Ärzte Zeitung online, 05.10.2017
 

Telematik

Patientenakte steht weit oben auf der Agenda der Politik

Seit mehr als zehn Jahren steht die elektronische Patientenakte im Gesetzbuch. In der nächsten Legislatur soll sie endlich Gestalt annehmen.

Von Anno Fricke

Patientenakte steht weit oben auf der Agenda der Politik

Elektronische Akte statt Papierberge: Das soll künftig verstärkt für die Verwaltung von Patientendaten genutzt werden, sagt die KBV.

© Deutsche Telekom AG / Norbert Ittermann

BERLIN. Im Gesundheitsministerium fliegen die Erwartungen hoch. Bis Ende 2021 soll jeder gesetzlich Versicherte über eine einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte (ePA) verfügen. Dieses Datum nannte der Leiter der Grundsatzabteilung des Ministeriums, Oliver Schenk, am Mittwochnachmittag bei einer Veranstaltung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Die Akte soll sich rechnen. Ziel müssten hochwertige medizinische Anwendungen sein, sagte Schenk. Im Blick hat die Politik dabei vor allem die Vermeidung von Doppeluntersuchungen und – als "Königsdisziplin" – die bruchfreie sektorübergreifende Versorgung, ein "Kernanliegen der Gesundheitspolitik für die kommende Legislatur".

Die Zeit läuft. Bis Ende 2018 müssen die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und die Industrie die Voraussetzungen für die Akte und das geplante Patientenfach schaffen.

Auf dieser Grundlage können Anbieter dann elektronische Patientenakten entwickeln. Die sollen, so Schenk, im ersten Schritt die Basisdaten bereitstellen sowie die Voraussetzungen für die Speicherung von elektronischen Arztbriefen und die Verwaltung des Medikationsplans bieten. In weiteren Ausbauschritten könnten dann weitere Informationen wie Impf- und Mutterpass aufgenommen werden.

Schenk kündigte eine Fortschreibung des E-Health-Gesetzes an, mit der Ansprüche der Versicherten an die Karte sowie die Finanzierung von Bereitstellung, Pflege und technische Vorhaltung geklärt werden sollen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat vorsorglich ihre Positionen zur ePA deutlich gemacht. Der Gesetzgeber solle das Zwei-Schlüssel-Prinzip streichen, um den Patienten, aber auch den Ärzten und MFA den Zugang zur Akte zu erleichtern. Zudem solle der Gesetzgeber die Industrie verpflichten, die Praxisverwaltungssysteme (PVS) und die Akten kompatibel zu gestalten. Aus forensischen Gründen sollten die dem Arzt vom Patienten freigegebenen Daten im PVS dokumentiert werden können, so die KBV.

Der Bund der Steuerzahler hat in seinem aktuellen Schwarzbuch indes die Kosten für die elektronische Gesundheitskarte gegeißelt. 2,2 Milliarden Euro seien dafür geflossen, ohne dass die Karte bislang richtig genutzt werden könne.

Der Zeitplan

- Bis 31.12.2018 sollen Selbstverwaltung und Industrie die technischen Voraussetzungen für die E-Patientenakte geschaffen haben.

- Ende 2021 soll jeder gesetzlich Versicherte über eine einrichtungsübergreifende ePA verfügen. Laut E-Health- Gesetz hätte der Start schon 2019 sein sollen.

Lesen Sie dazu auch:
Elektronische Patientenakte: Raus aus der Warteschleife?

[05.10.2017, 21:20:32]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Elektronische Gesundheitskarte (eGK) und elektronische Patientenakte (ePA) - Realsatire pur!
Zu Recht geißelt der Bund der Steuerzahler in seinem aktuellen Schwarzbuch die Kosten für die elektronische Gesundheitskarte: 2,2 Milliarden Euro seien dafür geflossen, ohne dass die Karte bislang richtig genutzt werden könne.

Hinzu kommt das aktuelle Desaster am 4. Quartalsanfang zum 1.10.2017: Klammheimlich haben die Gesetzlichen Krankenkassen der GKV sogenannte "G1 Versicherten-Karten" (VK) im Umlauf belassen, obwohl diese zweifellos ungültig geworden sind. Nur noch die optisch nicht identifizierbaren "G1plus Versicherten-Karten" und die sogenannten "G2 Versicherten-Karten" besitzen Gültigkeit.

Wie Florian Lanz, der wie immer hoffnungslos überforderte Pressesprecher des GKV-Spitzenverbandes via Twitter mitteilt, sollten doch die Vertragsärzte die mühselige Zusatzarbeit des Erstellens eines "Ersatzbelegs" bei laufendem Praxisbetrieb übernehmen?

Zurück zum Chip auf der GKV-Versicherten-Karte: Jeder lächerliche 5 Euro USB-Stick könnte die Aufgabe des Chips in der alten und neuen eGK übernehmen. Das hätte für die 70 Millionen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) Versicherten statt 2,2 Milliarden € lediglich 350 Millionen € gekostet und hätte unseren Patientinnen und Patienten deren informationelle Selbstbestimmung bewahrt.

Aber, verehrte ÄZ-Leserinnen und Leser, sehen Sie selbst, wie windelweich und voller Fallstricke sich der "SpiBu" herausreden und aus seiner Eigenverantwortung stehlen will:

Unter
https://www.gkv-spitzenverband.de/service/versicherten_service/versicherten_service_egk/egk.jsp
schreibt der Spitzenverband Bund (SpiBu) der GKV-Kassen:
"Im Vergleich zur bisherigen KVK besitzt die eGK anstelle des Speicherchips einen Mikroprozessor-Chip. Mithilfe dieses „Minicomputers“ können komplexe Rechenoperationen auf der Karte durchgeführt werden um z. B. Verschlüsselung, Authentifizierung und digitale Signatur zu ermöglichen. Dadurch können zukünftig medizinische Daten auf der eGK signiert und sicher gespeichert werden. Dieser hohe Sicherheitslevel ist Voraussetzung für die Nutzung der sogenannten Telematikinfrastruktur. Zukünftig werden Online-Anwendungen wie die elektronische Patientenakte verfügbar sein, die dem Versicherten einen hohen medizinischen Nutzen bieten. Bis die Telematikinfrastruktur jedoch ihre Pforten öffnet, bleibt es bei der Offline-Nutzung der eGK, sodass wie bisher die administrativen Versichertenstammdaten (Name, Geburtsdatum, Geschlecht, etc.) auf der eGK abgespeichert werden."

Mehr Realsatire geht eigentlich gar nicht, oder?

Mf+kG, Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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