Ärzte Zeitung, 24.08.2017
 

Mediziner mit Röntgenblick

Digital Health für Fortbildungen

Neue Techniken sorgen dafür, dass Lernen und Arbeiten in der Medizin näher zusammenrücken.

Von Michael Sudahl

Digital Health für Fortbildungen

Neue Techniken sorgen dafür, dass Lernen und Arbeiten in der Medizin näher zusammenrücken.

© angellodeco / stock.adobe.com

STUTTGART. Bei einem medizinischen Eingriff ist Fingerspitzengefühl gefragt. Chirurgen arbeiten dabei im Bereich von Millimetern. Gut, dass der Operateur nicht nur den Patienten vor sich hat. Er kann in seine Virtual-Reality-Brille auch die MRT- oder Röntgenbilder und notfalls sogar die gesamte Krankenakte einblenden lassen.

E-Learning ist hochaktuell, und in der Gesundheits- und Krankenpflege besteht ein enormes Potenzial.

Christian Wachter Vorstandssprecher der IMC AG

Was sich wie Zukunftsmusik anhört, wird immer häufiger zum Alltag. Möglich macht es beispielsweise eine Op-Lösung von Philips, die Mediziner per Augmented Reality unterstützt. Mittels optischer Sensoren werden Informationen und Livebild des Körpers auf Monitore im OP übertragen. So sieht der Chirurg, wo er genau ansetzen muss.

Auf Knopfdruck erkennt er mit ähnlichen Technologien noch viel mehr: Er kann Schicht für Schicht in den Körper hineinblicken, durch Haut und Muskeln hindurch, bis auf die Knochen. Als ob er über einen Röntgenblick verfügen würde. Wo er den Schnitt setzen muss, ist in der Datenbrille markiert.

An Berliner Charité und TU München wird bereits seit Jahren mit dieser Mischung aus echten Bildern und Animationen geforscht.

Lernen on demand

"Digitales Lernen kommt in Bereichen an, wo das frühere E-Learning kaum eingesetzt wurde. Heute ist Lernen immer häufiger Aus- und Weiterbildung in einer konkreten Arbeitssituation", erläutert Christian Wachter.

Der Vorstandssprecher der IMC AG meint, es werde weniger auf Vorrat gelernt, sondern auf Abruf ("on demand") – also genau dann, wenn die Information gebraucht und direkt angewendet wird. "Dadurch verzahnen sich Lernen und Praxis mehr und mehr", beobachtet der Experte für digitales Lernen.

Für Ärzte ein echter Vorteil, denn wissenschaftliche Studien belegen, dass wir im Tun am besten lernen. Das Gehirn nimmt bis zu 70 Prozent seines Wissens beim konkreten Handeln auf.

Außer als Tool im Op-Saal fungiert Augmented Reality als Lehrwerkzeug: Die Firma VRmagic nutzt die Technologie für einen medizinischen Simulator in der Ärzteausbildung.

Damit könnten Studenten der Augenmedizin den Umgang mit Instrumenten und die Untersuchung von Augenerkrankungen wie am echten Patienten üben. Dank einer umfangreichen medizinischen Datenbank können verschiedene Krankheitsbilder simuliert werden.

2D-CT in 3D

Oder eine neue Entwicklung vom Fraunhofer Mevis: Das System setzt 2D-CT-Daten in 3D um, sodass für Leber-Op Pfortader, Gallengänge, Venen, Arterien und Tumoren erkennbar werden.

Die Technologie schlägt anschließend einen Op-Ablauf vor, der dann im OP auf dem iPad verfügbar ist. Das ist sowohl für den Operateur eine echte Unterstützung, als auch für den Assistenzarzt, der zunächst "trocken" lernt, bevor er das Skalpell einsetzen darf.

"E-Learning ist hochaktuell, und in der Gesundheits- und Krankenpflege besteht ein enormes Potenzial", sagt Wachter, der sich seit 20 Jahren mit digitaler Bildung befasst. Tatsächlich setzen sich die Vorteile digitalen Lernens im medizinischen Sektor mehr und mehr durch: große Flexibilität im Hinblick auf Zeit und Ort sowie niedrigere Seminarkosten.

Das schont auch den Dienstplan. Mediziner können sich heute via PC, Tablet oder Smartphone die unterschiedlichsten Themenbereiche erschließen; die Bandbreite reicht vom "Umgang mit schwierigen Patienten", zu allgemeinen Anatomie-Themen bis hin zu Lehrgängen wie "Haftung bei Kunstfehlern".

WHO-Plädoyer für E-Learning

Auch die europäische Abteilung der Weltgesundheitsorganisation WHO spricht sich in ihrer Publikation "From Innovation to Implementation" nachdrücklich für digitale Bildung aus und widmet dem E-Learning in Gesundheitsberufen ein ganzes Kapitel.

In einer Umfrage gaben 94 Prozent der Berufstätigen in medizinischen Berufen an, dass E-Learning ihren Zugang zu Bildung und Experten verbessert. Die WHO empfiehlt Mitgliedsstaaten, E-Learning auszubauen und den Nutzen digitaler Bildungsangebote auszuloten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Vom Sinn und Unsinn medikamentöser Arthrose-Therapien

Arthrosebeschwerden sind weit verbreitet und nur begrenzt medikamentös behandelbar. Ein Update zur Evidenzlage medikamentöser Therapien wurde nun präsentiert. mehr »

"Gelegenheits-Chirurgie ist nicht akzeptabel"

Die Risiken, direkt im Zusammenhang mit einer Op im Krankenhaus zu sterben, sind in Häusern mit geringen Fallzahlen höher als in spezialisierten Kliniken. mehr »

Diesen Effekt haben Walnüsse auf Lipide

Die Lipidsenkung durch den täglichen Verzehr von Walnüssen stellt sich offenbar unabhängig davon ein, ob man dabei auf Kohlenhydrate oder Fette oder auf beides verzichtet. mehr »