Ärzte Zeitung, 17.10.2008

Wie ein Nobelpreisträger die Arztdichte erklärt

Wie entstehen Ballungsgebiete? Damit hat sich Nobelpreisträger Paul R. Krugman beschäftigt. Seine Theorie liefert auch Erklärungsansätze für die unterschiedliche Dichte der medizinischen Versorgung.

Von Hauke Gerlof

Wie ein Nobelpreisträger die Arztdichte erklärt

Paul Robin Krugman, Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften.

Foto: dpa

Warum gibt es in Berlin eine so hohe Arztdichte, und warum ist es im benachbarten Brandenburg so schwer, frei werdende Arztsitze zu besetzen? Und das obwohl auf dem Land die Konkurrenz durch Kollegen lange nicht so ausgeprägt ist wie in der Stadt, wo es doch eigentlich ein Überangebot medizinischer Dienstleistungen gibt?

Mit Fragen wie dieser beschäftigt sich die Neue Ökonomische Geografie, die der in dieser Woche ernannte Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Paul Robin Krugman, begründet hat.

"Vertretern der Neuen Ökonomischen Geografie geht es darum, zu erklären, warum sich ökonomische Aktivität im Raum ballt", erläutert Professor Michael Pflüger aus Passau. Er ist einer der herausragenden Vertreter dieser Schule in Deutschland. Krugman habe erkannt, dass Agglomerationen im Raum, also Ballungsgebiete, nicht nur durch vorhandene Rohstoffe - etwa die Kohle im Ruhrpott - entstehen. "Mit den Menschen, die ihren Wohnsitz verlagern, wandert auch die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen", so Pflüger. Dadurch werde der Markt größer, Unternehmen fänden genügend qualifizierte Arbeitskräfte, die Löhne könnten steigen, weil in dem großen Markt höhere Gewinne erzielt werden - und das locke wiederum zusätzlich Menschen in diese Region. "Es entsteht eine Spirale nach oben, die so lange funktioniert, bis die Gegenkräfte stärker sind - etwa hohe Mieten oder verstopfte Straßen", sagt der Ökonom.

Und was hat das mit der unterschiedlichen Arztdichte je Einwohner auf dem Land und in der Stadt zu tun? "Das ist ein weiter Weg", gibt Pflüger zu. Aber als Anbieter von Dienstleistungen profitierten Ärzte natürlich auch von einer hohen Kaufkraft vieler Menschen in einem Ballungsgebiet. Im Ballungsraum ist daher zum Beispiel die Nachfrage nach Selbstzahlerleistungen potenziell höher als auf dem Land. Dazu kommt, je größer der Markt, um so vielfältiger die Nachfrage und um so eher findet ein Anbieter eine Nische mit einem Spezialangebot - bei Ärzten könnten das besondere Therapierichtungen oder seltene Zusatzqualifikationen sein, die es ermöglichen, auch mit relativ wenigen Patienten wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Das gute Arbeitsangebot im Ballungsraum erleichtere es zudem Partnern des Arztes, einen Arbeitsplatz zu finden.

Und natürlich spielen auch andere als rein monetäre und ökonomische Anreize eine Rolle. "Es geht auch um Lebensqualität", so Pflüger. "Wer zum Beispiel als Medizinstudent Freiburg kennen und schätzen gelernt hat, wird danach eben nicht so gern in den Hotzenwald gehen."

Ökonomen sehen Ärzte als Anbieter von Dienstleistungen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Tumorpatienten bei Schmerztherapie unterversorgt

Viele Krebskranke erhalten keine adäquate Schmerztherapie. Das hat eine erste Analyse der Online-Befragung "PraxisUmfrage Tumorschmerz" ergeben. mehr »

ADHS-Arznei lindert Apathie bei Alzheimer

Eine Therapie mit Methylphenidat kann die Apathie bei Männern mit leichter Alzheimerdemenz deutlich zurückdrängen. mehr »

Zehn Jahre "jünger" durch Sport

Wer Sport treibt, ist motorisch gesehen im Schnitt zehn Jahre jünger als ein Bewegungsmuffel. mehr »