Ärzte Zeitung online, 21.11.2018

Weniger Einsätze, bessere Versorgung

Bewährtes Telenotarztsystem

Mit einem Telenotarztsystem ist notärztliche Kompetenz direkt verfügbar. Die Versorgung wird dadurch verbessert.

Von Ilse Schlingensiepen

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In Zeiten der Telemedizin muss im Notfall nicht immer ein Notarzt persönlich anwesend sein.

© Wellnhofer Designs / stock.ado

DÜSSELDORF. Mit dem Einsatz eines Telenotarztsystems lässt sich nicht nur die Zahl der Notarzteinsätze reduzieren, sondern auch gleichzeitig die Versorgung verbessern.

Das zeigen die Erfahrungen mit dem Telenotarzt in Aachen. „Die direkte Verfügbarkeit notärztlicher Kompetenz ist ein Qualitätsvorteil“, sagte Dr. Stefan Beckers, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Aachen, beim Medica Econ Forum der Techniker Krankenkasse in Düsseldorf.

Das Telenotarztsystem des Betreibers P3 telehealthcare ist im April 2014 in Aachen eingeführt worden und seitdem mehr als 12.000 Mal zum Einsatz gekommen. „Die Patienten sind nahezu komplikationslos versorgt worden“, berichtete Beckers.

In 88 Prozent der Fälle waren das Primär-, in 12 Prozent Sekundäreinsätze, also Verlegungen. „Bei circa 85 Prozent der Primäreinsätze und allen Sekundäreinsätzen wäre vor der Einführung ein Notarzteinsatz erfolgt“, berichtete Beckers.

Inzwischen würden 25 Prozent der Notarzteinsätze und 36 Prozent der Sekundärverlegungen vom Telenotarzt übernommen. Er berät auch die Disponenten in den Leitstellen.

Die Inanspruchnahme ist von 404 Primäreinsätzen pro Quartal 2014 auf 776 im Jahr 2017 gestiegen. Inzwischen sei eine gewisse „Sättigung“ erreicht.

Vitaldaten in Echtzeit übertragen

Die Telenotarzt-Zentrale ist rund um die Uhr besetzt. Das Rettungsteam vor Ort kann per Headset sofort mit einem qualifizierten Notfallmediziner Kontakt aufnehmen. „Das Team kann die Versorgung ärztlich unterstützt beginnen.“

Über sichere Leitungen können Vitaldaten in Echtzeit übertragen, per Smartphone können Fotografien geschickt werden, etwa von Medikamenten oder des Berichts aus einem Pflegeheim. Der Arzt hat auch die Möglichkeit, per Video auf den Patienten im Rettungswagen zu schauen.

„Das wird aber nicht oft gemacht, das Wesentliche passiert über die strukturierte Kommunikation zwischen dem Team vor Ort und dem Telenotarzt.“

Der Einsatz des Telenotarztes dauert nach Angaben von Beckers im Durchschnitt 18 Minuten. Kommt der Notarzt mit dem Einsatzfahrzeug, sind es im Schnitt 53 Minuten in Aachen und in ländlichen Regionen noch länger. „Wir haben eine geringere Bindezeit“, sagte er.

In den allermeisten Fällen kontaktieren die Sanitäter den Telenotarzt zur Abklärung der Situation. In 1,9 Prozent der Fälle kommt eine Anfrage, obwohl bereits ein Notarzt unterwegs ist.

„Dadurch wird das therapiefreie Intervall verkürzt.“ In 5,3 Prozent der Einsätze hat der Telenotarzt nach Begutachtung des Patienten einen Notarzt zu ihm geschickt. In einzelnen Fällen greifen auch die Notärzte vor Ort auf die Kompetenz des Kollegen in der Zentrale zurück.

„Die einfache Verletzung ist die häufigste Einsatzindikation“, berichtete der Arzt. Häufig sind auch Schlaganfälle ohne Bewusstlosigkeit und akute Schmerzzustände. Gerade beim Schlaganfall biete die frühe strukturierte Anamnese durch den Telenotarzt große Vorteile. Er könne die aufnehmende Stroke Unit gezielt informieren.

Sieben Prozent der Patienten bleiben nach der Begutachtung vor Ort und werden an den Hausarzt überwiesen. „Vieles kann man heute telemedizinisch besser und ressourcenschonender regeln.“

Harmonisierte Anweisungen

In Aachen sind alle 17 Rettungswagen telemedizinisch ausgestattet. „Das Gesamtsystem ist umgestellt“, sagte der Ärztliche Leiter. Inzwischen sind auch Euskirchen und der Kreis Heinsberg an das Telenotarzt-System angebunden. In dem Netzwerk arbeiten alle mit denselben Standards, die Arbeitsanweisungen sind harmonisiert.

Das Telenotarztsystem sei ein zusätzliches Strukturelement, betonte Beckers. „Es bewirkt, dass wir den Notarzt dahin bringen können, wo er tatsächlich notwendig ist.“ Das System ermögliche ein effizienteres Arbeiten und eventuell auch die Reduzierung von Kosten.

Ob eine Einführung sinnvoll ist, hänge vom konkreten Bedarf vor Ort ab, betonte er. Wichtig sei auch: „Man muss sich bewusst sein, dass man nicht nur Technik kauft, sondern es geht um einen Systemwechsel.“ Die Rettungsteams müssten anders arbeiten als bisher.

Wegen der guten Erfolge setzt sich Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann für eine flächendeckende Einführung in NRW ein.

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