Ärzte Zeitung online, 11.09.2013
 

PVS-Chef

Die PKV wird auf lange Sicht profitieren

Privatmedizin in der Krise? Von wegen, sagt Stefan Tilgner, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Privatärztlichen Verrechnungsstellen. Gäbe es das Gespenst der Bürgerversicherung nicht, müsste sich keiner über erodierende GOÄ-Honorare sorgen.

Das Interview führte Christoph Winnat

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Stefan Tilgner, Geschäftsführer des PVS Verbands

© PVS Verband

Ärzte Zeitung: Mit Ihrer Studie zu drohenden Einkommenseinbußen für Ärzte, im Falle, dass ein einheitlicher Versicherungsmarkt kommt, haben Sie für einige Fachärzte sicher ein Schreckbild skizziert. Haben Sie da nicht etwas übertrieben? Die dem Bestandsschutz geschuldete Konvergenzphase ist in Ihrem Szenario ja gar nicht enthalten.

Stefan Tilgner: Wir haben im Gegenteil eher ein noch zu positives Bild gezeichnet. Die Befürworter der Bürgerversicherung argumentieren gerne, dass der Bestandsschutz dazu führen würde, dass zunächst lediglich potenzielle Neukunden der PKV in die Bürgerversicherung gelangten, mithin der Exodus nur in homöopathischen Dosen stattfände.

Doch um genau diesen langsamen Prozess zu beschleunigen, setzen Rot und Grün auf ein Wechselrecht in die Bürgerversicherung, das sie für Bestandsversicherte schaffen wollen.

Von diesem Angebot würden sich doch nur alle diejenigen angesprochen fühlen, die sich einen Vorteil davon versprechen. Stichwort "beitragsfreie Mitversicherung für Familienmitglieder" oder im "Rentenalter reduzierte Versicherungsbeiträge". Damit hätten wir einen Run in die Bürgerversicherung. Die GOÄ-Vergütung würde gewissermaßen durch die Hintertür aussterben.

Nun sind es ja nicht nur politische Ideen einer Bürgerversicherung, die den PKV-Markt bedrohen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die Assekuranzen selbst in schwieriges Fahrwasser manövriert haben. Die Begehrlichkeiten der Privaten hinsichtlich gesetzlicher Rabatte oder Erstattungsbeträge spricht für sich. Können Ärzte auch künftig noch mit GOÄ-Honoraren in der Höhe rechnen, wie sie Ihre Studie aufführt?

Tilgner: Warum sollten bei völlig identischen Produkten wie Arzneimitteln, ohne geringste Leistungsdifferenzierung, voneinander abweichende Preise gezahlt werden? Genau da liegt aber der Unterschied zur ambulanten Behandlung. Hier gibt es Leistungsunterschiede im Service, im Zeitaufwand, es gibt zusätzliche oder andere Leistungen und Unterschiede in der Beratung.

Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass Ärzte fest mit ihren GOÄ-Honoraren rechnen können, sofern es nicht zu einer Bürgerversicherung kommt. Aufgrund des demografischen Wandels wird der Kostendruck in der GKV so immens steigen, dass Budgetierung und Rationierung den GOÄ-Anteil automatisch anwachsen lassen werden.

Wie schätzen Sie prinzipiell die Zukunft der PKV ein? Was muss sich strukturell tun, damit das System für Anbieter und Versicherte gleichermaßen wirtschaftlich bleibt?

Tilgner: Wie gesagt, der demografische Wandel, aber auch der medizinische Fortschritt werden den Trend zu einer Grundabsicherung verstärken, den wir aus anderen Sozialversicherungszweigen ja bereits kennen und akzeptiert haben, siehe Hartz 4, Renteneinstiegsalter, Senkung des Rentenniveaus.

Dies soll im Gesundheitswesen nicht so kommen? Die GKV wird von dieser natürlichen Entwicklung mit voller Wucht erreicht werden. In der Folge werden private Vorsorge und damit letztlich die PKV profitieren.

Alles in allem sehe ich also optimistisch in diese doch nahe Zukunft. Allerdings muss die PKV selbst auch noch Fehlentwicklungen in den Griff kriegen. Das betrifft die Portabilität der Alterungsrückstellungen, die Schaffung eines echten Wettbewerbs oder die Abstimmung von Mindestkriterien bei der Tarifgestaltung.

Die Verhandlungen über eine neue GOÄ dauern an. War es zu diesem Zeitpunkt nicht strategisch unglücklich, den enormen Beitrag der PKV zu den Einkommen der Niedergelassenen so dezidiert herauszustellen?

Tilgner: Hätten Sie uns also ein laut klingendes Lamento empfohlen, sobald wir das Wort GOÄ im Munde führen? Natürlich sind die Einnahmen aus privatärztlicher Tätigkeit von erheblicher Bedeutung für das Gesamtsystem, das überwiegend von Budgetierungs- und Kostendämpfung geprägt ist.

Anders ließe sich der hohe Grad der medizinischen Infrastruktur heute doch gar nicht stemmen. Gleichwohl ist die GOÄ hoffnungslos veraltet. Das Leistungsverzeichnis ist über dreißig Jahre alt.

Zahlreiche Novellierungsteilschritte haben zum Teil zu widersprüchlichen und realitätsfernen Vorgaben geführt, die keinem Patienten mehr zu vermitteln sind.

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