Ärzte Zeitung, 04.08.2016

Ebola in Westafrika

Mehr Vertrauen durch neue Kommunikationsstrategie?

Ethnologen wollen wissen: Wie schaffen es Ärzte, die Westafrikaner von der Schulmedizin zu überzeugen? Das ist essenziell für die Seuchenprävention bei einem erneuten Ebola-Ausbruch.

Von Matthias Wallenfels

Mehr Vertrauen durch neue Kommunikationsstrategie?

Ebola-Aufklärung in Monrovia: Typische Symptome werden symbolisch dargestellt.

© Ahmed Jallanzo / dpa

Die jüngste Ebolakrise in Westafrika hat nicht nur die – teils eh schon desolaten – staatlichen Gesundheitssysteme in Sierra Leone, Liberia und Guinea unter eine extreme Belastungsprobe gestellt. Kehrt die Bevölkerung in der Region nun Gesundheitsbehörden und medizinischen Einrichtungen endgültig den Rücken?

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Medizin nach dem Ebola-Ausbruch in Westafrika steht im Fokus eines gemeinsamen Forschungsprojekts von Ethnologen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Universität Bayreuth.

Das Projekt soll laut MLU auch dabei helfen, künftig bessere Kommunikationsstrategien für vertrauensbildende Maßnahmen zu entwickeln. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Forschungsprojekt im Rahmen ihrer 2010 etablierten Afrika-Initiative, die die Zusammenarbeit von afrikanischen und deutschen Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Infektiologie nachhaltig stärken soll, über einen Zeitraum von drei Jahren mit insgesamt 650.000 Euro.

Zweifel an Wirksamkeit der Schulmedizin verbreitet

Die Ebola-Epidemie in den westafrikanischen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea ist der bisher längste und gravierendste Ausbruch dieser Krankheit: Von März 2014 bis August 2015 sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation mehr als 28.000 Menschen durch das Virus erkrankt, 11.200 Menschen sind an Ebola gestorben.

Die Epidemie wurde Anfang 2016 für beendet erklärt, dennoch gibt es immer wieder Verdachtsfälle auf Neuerkrankungen.

"Dass sich Ebola so schnell ausbreiten und so lange bestehen konnte, kann nicht allein durch die medizinischen Eigenschaften des Virus erklärt werden", erläutert Dr. Sung Joon Park vom Seminar für Ethnologie der MLU, der gemeinsam mit Professor Ulrike Beisel von der Uni Bayreuth das Forschungsprojekt leitet. "Auch das fehlende Vertrauen der Bevölkerung in die Wirksamkeit der Schulmedizin gilt als ein wichtiger Grund dafür", verdeutlicht Park.

Westliche Denkweise falsch: Fehlendes Vertrauen fußt nicht auf Verbreitung von Aberglauben

Dieses fehlende Vertrauen sei aber, so der Forscher, kein Indiz für die weite Verbreitung von Aberglauben, Hexerei und traditioneller Medizin, wie in den westlichen Medien oft angenommen worden sei.

Vielmehr müsse die Gesundheitsversorgung in den Ländern berücksichtigt werden, die als Folge von Bürgerkriegen, neoliberalen Strukturanpassungsmaßnahmen und neuen armutsbedingten Krankheiten wie HIV/Aids in einem maroden Zustand gewesen sei, als die Epidemie ausgebrochen ist.

Die Bevölkerung sei zu Beginn der Epidemie auch nicht ausreichend über das Virus informiert gewesen. "Die Epidemie erreichte ihren Höhepunkt, als lokale Gesundheitssysteme die große Zahl der Patienten nicht ausreichend, teilweise gar nicht behandeln konnten", so Park weiter. Das habe das Vertrauen der Bevölkerung in die Gesundheitssysteme der drei Länder erschüttert.

Mediziner müssen sich besser erklären

Eine der ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse sei nun, dass das Misstrauen der Bevölkerung in Medizin die Ausbreitung des Virus beschleunigt habe. Die Menschen vor Ort hätten die Behandlungsmaßnahmen nicht verstanden und aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen abgelehnt. Gleichwohl sei allgemein noch zu wenig über das Verhältnis von Vertrauen und Medizin in armen Ländern bekannt.

Die Ethnologen wollen in ihrem Projekt deshalb erforschen, wie sich Vertrauen in Medizin bildet beziehungsweise wie es verspielt werden kann. Dazu reisen sie für mehrere Monate in die betroffenen Länder und sprechen mit Patienten, freiwilligen Helfern und dem medizinischen Personal vor Ort. Letzteres spiele eine besondere Rolle.

"Auch sie haben während der Epidemie mitunter das Vertrauen in ihre eigene Arbeit und Patienten verloren. Dabei spielen Krankenpfleger und Ärzte bei der Bildung von Vertrauen eine zentrale Rolle, da sie im direkten Kontakt zu den Patienten stehen, anders als Beamte nationaler Behörden und Akteure der internationalen Gesundheitspolitik", erklärt Park.

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