krankenkassen in Kitas, Schulen und Betrieben sein.

Mit einem Nationalen Gesundheitsportal will die Regierung künftig mit gesichertem und verständlich aufbereitetem Gesundheitswissen in Konkurrenz zum Angebot an Gesundheitsinformationen im Internet treten. Ganz wichtig sei auch die künftig geplante Vermittlung ärztlicher Gesprächskompetenz im Medizinstudium, sagte Stroppe.

Auch die KBV plane ein Gesundheitsportal, kündigte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen an. Hier solle der ärztliche Blickwinkel überwiegen.

Gesundheitswissen hat auch eine ökonomische Bedeutung. Legt man Daten aus Österreich zugrunde, kommt mangelnde Gesundheitskompetenz die Gesellschaft teuer zu stehen. Drei bis fünf Prozent der Behandlungskosten ließen sich bei einer Ertüchtigung der Bevölkerung in Gesundheitsfragen einsparen, berichtete eine Vertreterin des österreichischen Gesundheitsministeriums. In Deutschland wären das bis über zehn Milliarden Euro im Jahr.

Am 18. Februar 2018 will die Universität Bielefeld gemeinsam mit dem AOK-Bundesverband und der Robert Bosch-Stiftung einen Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz vorstellen.

[14.09.2017, 19:32:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Allianz für Gesundheitskompetenz" - ist das Kunst, oder kann das weg?
Was die Universität Bielefeld gemeinsam mit dem AOK-Bundesverband und der Robert Bosch-Stiftung als Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz plant, ist eine Kopfgeburt. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wolle ein Gesundheitsportal eröffnen, kündigte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen an. Dort solle aber der ärztliche Blickwinkel überwiegen.

Doch worüber haben Politiker und Fachleute in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin eigentlich diskutiert, um mehr Gesundheitswissen und -Kompetenz unter die Leute zu bringen? Meine Patientinnen und Patienten haben i.d.R. zu wenig Krankheitswissen und Krankheitskompetenz, aber keine primären Defizite in ihrer Gesundheitskompetenz, denn sie wissen durchaus, was gesünder wäre, wenn sie es nur realisieren könnten: Deswegen suchen sie mich als primärärztlichen haus- und familienmedizinischen Krankheitsexperten auf. Sie werden dann gezielt an Fach- und Spezialärzte bei besonderen Fragestellungen, die ich selbst nicht lösen kann, überwiesen. Bzw. bei hoher Dringlichkeit, dramatisch zugespitztem Verlauf und potenziell lebensbedrohlichen Entwicklungen in ein Fachkrankenhaus eingewiesen.

Unser humanmedizinisches "Kerngeschäft" in Klinik und Praxis liegt abseits jeglicher Gesundheitskompetenz mit Krankheiten bzw. Krank-Sein unserer Patienten über z. T detektivische Anamnese, Untersuchung, Differenzial-Diagnosen, Beratungen, multidimensionalen Therapien, Palliation in privat- und vertragsärztlicher Praxis, Krankenhäusern und Universitätskliniken. Das wird allerdings insbesondere von Vertretern der alleinigen Aspekte "Gesundheit", "Gesundheitswissen" und paramedizinischem "Gesundbeten" (Stichwort Heilpraktiker-Debatte) falsch eingeschätzt. ??

Das DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) beschreibt einige zehntausend Krankheitsentitäten nach der Internationalen ICD-10-GM-Nomenklatur: Nach ICD-Diagnosen-Thesaurus, Version 4.0, wurden ca. 31.200 beschrieben. Die aktuelle Version der ICD-10 GM 2014 listet in seiner Systematik ca. 13.400 endständige Kodes auf und verfügt in seinem ICD-10 Alphabet über ca. 76.900 Einträge in der EDV-Fassung.

Unsere Kernkompetenz sind die Zehntausenden von Krankheitsentitäten, die ambulanten/stationären Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlung, Operationen, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischen/diastolischen/pulmonalen Hypertonien, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten und Komplikationen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Nierenversagen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten/Prionen oder chronischen Schmerzen, um nur Einiges zu nennen.

Da hilft auch eine wie auch immer geartete "Health Literacy" unseren Patienten/-innen nicht weiter. Zumal sich medizinische Erkenntnisse in Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, Labor, Apparate-Medizin, Psychosomatik, mehrdimensionaler Therapie, Schmerzlinderung, Palliation und Sterbebegleitung permanent weiterentwickeln, in Frage stellen oder revidieren lassen müssen. Trotzdem wird gegenüber Medien, Politik und Öffentlichkeit insbesondere von Medizinbildungs- und Versorgungs-fernen Schichten in Wissenschaft und Praxis immer so getan, als ob Patienten selbst wesentlich klüger und allwissender sein müssten bzw. könnten, als ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Ein einheitlich zuverlässig beurteilbares Laien- und Expertenwissen kann es, wie in allen anderen Wissenschaftsdisziplinen auch, schon gar nicht in der Humanmedizin geben.

"Health Literacy" bedeutet ins Deutsche übersetzt eine möglichst umfassende Kunde von Gesundheit. Literacy im engeren Sinne ist neben dem Spracherwerb die Fähigkeit, mit basalen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen umgehen zu können ("Literacy is traditionally understood as the ability to read, write, and use arithmetic").

Der Begriff "Literacy" ist durch die moderne Sozialforschung umfassend erweitert und modernisiert worden: „The modern term's meaning has been expanded to include the ability to use language, numbers, images, computers, and other basic means to understand, communicate, gain useful knowledge and use the dominant symbol systems of a culture. The concept of literacy is expanding in OECD countries to include skills to access knowledge through technology and ability to assess complex contexts“, so Wikipedia

Medizin-, Krankheits- und Versorgungs-bildungsferne sozialwissenschaftliche Experten/-innen müssen sich als Gesundheitsforscher und Gesundheitswissenschaftler profilieren, um über ihren neuen Wissenszweig Alleinstellungsmerkmale und weiteres Herrschaftswissen aufzubauen. Die niedergelassenen Vertragsärzte, insbesondere die primär bei Krankheits-, Gesundheits- und Präventionsfragen in Anspruch genommenen Familien- und Hausärzte werden in einer sich permanent verändernden Wissenschafts-Gesellschaft in einem dauerhaften Diskurs über unterschiedliche Bewältigungs-Strategien bei Schwangerschaft, Geburt, Leben, Krankheit, Gesundheit, Vorsorge, Früherkennung, Chronizität, Behinderung, Palliation und Sterben gar nicht erst berücksichtigt.

Mf+kG, Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[14.09.2017, 14:02:02]
Dr. Nikolaus Kleinau 
Oft fehlt die Zeit
Den Artikel kann man nur begrüßen .Aber ich habe den Eindruck, daß vielen Hausärzten die Zeit fehlt zum Beitrag »
[14.09.2017, 11:55:05]
Dr. Helga Fischer-Klapproth 
Schulfach Gesundheit
Wieso sollte das nicht weiter helfen?
Ich halte es für dringend erforderlich!!! zum Beitrag »

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