Ärzte Zeitung, 18.06.2013

KV hakt nach

Bürokratiefalle Patientenrechte?

Die KV Westfalen-Lippe lässt nicht locker. Nach einer ersten Messung der Bürokratie 2012 will sie nun nachlegen. Im Fokus: das Patientenrechtegesetz.

Von Ilse Schlingensiepen

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Im Schnitt vier Minuten Mehraufwand je Fall für Dokumentation und Co - so lautete das Ergebnis der ersten Bürokratiemessung der KVWL.

© Arteria Photography

DORTMUND. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) will sich einen Überblick darüber verschaffen, welche bürokratischen Belastungen für die Ärzte und Psychotherapeuten mit dem neuen Patientenrechtegesetz verbunden sind.

Aufschluss soll zunächst eine Befragung der Mitglieder der Vertreterversammlung (VV) bringen.

Die KVWL gehe davon aus, dass die zusätzlichen Belastungen der Ärzte durch das neue Gesetz unangemessen hoch sind, sagte Vorstand Dr. Thomas Kriedel auf der Vertreterversammlung in Dortmund.

Ende vergangenen Jahres hatte die KVWL als Teil ihre Bürokratiekostenmessung die Auswirkungen des Patientenrechtegesetzes vorab ermittelt. Dabei kam sie auf einen Aufwand von zweieinhalb Stunden pro Woche durch die Ausweitung der Informationspflichten und der Standardaktivitäten wie dem Ausfüllen von Daten und der Dateneingabe.

Bei einem Arzttarif von 109,09 Cent pro Minute entspräche das Kosten von 9041 Euro im Jahr. Pro Fall kam die KVWL auf einen zeitlichen Mehraufwand von im Schnitt vier Minuten.

KV will Belastungen transparent machen

"Wir wollen das jetzt intensivieren und mit mehr Daten hinterlegen", sagte Kriedel. Deshalb sollen alle VV-Mitglieder einen kurzen Fragebogen ausfüllen.

Dort fragt die KVWL ab, wie hoch in den Vertragsarztpraxen die Quote der Patientenkontakte ist, bei denen sich durch die neuen Regelungen der Aufwand erhöht hat, wie hoch gegebenenfalls der zusätzliche zeitliche Aufwand ist und ob die Praxen bereits nach dem Patientenrechtegesetz dokumentieren.

"Wir wollen sehen, wie viel Zeit Ihnen gestohlen wird", erklärte er den Delegierten.

Nach der Auswertung der Fragebögen wird die KVWL entscheiden, ob die Ausweitung der Befragung auf einen größeren Kreis notwendig ist, kündigte Kriedel an.

Ziel sei es, auf Basis der Daten den politischen Akteuren die mit dem Patientenrechtegesetz verbundenen Belastungen für die Praxen konkret aufzuzeigen. "Wir wollen die Politik sensibilisieren, um zu einer vernünftigen Korrektur des Gesetzes zu kommen."

[19.06.2013, 22:39:38]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Priorisierung erforderlich
Wer in der Praxis wirklich arbeitet (und nicht gerade Bücher verkaufen will) weiss, dass man all die Paragrafen und Bestimmungen nicht 100%ig erfüllen kann.
Eine peinlich korrekte Dokumentation und Aufklärung einer einfachen Impfung würde Stunden dauern.
Das bedeuet in Zeiten des Ärztemangels: wir müssen endlich anfangen, Prioritäten zu setzen. Was ist wichtiger - Dokumentation oder Versorgung?
Oder anders herum - wenn wir in Zukunft mehr aufklären/dokumentieren sollen - sollen wir stattdessen lieber die Versorgung von Akutpatienten oder von chronisch Kranken oder die Prävention vernachlässigen?
Das ist eine gesellschaftliche Entscheidung - vor der Wahl beantworten Politiker Fragen besonders gerne... zum Beitrag »
[18.06.2013, 13:11:01]
Hildegard Fuchs 
Verwaltungsmehraufwand und Patientenrechtegesetz
Das Patientenrechtegesetz muss nicht geändert werden, es bündelt nur die rechtliche Ausgangslage, die bisher schon bestand! Fakt ist, dass nun die "Spielregeln" verdeutlicht werden, die bislang vernachlässigt oder ignoriert wurden - nämlich: Akribische Dokumentation, sachliche Aufklärung, sorgsame Patientenversorgung! Der Verwaltungsaufwand wäre immer derselbe gewesen, hätte man korrekt seine "Hausaufgaben" erledigt, jetzt ist eben Nachsitzen die Folge. Damit es nicht zu ausufernd wird, braucht man ab sofort ein transparentes und effektives Praxiskonzept: Behandlungsverträge, Patienteninformationen, Abrechnungsaufklärung u. v. m., vorgefertigt, anwendungsfreundlich und effizient.
Hildegard Fuchs
Die professionelle Arztpraxis
18513 Grammendorf zum Beitrag »

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