Ärzte Zeitung online, 10.04.2017

Digital Health

Ärzte zwischen Begeisterung und Skepsis

Chance oder Gefahr? Digitale Gesundheitsanwendungen wie vollautomatisierte Therapieprogramme per App lassen unter Ärzten Welten aufeinanderprallen, wie eine Fortbildungsveranstaltung im Saarland zeigt.

Ärzte zwischen Begeisterung und Skepsis

Messen, auswerten und sogar beraten: Digitale Helfer können immer mehr. Doch: Müssen Ärzte das alles mitmachen?

© nicescene / Fotolia.com

Von Michael Kuderna

SAARBRÜCKEN. "In den nächsten zehn Jahren werden sich Arztpraxen immer mehr zu IT-Unternehmen verändern" – diese These des Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftlers Dr. Gundolf Meyer-Hentschel ist bei einer Fortbildungsveranstaltung der KV Saarland eher auf Besorgnis als auf Begeisterung gestoßen. Der hessische Psychoanalytiker Jürgen Hardt konterte mit einer Fundamentalkritik an einer von Digitalisierung getriebenen Gesundheitsökonomie.

Die Veranstaltung war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Den Anstoß gab die frühere Präsidentin der Psychotherapeutenkammer des Saarlandes, Ilse Rohr, die zahlreiche Funktionen in der KV innehat. Sie wünschte sich zu ihrem 70. Geburtstag eine Fortbildung mit einem bewusst provokanten Zukunftsthema und lud gemeinsam mit KV-Chef Dr. Gunter Hauptmann zu den Vorträgen ein. Tatsächlich schienen Welten aufeinanderzuprallen.

Meyer-Hentschel, Gründer und Inhaber des auf Konsumtrends spezialisierten Meyer-Hentschel Instituts, ermunterte die geladenen Gäste, das Vordringen der Informationstechnologie auch im Arzt-Patienten-Verhältnis als Chance zu begreifen und zu nutzen. Seine Beispiele von bereits existierenden Anwendungen reichten von realen bis zu virtuellen Gesundheitsleistungen:

- In San Francisco bietet die futuristisch eingerichtete Forward-Praxis für eingeschriebene Mitglieder dank einem Body-Scanner, Labor und einer automatisierten Transkription des aufgezeichneten Gesprächs mit dem Arzt rund um die Uhr eine schnelle Basisdiagnostik. Ansonsten erhält der Patient bei Fragen in kürzester Zeit Empfehlungen auf das Smartphone. Damit soll ihm in Echtzeit geholfen und Praxisbesuche möglichst überflüssig gemacht werden.

- Ebenfalls ein Produkt aus dem Silicon Valley ist der Scanadu Scout. Das mobile Diagnosegerät im Hosentaschenformat mit einer gewissen Ähnlichkeit mit dem Tricorder aus Star Trek misst einige Vitalparameter, die dann an das Smartphone des Nutzers oder des Arztes gesendet werden.

Während der zweijährigen Laufzeit der Studie wurden über 26 Milliarden Daten gesammelt. Vor wenigen Wochen ist das Projekt allerdings beendet worden. Bei den Investoren handelt es sich laut Meyer-Hentschel um chinesische Unternehmen.

- Mehr als eine Million Nutzer, darunter viele Medizinstudenten, beteiligen sich an dem Netzwerk Figure 1, das die Kommunikation unter Medizinern unterstützt. Auf der Plattform werden anonymisierte Fotos oder Daten hochgeladen, die dann ausschließlich von Ärzten kommentiert werden dürfen.

- Zur Gewinnung neuer Patienten könne Instagram genutzt werden. Hier könnten sich Praxen präsentieren und potenzielle Patienten anonym Fragen stellen. Der kostenlose Online-Dienst gehört zu Facebook und hat über 500 Millionen Nutzer.

- Periscope erlaubt Video-Übertragungen vom Smartphone in Echtzeit und könnte beispielsweise von Operateuren zu Fortbildungszwecken eingesetzt werden.

- Schließlich berichtete Meyer-Hentschel noch über eine zu Microsoft gehörende chinesische Software, die übersetzt "Little Bing" heißt. Dahinter verbirgt sich ein sogenannter Chatbot. Die Nutzer kommunizieren mit einer Maschine, die aus der immer größer werdenden Datenbank Antworten kreiert und immer feiner anpasst. Laut Meyer-Henschel könnte dies auch für die Medizin interessant werden, zumal Patienten gegenüber einer Maschine oft ehrlicher seien als zu einem Menschen.

Sollen sich Ärzte und Psychologen dem Trend hingeben oder sich widersetzen? Der Gründungspräsident der Psychotherapeutenkammer Hessen, Jürgen Hardt, beantwortete die selbst gestellte Frage mit einer Einbettung in einen kulturhistorischen Kontext. Er verortete die solidarische Krankenbehandlung als eine der ersten Kultureinrichtungen.

Das Eingreifen der Kultivierung in Natur und Lebenswelt sei aber immer umfassender geworden. Die Digitalisierung schreite trotz Kritik ungehindert fort, die Globalisierung löse die für Lebenswelten notwendigen Grenzen auf und auch im Gesundheitswesen habe sich inzwischen "eine Diktatur ökonomischen Denkens" etabliert, in der Menschen glauben, sich alles, also auch Gesundheit, kaufen zu können. Der optimistische Gestus der Digitalwirtschaft sei aber "oft nur ein Verkaufstrick", erklärte Hardt.

Die Online-Therapien hätten auf den ersten Blick durchaus eine gewisse Attraktivität, räumte Hardt ein. Im Sinne der "Kundenfreundlichkeit" ersparten sie Warte- und Anfahrtszeiten, senkten die Schamgrenze, seien örtlich und zeitlich ungebunden, selbstbestimmt, stets störungsfrei, komplett zu dokumentieren und vielfältig im Angebot.

Diese Entwicklung sei im Bereich der Beratung und Prävention akzeptabel, nicht aber bei Krankheiten. Hardt warnte davor, Diagnose und Indikation würden dann zu einer Sache des Laienverständnisses. Bei Krankheiten gerade im psychischen Bereich müsse aber "eine fachliche Logik einsetzen und leisten, was das alltägliche Verstehen nicht vermag".

Als vorläufigen "Höhepunkt der Entpersönlichung und Entindividualisierung der therapeutischen Funktion" verwies Hardt auf das vollautomatisierte Therapie-Programm "Deprexis". Sein persönliches Fazit: Sicher seien viele Menschen mit Psycho-Apps zufrieden, wirklich Depressive fühlten sich bei den alltagspsychologischen Interventionen von Gesundheitsapps bestenfalls veräppelt.

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