Ärzte Zeitung, 20.09.2010

Lipid-Apherese: Honorierung treibt MVZ-Arzt auf die Barrikaden

Seit 1. April wird die Lipid-Apherese in Bayern niedriger vergütet als vorher. Ein Internist aus Kempten sieht langfristig die Behandlung der bayernweit mehr als 200 Patienten gefährdet, da quersubventioniert werden müsse.

Von Jürgen Stoschek

Lipid-Apherese: Honorierung treibt MVZ-Arzt auf die Barrikaden

MÜNCHEN. In Bayern tobt ein Streit um die Vergütung von Apherese-Leistungen. Weil die Bezahlung von heute auf morgen um mehr als zehn Prozent gesenkt wurde, fürchten Insider das baldige Ende der Behandlung Betroffen wären dann etwas mehr als 200 Patienten, die derzeit bayernweit ambulant behandelt werden.

Mit Schreiben vom 17. März 2010 habe die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) mitgeteilt, dass die Pauschale, die im Zusammenhang mit einer Lipid-Apherese bezahlt wird, zum 1. April um rund 130 Euro auf 970 Euro gesenkt wird, berichtet Dr. Franz Heigl vom Medizinischen Versorgungszentrum in Kempten. Begründet werde die Absenkung mit gesunkenen Kosten im Bereich der LDL-Apherese sowie mit dem Ziel, bundesweit eine möglichst einheitliche Regelung zu schaffen.

Tatsächlich sei die Pauschalvergütung der Sachkosten in den vergangenenzehn Jahren stabil bei 1099,28 Euro gelegen, erinnert Heigl. Im gleichen Zeitraum seien die Energie-, Personal- und die Raumkosten allerdings zum Teil deutlich gestiegen. Die 970 Euro, die jetzt bezahlt werden, seien gerade mal ausreichend, um das für eine Behandlung erforderliche Lipid-Apherese-Therapieset zu bezahlen.

Zum Ausgleich aller weiteren direkten und indirekten Kosten müsste die Vergütung eigentlich um etwa 190 Euro auf insgesamt rund 1155 Euro erhöht werden, so die Rechnung des Kemptener Internisten und Kardiologen. "Die Kassen gehen jedoch davon aus, dass alle anderen Kosten der Lipid-Apherese durch das EBM-Honorar in Höhe von 14,70 Euro abgegolten sind", wie Heigl verdeutlicht.

Diese Haltung rühre möglicherweise aus einer Reihe von Missverständnissen, die den Vergütungsstreit von Anfang an begleiten, meint Heigl. So verhandele auf Seiten der KVB die Vorstandskommission Ambulantes Operieren mit den Kassen, obgleich es auch eine Vorstandskommission Blutreinigungsverfahren gibt.

Vertreter der Nierenzentren in Bayern oder aus Apherese-Einrichtungen seien gar nicht hinzugezogen worden. Dies habe offensichtlich dazu geführt, dass die Lipid-Apherese als ambulante Operation und nicht als Blutreinigungsverfahren ähnlich der Dialyse betrachtet wird. Das wiederum habe Folgen, denn bei den ambulanten Operationen gebe es hinsichtlich der Abrechnung von Sachkosten und Praxisbedarf andere Vergütungsprinzipien als bei der Dialyse.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der verfahrenen Situation sei jetzt beabsichtigt, vor Gericht die Frage klären zu lassen, ob es sich bei den 970 Euro tatsächlich um eine Vergütung von Sachkosten oder eine pauschalierte Vergütung der nichtärztlichen Leistungen wie bei der Hämodialyse handelt, teilt Heigl mit.

Mit der seit 1. April geltenden Vergütung seien Apherese-Leistungen auf Dauer nicht mehr kostendeckend zu erbringen und könnten nur noch durch Quersubventionierung aus anderen Vergütungsquellen finanziert werden, erklärt Heigl. Mittel- bis langfristig würde das unabänderlich das Aus für die Behandlung bedeuten.Verlierer einer solchen verdeckten Rationierung, so Heigl, wäre eine kleine Gruppe schwerst kranker Patienten, deren Risiko für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis und daran zu sterben extrem hoch sei. In Bayern gibt es nach seinen Angaben derzeit schätzungsweise 300 Patienten, von denen etwa 220 bei niedergelassenen Ärzten und die übrigen meist in universitären Ein-richtungen behandelt werden. Das MVZ Kempten hat zur Zeit 66 Patienten, die einmal wöchentlich für zwei Stunden zur LDL-Apherese kommen.

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