Ärzte Zeitung, 01.10.2011

Ärzte rechnen Notfalldienst ungenau ab

Ärzte, die im Fahrdienst tätig sind, tragen zu wenige Kilometer ein, berichtet die KVWL. Aufgrund von Fahrten von Patient zu Patient sei dies auch kaum möglich, argumentiert ein Hausarzt.

Von Ilse Schlingensiepen

Ärzte rechnen Notfalldienst ungenau ab

DORTMUND. In der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) erweist sich die Abrechnung der Wegegebühren im zentralen Notfalldienst als problematisch.

Offensichtlich tragen die im Fahrdienst tätigen Ärzte viel zu wenige Kilometer ein, berichtete der zweite KVWL-Vorsitzende Dr. Gerhard Nordmann bei der Vertreterversammlung in Dortmund.

"Wir haben eine deutliche Differenz zwischen den von den Johannitern und dem Arbeiter-Samariter-Bund gemeldeten gefahrenen Kilometern und jenen Angaben aus den ärztlichen Abrechnungen."

Einen möglichen Grund sieht Nordmann darin, dass die Ärzte zwar nach wie vor die Wegegebühren abrechnen müssen, die KV das Geld aber zur Refinanzierung des Fahrdienstes einbehält.

Dennoch sei es notwendig, dass die Kollegen alle Fahrten bei der Abrechnung genau dokumentieren. "Wir brauchen das Geld von den Krankenkassen, um unsere Strukturen zu finanzieren."

Nach der Neuorganisation des Notdienstes werden die Ärzte bei Hausbesuchen von den Hilfsorganisationen gefahren. Dabei gibt es Sternfahrten zu mehreren Patienten.

Bei diesen Fahrten müssen die Mediziner nicht die insgesamt tatsächlich gefahrenen Kilometer angeben, sondern bei jedem Patienten die Entfernung zwischen Praxisstandort und Wohnung des Patienten.

Nach Einschätzung des Hausarztes Dr. Martin Junker haben die niedergelassenen Ärzte im Fahrdienst gar keine Möglichkeit, die Entfernungen genau zu bemessen.

"Das nachträglich zu ermitteln, ist dem Arzt nahezu unmöglich." Junker schlug deshalb vor, dass die Fahrer dem Arzt die tatsächlich gefahrenen Kilometer mitteilen. Sie könnten das problemlos während des Patientenbesuchs in Erfahrung bringen.

Nordmann berichtete, dass die Primärkassen die Vereinbarung zu den Wegegebühren zum 30. September gekündigt haben.

"Das hat sicher mit der Befürchtung der AOK und der anderen zu tun, bei den abgerechneten Kilometern im neuen Notfalldienst nun erheblich zur Kasse gebeten zu werden." Bis eine neue Vereinbarung greife, gelte die bisherige.

KVWL-Chef Dr. Wolfgang-Axel Dryden bezweifelt indes vehement, dass der novellierte Notfalldienst zu höheren Kosten führt. Während ein Hausarzt jetzt eine lange Wegstrecke zurücklege, hätten früher mehrere Ärzte kürzere Wege gehabt.

"Außerdem stellen wir fest, dass die Anzahl der Besuche im Notfalldienst eher rückläufig ist", sagte Dryden. Die Kosten müssten "mindestens stabil" sein.

[07.10.2011, 12:14:16]
Dr. Anne Albus 
Ergänzung: noch eine Milchmädchenrechnung
"KVWL-Chef Dr. Wolfgang-Axel Dryden bezweifelt indes vehement, dass der novellierte Notfalldienst zu höheren Kosten führt. Während ein Hausarzt jetzt eine lange Wegstrecke zurücklege, hätten früher mehrere Ärzte kürzere Wege gehabt."

Das ist doch logisch: wenn mehrere Ärzte kurze Strecken fahren, ist es dasselbe, als wenn ein Arzt lange Strecken fährt, oder?

Zum Beispiel bei zwei Notfalleinsätzen: früher 2 Ärzte mit je 1,5 Entfernungskilometern, macht insgesamt 3 abrechenbare Entfernungskilometer, jetzt fährt 1 Arzt bei denselben Patienten 2mal je 15 Kilometer, macht 30 abrechenbare Kilometer, ist doch bis auf die Null am Ende dasselbe!

Wohlgemerkt: ich möchte nicht gegen die Neuordnung des Notfalldienstes polemisieren, gerade für Landärzte ist es eine große Arbeitserleichterung, wenn man/frau nicht einmal in der Woche nachts durchmachen muss. Aber diese Erleichterung gibt es nicht zum Nulltarif. Auch nicht für die Krankenkassen, die im Rahmen ihres Sicherstellungsauftrages auch für zumutbare Arbeitsbedingungen der Ärzte sorgen müssen. Und da soll man mit richtigen Argumenten in die Verhandlungen gehen, und nicht mit ganz offensichtlichem Blödsinn. Sonst ähnelt das Verhandlungsergebnis wieder dem bei der Honorarverteilung! zum Beitrag »
[06.10.2011, 17:45:02]
Dr. Anne Albus 
die Milchmädchenrechnung der KVWL
"Wir haben eine deutliche Differenz zwischen den von den Johannitern und dem Arbeiter-Samariter-Bund gemeldeten gefahrenen Kilometern und jenen Angaben aus den ärztlichen Abrechnungen", stellt die KVWL erstaunt fest. Wieso erstaunt?

Die von den Johannitern bzw. dem ASB gemeldeten Kilometer können gar nicht mit den Kilometern identisch sein, die der den Notdienst versehende Arzt abrechnen kann, sie müssen zwangsläufig über diesen liegen: der Fahrdienst fährt zwar den Arzt, kann also auch die eigentlichen Einsatzfahrten zum Patienten abrechnen (wobei die Abrechnung wohl nach gänzlich anderer Berechnungsmethode erfolgt: keine Entfernungskilometer von der Praxis, sondern tatsächlich gefahrene Kilometer), er fährt aber zusätzlich von seiner Einsatzzentrale - ggf. mehrfach nachts - zum Arzt, und diese Kilometer kann der Arzt nicht abrechnen. Wenn bei uns z.B. der Fahrer aus dem ca. 30 km entfernten Lüdenscheid anfahren muss - bei Siegen wäre die Situation dieselbe -, dann hat er hin und zurück mindestens 60 Kilometer, die er mehr abzurechnen hat als der Arzt, bei mehrfacher Anfahrt auch möglicherweise ein Vielfaches davon. Ich hatte auch schon den Fall, dass ein Fahrer zunächst von Siegen nach Lüdenscheid fahren mußte, um einen neuen Einsatzwagen abzuholen, um dann die Hälte der Strecke zu mir zurückzufahren. Bei Dienstende dann das Ganze umgekehrt. Bei meinem letzten Nachtdienst wird der Fahrer wahrscheinlich irgendwo in meiner Nähe im Wagen übernachtet haben, um bei einem Einsatz schnell bei mir zu sein. Ich hatte allerdings gar keinen Einsatz, also wieder 60 km, die zwar vom Fahrdienst bei der KVWL, aber nicht von dieser bei den Krankenkassen abgerechnet werden können!

Insbesondere im ländlichen Bereich, wo die Anfahrtswege von der Fahrdienstzentrale zum Arzt weit sind, wird sich diese Diskrepanz dauerhaft halten. Und wenn die Fahreinsätze im Notfalldienst immer seltener in Anspruch genommen werden (siehe oben Herr Dryden, auf die Gründe möchte ich hier gar nicht eingehen, aber eine schlechtere Versorgung dient hier wohl - statistisch - auch der Volksgesundung!), dann wird die Diskrepanz immer größer!

Zum Vorschlag von Herrn Dr. Junker: das führt gerade zu einer nochmals verkürzten Abrechnung der Ärzte, da nicht die tatsächlich gefahrenen Kilometer, sondern die jeweiligen Entfernungskilometer zur Praxis abrechnungsfähig sind, auch wenn "Sternfahrten" erfolgen.

Ich hoffe doch dringend, dass die bundesweit schlechteste Vergütungssituation bei der KVWL nicht insgesamt auf derartigen "kalkulatorischen Fähigkeiten" beruht! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wenn Einsamkeit krank macht

Ein Alterspsychotherapeut warnt: Ältere Männer sind besonders häufig suizidgefährdet. Einsamkeit ist ein Grund dafür. mehr »

Diabetes-Experten sind besorgt

Schon bald könnten mehr Lebensmittel "schlechten Zucker" enthalten. Für die Industrie wird der Einsatz von Isoglukose profitabler. mehr »

PKV bekennt sich zur Innovationsoffenheit

Wird es mit der neuen GOÄ erschwert, Privatpatienten neue Leistungen anzubieten? Vom PKV-Verband kommt dazu ein klares Dementi. mehr »