Ärzte Zeitung online, 23.10.2017
 

Fernbehandlung

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt.

Der reine Telearzt kommt

Die Südwest-Kammer ist bundesweit die erste, die eine ausschließliche Fernbehandlung von Patienten gestattet.

© Andrey Popov / stock.adobe.com

STUTTGART. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat das erste Modellprojekt zur ausschließlichen Fernbehandlung von Patienten genehmigt.

Getragen wird das auf zwei Jahre angelegte Projekt vom Unternehmen TeleClinic GmbH in München sowie zwei privaten Krankenversicherungen, der Barmenia sowie einem weiteren großen PKV-Anbieter. Das teilte eine Sprecherin der TeleClinic auf Anfrage mit.

Der Genehmigung sei eine sorgfältige Prüfung vorausgegangen, sagte Landesärztekammer-Präsident Dr. Ulrich Clever der "Ärzte Zeitung". Dabei habe der sogenannte "verantwortliche Arzt" gegenüber der Kammer garantiert, dass ausschließlich Ärzte aus Baden-Württemberg eingesetzt werden und dass der Facharztstandard eingehalten wird.

Die Behandlung in dem Modellprojekt darf somit nicht durch im Ausland ansässige Ärzte erfolgen, stellte Clever klar. Festgelegt wurden auch die Dokumentationspflichten der Teleärzte.

"Wir betreten damit Neuland"

Die Südwest-Kammer ist bundesweit die erste, die eine ausschließliche Fernbehandlung von Patienten gestattet. "Wir betreten damit Neuland", sagte Clever. Der Kammer-Chef ließ erkennen, dass zeitnah auch eine Entscheidung über den Antrag der KV Baden-Württemberg erfolgen könnte.

Die Körperschaft will in den Regionen Tuttlingen und Stuttgart das Projekt "Doc Direkt" erproben und damit den Ansturm gesetzlich versicherter Patienten auf die Notfallpraxen bremsen.

Insgesamt habe die Kammer "eine Handvoll" erfolgversprechender Projektskizzen erhalten, die geprüft werden. Insgesamt seien rund 100 Anfragen eingegangen. Allein die Hälfte habe sich aber auf die Fernbehandlung von Bestandspatienten bezogen – was schon bisher von der Berufsordnung gedeckt ist, erinnerte Clever.

Es gibt Nachahmer

Bei der ausschließlichen Fernbehandlung dagegen begegnen sich Arzt und ein ihm bisher unbekannter Patient beispielsweise am Telefon oder via Handy-App. Dann darf der Arzt eine individuelle Diagnose stellen und die Therapie einleiten, erläuterte Clever.

Im Juli 2016 hatte die Kammer als erste in Deutschland die Berufsordnung geändert und dazu eingeladen, Modellprojekte einzureichen. Er habe "nicht geahnt, welche Dimensionen diese Entscheidung haben wird", so Clever.

Denn es gibt Nachahmer: Am Sonntag erst entschied der Bayerische Ärztetag, eine alleinige Fernbehandlung könnte unter definierten Voraussetzungen möglich werden.

Dazu zählten die Delegierten die Aufklärung der Patienten über die Grenzen telemedizinischer Maßnahmen oder die sorgfältige Auswahl der Behandlungssituationen, die dafür in Frage kommen. (fst)

[27.10.2017, 14:35:20]
Katharina Effinger-Frischholz 
Fernbeziehungen der "Tele-Diagnosen"
Können sich dann die Versicherer auch auf die "Fernmedizin" aus dem eigenen Hause berufen um Erstattungen abzulehnen? Der Weg dazu scheint bereitet. zum Beitrag »
[26.10.2017, 10:29:52]
Dr. Manfred Blinzler 
Dem Zeitgeist schuldig
In meiner jahrzehntelangen ärztlichen Tätigkeit habe ich nie eine therapeutische Empfehlung ausgesprochen, wenn der Patient mir nicht gut bekannt war und der bisherige Verlauf eine telefonische Zustandsmitteilung erlaubte, oder ich den Patienten gesehen habe.
Zum Glück wurden mir dadurch rechtliche Probleme erspart.
Würde gerne hören, was die Berufshaftpflicht dazu meint. Wahrscheinlich werden wir dann alle mit höheren Versicherungsprämien konfrontiert.
Wehret den Anfängen: möchte ich den Kollegen in den Ärztekammern ins Gewissen reden zum Beitrag »
[24.10.2017, 12:42:34]
Dr. Robert Künzel 
Er habe "nicht geahnt, welche Dimensionen diese Entscheidung haben wird", so Clever.
So so, Herr Clever, na dann willkommen im Tal der Ahnungslosen. Dort warten schon so einige Mitstreiter auf Sie, wie z.B. alle diejenigen, die dieses halbgare "Cannabis-Erlaubnisgesetz" verabschiedet haben und nun alle von den Folgen überrascht sind. Das konnte ja nach jahrelangem Bemühungen des Hanfverbandes vor und hinter den Kulissen ja wirklich niemnad ahnen, daß tausende Patienten die Wartezimmer fluten und die Krankenkassen mauern werden bis zum geht nicht mehr.
Genauso ein Unsinn wird hier nun wieder fabriziert. Es ist doch sonnenklar, daß die Kostenträger, die schon jahrelang auf der krampfhaften Suche nach Einspar- und Rationalisierungsmöglichkeiten mit gierigen Augen auf die "Segnungen" der Telemedizin starren, mit beiden Händen zugreifen werden. Schon nach kurzer Zeit wird es telemdizinische Rabatt-Tarife für Patienten geben, die sich verpflichten, zunächst den "Tele-Doc" zu konsultieren. Die "Werkstatt-Bindung" bei der Kasko-Versicherung lässt grüßen. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Verlockungen dieser "Schönen neuen Welt" zu widerstehen und die Büchse der Pandora einfach verschlossen zu halten. Herr Clever scheint zu vergessen, daß auch er letztlich nur von Zwangsabgaben seiner Pflichtmitglieder lebt. Die werden bald im Sturzflug nach unten rasen. Nach wenigen Monaten bereits mußte die (wahrlich lächerlich geringe) Bestellmenge an Medizinalcannabis nach oben korrigiert werden, diese Entwicklung lässt sich genausowenig aufhalten oder zurückdrehen wie die Telemdizin-Erlaubnis. Ich habe mich mal schlau gemacht, welche Gebühren z.B. schweizer Teledoktoren so aufrufen: 3,50 - 4 CHF pro Minute werden da fällig. Nur ein Traumtänzer darf wohl darauf hoffen, daß hier zumindest ähnliche Gebühren oder gar höhere Summen aushandelbar sind. Und wie wollen Sie denn bitte schön kontrollieren, daß nur deutsche Ärzte anbieten dürfen ? Ich will gerne glauben, daß der Anbieter seinen Firmensitz hier anmelden muß, aber wer will denn letztlich überprüfen, welcher Billig-Doc in Bangladesch oder sonstwo auf dem Globus den weitergeleiteten Anruf entgegen nimmt ? Richtig: Niemand kann das kontrollieren, am allerwenigsten die Patienten, die sind an multilinguales Kauderwelsch im deutschen Medizinbetrieb schon bestens gewöhnt. Dieser Schritt wird wohl zum letzten Sargnagel der (bisher) freiberuflich tätigen niedergelassenen Ärzteschaft werden, eingeschlagen ausgerechnet durch verblendete eigene Standesvertreter. Schade um diesen schönen Beruf ! zum Beitrag »

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