Ärzte Zeitung online, 29.03.2017
 

"Verheerendes Signal"

KBV und Psychotherapeuten kritisieren Honorarbeschluss

Berlin. Der erweiterte Bewertungsausschuss hat am Mittwochnachmittag gegen die Stimmen der KBV einen Beschluss zur Vergütung der neuen psychotherapeutischen Leistungen gefasst. Nach Informationen der "Ärzte Zeitung" sollen die neuen Leistungen "psychotherapeutische Sprechstunde" und "psychotherapeutische Akutbehandlung" schlechter vergütet werden als die bisherigen psychotherapeutischen Leistungen. Die Psychotherapeuten-Verbände sprechen von einer "vertanen Chance", den "ewigen Kreislauf von Rechtsstreitigkeiten und Nachvergütungen" zu beenden. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung kritisiert den Beschluss.

"Mit diesem Beschluss wird die gesamte Reform der Psychotherapie-Richtlinie ausgehebelt, die eigentlich ab 1. April hätte umgesetzt werden sollen", erklären die drei Verbände Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) und die Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP).

Damit werden die Reformbemühungen des Gesetzgebers, psychisch kranken Patienten einen zeitnahen Zugang zur Psychotherapie zu ermöglichen, nicht umgesetzt, sondern erschwert. Laut Beschluss werden die neue Sprechstunde und die Akutbehandlung, die ohne Genehmigung der Krankenkassen erbracht werden können, mit 406 Punkten je 25 Minuten beziehungsweise 812 Punkten je 50 Minuten bewertet.

Für die bisherigen Leistungen erhalten Psychotherapeuten 841 Punkte je 50 Minuten. Die Vergütung der neuen Leistungen liege damit 3,6 Prozent niedriger als die der alten Leistungen. Für die Erreichbarkeit am Telefon sollen die Psychotherapeuten-Praxen kein Honorar erhalten. Das neue Gruppentherapie-Konzept ist nach Informationen der "Ärzte Zeitung" zudem auf den 1. Juli verschoben worden.

Mit diesem Sparprogramm der Krankenkassen durch die Schlechterbewertung der neuen Leistungen sei die aufwändige Umstellung der Organisation der psychotherapeutischen Praxen nicht zu finanzieren, so die Verbände. "Es fehlt auch jede Anreizwirkung für die notwendige Veränderung", heißt es weiter in der ersten Stellungnahme. Die Beschlussfassung hätte auch genutzt werden können, die letzte Woche vom Marburger Sozialgericht als rechtswidrig erkannte Systematik der Strukturzuschläge so zu verändern, dass alle Psychotherapeuten die vom BSG für erforderlich gehaltenen normativen Personalkosten erwirtschaften können.

"Die jahrelange Arbeit der gemeinsamen Selbstverwaltung von KBV und GKV-Spitzenverband zur Verbesserung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung im Gemeinsamen Bundesausschuss braucht als Schlussstein eine dazu passende Vergütung", betonen die Verbände. Die Vertreterinnen und Vertreter der Verbände äußerten einhellig: "Wir fordern das Bundesministerium für Gesundheit auf, den Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses zu beanstanden und auf einer rechtssicheren Lösung zu bestehen und damit der Reform der Psychotherapie-Richtlinie eine Chance zu geben."

Auch die KBV kritisiert den Beschluss des Bewertungsausschusses: "Die psychotherapeutischen Sprechstunden einzurichten, stellt einen hohen - nicht nur inhaltlichen, sondern auch administrativen - Mehraufwand dar, der zum Teil sogar mit der Einstellung von Praxispersonal verbunden ist. Das macht man nicht eben nebenbei, wie die Vertreter der Krankenkassen offenbar meinen", kommentierte Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Bei den neuen Leistungen handele es sich um eine echte Verbesserung für die Patienten.

 "Doch die Krankenkassen haben die Interessen ihrer eigenen Versicherten torpediert. Sie weigern sich, den Mehraufwand für die Psychotherapeuten adäquat zu finanzieren. Die Krankenkassen leisten damit den Versicherten einen Bärendienst. Meine Enttäuschung ist groß", erklärte Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender KBV.

Der neutrale Schlichter im Erweiterten Bewertungsausschuss Professor Jürgen Wasem betonte dagegen via Twitter, dass der Kompromiss „mehr Geld für die Psychotherapie“ bedeute, „da von bisher schlechter vergüteten Leistungen umgesteuert wird“. Die neuen Leistungen würden zudem auch beim Strukturzuschlag berücksichtigt. (ger)

[30.03.2017, 08:02:45]
Gerhard Leinz 
Hirnloses Eigentor ?
Die Krankenkassen wollen die "Akutbehandlung". Das war als "Riesenfortschritt" angekündigt. Doch die Therapeuten, die diese Leistungen erbringen werden nun bestraft, da die niedriger vergütete Akutbehandlung ( (812 Punkte) auf die Zahl der abrechenbaren psychotheraopeutischen leistungen (841 Punkte) angerechnet wird. Das heißt die Therapeuten verlieren pro Sitzungen Akutbehandlung ca. (841-812) = 29 X 0,10 = 2,9 Euro. Das ist für Therapeuten schon relevant bei dem im Vergleich zu anderen Arztgruppen unterirdischen Einkommen!
Glauben die Krankenkassen tatsächlich, das die mit viel "Tantam" angekündigte neue Leistung "Akutbehandlung" in relevanten Umfang erbracht werden wird? Oder ist geplant die Psychotherapeuten verstärkt die Verantwortung ("machen nicht das was Sie sollen") für die steigenden Zahlen der Krankenhausbehandlungen bei psychischen Störungen zu "überlassen?

Gerhard Leinz - Kiel zum Beitrag »
[29.03.2017, 19:22:32]
Holger Barth 
Wichtige Chance aufgeschoben, aber nicht aufgehoben!
Eine wichtige Chance zur Reform der unzureichend und ungleich geregelten Strukturzuschläge hat der Erweiterte Bewertungsausschuss aktuell sicherlich vertan. Sollten die neuen GOP'en für Sprechstunde und Akutbehandlung allerdings neben den genehmigungspflichtigen Leistungen zuschlagsberechtigt ausgestaltet worden sein(!?), könnte das nach einer etwa innerhalb eines Jahres zu erwartenden Revisionsentscheidung des Bundessozialgerichts zur gesetzeswidrigen Regelung der Strukturzuschläge bei dann gebotener gleichmäßiger Höherbewertung einer jeden zuschlagsberechtigten GOP (von der ersten Stunde an) um die anteiligen Personalkosten einer Halbtagskraft zu einer zumindest im Ansatz akzeptablen Lösung führen. Vielleicht kalkuliert die GKV diesen voraussichtlich notwendigen Schritt bereits ein. Trotzdem bleibt es natürlich richtig, dass Sprechstunde und Akutbehandlung eine gegenüber den genehmigungspflichtigen Leistungen höhere Bewertung hätten erfahren müssen. Das BMG sollte die Situation jetzt nutzen, um sich vom SG Marburg (Urteile vom 22.03.2017) aus dem "EBM-gebührenrechtlichen Tiefschlaf" wecken zu lassen und den gegenwärtigen Beschluss auch mit Blick auf die ohnehin zu reformierenden Strukturzuschläge zu beanstanden!
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