Ärzte Zeitung online, 19.07.2019

Digital Health

E-Health-Pionieren geht Spahns Digitalgesetz nicht weit genug

Bei mehreren Berliner Health-Start-ups stößt der Entwurf zum „Digitale Versorgung“-Gesetz auf ein geteiltes Echo. Für Ärzte etwa fordern sie anstelle von Sanktionen mehr positive Anreize zur Nutzung von Digitallösungen.

Von Daniel Burghardt

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Schneller in die Versorgung heißt auch Schritt halten mit der Dynamik von Health-Start-ups.

© Production Perig / stock.adobe.com

BERLIN. Das geplante „Digitale-Versorgung“-Gesetz (DVG), nach dem Ärzten die Verordnung von Apps erlaubt und die Finanzierung neuer Versorgungsansätze durch den Innovationsfonds bis 2024 verlängert werden soll, ruft bei deutschen E-Health-Start-ups gemischte Reaktionen hervor. Eine Front aus vier Berliner Unternehmen sehe das Vorhaben „grundsätzlich positiv“, die Beschlüsse gingen aber nicht weit genug und sollten etwa die Ärzteschaft besser einbinden, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der in der Hauptstadt ansässigen Health-App-Anbieter M-sense, Selfapy, Neotiv und Cara Care.

Damit digitale Lösungen im Versorgungsalltag ankommen können, müsste sich die Politik noch stärker der Selbstverwaltung widmen und „alle Interessensgruppen und beteiligten Akteure engmaschiger in den Dialog über digitalen Lösungen eingebunden werden“, fordern sie.

Sanktionen gegen Ärzte in Kritik

„Wir brauchen verbindliche Vorgaben, einheitliche Fristen und klare Regelungen“, mahnt etwa Jesaja Brinkmann, Co-Founder der digitalen Praxis für Darmgesundheit Cara Care, an. Er plädiert dafür, den Markteintritt für neue Soft- und Hardwareanbieter einfacher zu gestalten und sieht Politik und Gemeinsamen Bundesausschuss in der Pflicht, sich an die Dynamik digitaler Anbieter anzupassen. Auch Julian Haupenthal, Co-Founder von Neotiv, einer digitalen Lösung zur Früherkennung und für Verlaufskontrolle von Gedächtnisproblemen, sieht die Synchronisierung mit den Kreationsprozessen junger Start-ups als zwingend an. „Die Zeiträume von Forschung bis Anwendung digitaler Gesundheitshelfer können enorm lang sein und bergen Risiken für Start-ups.“ Er wünsche sich von der Bundesregierung niederschwellige Lösungen, um Versorgungswege schnell evaluieren und Entwicklungszyklen zügig vorantreiben zu können.

Dafür müssten Anbietern digitaler Lösungen entsprechende Budgets zur Verfügung stehen. Die Erstattung der Leistungen solle so gestaltet sein, dass die Liquidität der Unternehmen sichergestellt ist, postuliert Dr. Florian Koerber, Geschäftsführer von M-sense, einer Therapie-App für Migränepatienten. Er hat für das Gesetzesvorhaben sowohl Lob als auch Kritik übrig: „Es ist gut, wenn nun im aktuellen Gesetzesentwurf ein Leistungsanspruch für digitale Anwendungen formuliert wird. Aber ebenso essenziell ist es, Abrechnungsvoraussetzungen zu schaffen, die diesen Anspruch auch realisierbar machen. “

Farina Schurzfeld, Mitgründerin von Selfapy, einer Sofort-Hilfe bei psychischen Belastungen, bewertet insbesondere Sanktionen gegen Ärzte kritisch – ihnen droht, sollte das Gesetz umgesetzt werden, bei Nichtanschluss an die Telematikinfrastruktur ab März 2020 eine erhöhte Honorarkürzung von 2,5 Prozent. Bislang gilt eine Kürzung von einem Prozent ab Juli 2019. „Anstatt Buß- und Mahnverfahren für die Nichtverwendung digitaler Lösungen einzuleiten, sollten wir hier vielmehr positive Anreize schaffen und über ein Belohnungssystem nachdenken“, fordert sie. Ein Mensch motiviere sich besser über positive Verstärkung als über Strafe, meint Schurzfeld.

Innovation Hub „extrem wertvoll“

Noch zu wenig sieht sie in den Entscheidungsprozessen die Patienten repräsentiert. Gemeinsame Veranstaltungen, Aufklärungs- und Werbekampagnen könnten auch bei diesen Vertrauen schaffen. „Hier sollten noch mehr Begegnungsorte entstehen, um digitale Lösungen als ernst zunehmende Ergänzung in der Versorgung zu etablieren“, schlägt sie vor.

Für den Dialog untereinander seien Initiativen wie der kürzlich vom Gesundheitsministerium gegründete Health Innovation Hub „extrem wertvoll“, betont Koerber. Auch auf europäischer Ebene wurde mit dem eHealth-HUB jüngst ein Knotenpunkt zur Unterstützung von E-Health-KMU ins Leben gerufen, der zur Stärkung von Start-ups in sieben Punkten in ein ähnliches Horn bläst wie die Berliner Start-up-Szene.

Anstatt Buß- und Mahnverfahren für die Nichtverwendung digitaler Lösungen einzuleiten, sollten wir vielmehr über ein Belohnungssystem nachdenken.

Farina Schurzfeld, Mitgründerin des Berliner Health-Start-ups Selfapy

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[21.07.2019, 16:19:57]
Dr. Robert Künzel 
Die Selfapy-Repräsentantin lässt tief blicken....
überträgt sie doch die Mechanismen Ihrer Verhaltenstherapie-App, die sich ausdrücklich als App für psychisch Kranke versteht, auf diejenigen Ärzte, die sich aus Gründen des Datenschutzes und der Vertraulichkeit gegen die zunehmende Digitalisierung und Kommerzialisierung im Gesundheitswesen stemmen. Digital-Skepsis als psychische Erkrankung, der man mit computer-guided Verhaltenstherapie beikommen müsste. Oh Pardon, ich habe noch gar nicht im neuen ICD-11 nachgeblättert (ja sie haben richtig gelesen, ich benutze noch Nachschlagewerke aus Papier), vermutlich haben die Dollarmillionen aus dem Silicon-Valley schon dafür gesorgt, daß "Digital-Skepsis" bereits einen Code erhalten hat.
Ich kann mich noch gut an den Ausspruch eines altgedienten Psychiatrie-Stationsarztes in der mittlerweile aufgelösten Berliner Nervenklinik Spandau erinnern: "Mitunter ist es nur eine geographische Variable, ob man im weissen Kittel vor dem Krankenbett steht oder darinliegt."
Hochmut kommt vor dem Fall, Start-Ups kamen und gingen schon viele, fast genauso viele wie Gesundheitsminister. Spahn ist über kürzer oder länger Geschichte,nicht einmal zum Verteidigungsminsiter hat es gereicht. Frau Merkel hat Ihn sehr gelobt und das Vertrauen ausgesprochen, da sollte er mal Herrn von Guttenberg oder Frau Schavan fragen, was solchen Bekundungen meist in Kürze folgt. Ich kann nur hoffen, der Nachfolger stampft den ganzen Digitalmüll ein und setzt wieder auf die bewährte analoge Medizin. zum Beitrag »

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