Ärzte Zeitung online, 23.03.2017
 

ICD-10

Vertragsärzte kodieren mit Augenmaß

Mit den Upcoding-Versuchen der Krankenkassen ist das Kodieren zusätzlicher Diagnosen durch Ärzte etwas in Verruf geraten. Dabei verhalten sich Vertragsärzte im Vergleich zu Klinikärzten noch moderat.

BERLIN. Die Anzahl der dokumentierten Diagnosen in Arztpraxen steigt deutlich langsamer als die in Krankenhäusern. Wie das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) ermittelt hat, stieg die Anzahl der dokumentierten Diagnosen je Behandlungsfall zwischen 2009 und 2015 in den Krankenhäusern um 22 Prozent, in den Arztpraxen um lediglich 12 Prozent (wir berichteten kurz).

Niedergelassene Ärzte haben demnach zuletzt mit durchschnittlich vier Diagnosen gut ein Drittel weniger kodiert als ihre stationär tätigen Kollegen (6,7 Diagnosen je Behandlungsfall). Die Auswertung basiert laut Zi auf bundesweiten vertragsärztlichen Abrechnungsdaten und Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes.

"Insofern ist es zu begrüßen, dass die ab April geltende Gesetzesnovelle zur Heil- und Hilfsmittelversorgung auf ambulante Kodierrichtlinien verzichtet", kommentiert Zi-Geschäftsführer Dr. Dominik von Stillfried die Ergebnisse. Solche immer wieder ins Gespräch gebrachten Regelungen würden den bürokratischen Aufwand für Ärzte erheblich erhöhen – zulasten der Zeit für Patienten, verlautet vom Zi.

Im Vergleich mit den stationären Zahlen zeige sich, dass auch strenge Richtlinien die Menge der Diagnosen nicht wie erhofft eindämmen. Das Zi vermutet, dass hierfür der enge Zusammenhang zwischen der Vergütung einer Krankenhausbehandlung und den dokumentierten Diagnosen ursächlich ist. Tatsächlich sind Nebendiagnosen stationär behandelter Patienten entscheidend für die DRG, die wiederum die Vergütung bestimmen. Wie eine vom Zi geförderte Studie der Leibniz-Universität Hannover zur medizinischen Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz zeige, sei bei jedem fünften Patienten (21 Prozent) die Herzinsuffizienz-Diagnose nur als Nebendiagnose einer Krankenhausbehandlung dokumentiert worden, sie sei aber weder vor noch nach der Krankenhausbehandlung therapierelevant gewesen.

Der Zusammenhang zwischen Honorar und kodierten Diagnosen ist dagegen weniger direkt als im Krankenhaus.

Das Zi geht davon aus, dass sich Kodierprozesse mit der weltweiten Neuauflage der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD) strukturell verändern werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeitet derzeit an einer Revision der ICD. Sie soll bis 2018 verabschiedet werden; danach beginnt weltweit die Umstellung auf die ICD-11."Wegen der hohen Komplexität der ICD 11 wird das Jahre dauern. Dieser Umstellungsprozess bietet die Chance, das Erfassen von Krankheiten stärker an den Arbeitsbedingungen der ambulanten Medizin auszurichten", sagt der Zi-Geschäftsführer.(ger)

[27.03.2017, 07:12:17]
Marc Boronka 
Bericht suggeriert falsche Denkweise
Guten Tag,

leider suggeriert der Bericht, dass Klinikärzte sich nicht adäquat in der Kodierung verhalten würden. Der im Bericht angeführte Vergleich der Anzahl der kodierten Nebendiagnosen ist dafür aber ín keinster Weise geeignet, da im Krankenhaus über allem stehende Kodierrichtlinien gelten. Diese besagen beispielsweise, dass eine Nebendiagnose zu kodieren ist, wenn eine diagnostische oder therapeutische Maßnahme dazu erfolgt ist. Für das angegebene Beispiel der Herzinsuffizienz würde das bedeuten, dass das alleinige Anfertigen eines EKGs zur Kodierung zwingt.
Die steigende Anzahl der kodierten Diagnosen im Krankenhaus indes sind auch Ausdruck einer sich verbessernden Qualität im Sinne der vollständigen Abbildung des stationären Falles, wie es die o.g. Kodierrichtlinien vorschreiben.
Daher sind die gezogenen Rückschlüsse im Bericht für mich nicht nachvollziehbar.

Dr. Marc Boronka
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