Ärzte Zeitung, 01.03.2010
 

TÜV-Nord will Fonds besser bewerten

Jeder kennt sie, die TÜV-Plaketten, die Sicherheit bescheinigen sollen. Seit einigen Jahren gibt es die begehrten Siegel auch für Finanzprodukte. Doch nach heftiger Kritik rudert der Verein zurück - er will seine Kriterien für die Bewertung von Fonds erst einmal überarbeiten.

Von Richard Haimann

TÜV-Nord will Fonds besser bewerten

Im Kfz-Gewerbe stehen TÜV-Plaketten für Sicherheit. Doch funktioniert das auch bei Finanzprodukten? © Fixativ / Fotolia.com

Die Deutschen vertrauen den Technischen Überwachungsvereinen. Ob Gebrauchtwagen, Rolltreppen oder Spielzeug - was ein TÜV-Siegel trägt, gilt als sicher. Mit dem guten Ruf, meinten die Vereine, ließe sich auch in der Fondsbranche gutes Geld verdienen. Darum hatten die Gesellschaften vor einigen Jahren begonnen, geschlossene Fonds und - im Fall des TÜV-Süd auch die Beratungsqualität von deren Vertriebspartnern - zu bewerten.

Sie arbeiten dabei im Auftrag und gegen Honorierung der Initiatoren und Vertriebsgesellschaften. Bis zu 30 000 Euro zahlen die Fondsanbieter und ihre Verkäufer nach Brancheninformationen für eine Bewertung durch den TÜV. Das hatte den Überwachungsvereinen schnell den Ruf eingebracht, bezahlte Gefälligkeitsgutachten zu erstellen. "Ist der TÜV zur Marketingagentur der durch ihn geprüften Finanzdienstleister verkommen?", fragte etwa der Branchendienst Cash-online.

Die Kritik entzündete sich vor allem daran, dass in erster Linie "die Vollständigkeit, Richtigkeit und Klarheit" der Angaben im Emissionsprospekt geprüft wird. Dies kontrolliert nämlich bereits die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), der jeder Fondsprospekt zur Genehmigung vorgelegt werden muss. Darüber hinaus wird bei der TÜV-Zertifizierung noch die Qualität des Managements der Fondshäuser und der für sie tätigen Berater untersucht. Für die Anleger seien all diese Prüfungen wertlos, rügt Dorothea Mohn, Anlageexpertin beim Verbraucherzentrale-Bundesverband: "Die TÜV-Zertifikate sagen nichts darüber aus, ob ein geschlossener Fonds über ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept verfügt oder nicht."

Der Finanzmathematiker Werner Siepe hat in mehreren Studien im Auftrag von Verbraucherschützern, des Arbeitgeberverbands der finanzdienstleistenden Wirtschaft (AfW) und der Versicherungsbranche die Bewertungssysteme der Überwachungsvereine untersucht. Jedes Mal mit vernichtendem Ergebnis: Da sogar "dubiosen Fondsangeboten Prädikate verliehen werden", urteilte Siepe, seien die "TÜV-Zertifikate nutzlos und sogar schädlich".

Initiatoren, Banken und Finanzvertriebe würden die TÜV-Siegel zu "irreführender Werbung missbrauchen", schrieb der Experte. Beispielsweise habe der TÜV-Nord der inzwischen insolventen Vertriebsgesellschaft MEA AG zwei Jahre vor deren Pleite das Zertifikat "TÜV-geprüfte Kundenzufriedenheit" verliehen. "TÜV-Siegel schützen die Anleger nicht", warnte das Fachmagazin Finanztest der Stiftung Warentest.

Durch die verheerende Kritik sind die Siegel für Fondsinitiatoren und Vertriebe weitgehend wertlos geworden. Nur noch wenige Anbieter sind bereit, ihre Produkte für teures Geld bewerten zu lassen. "Ich will ein TÜV-Siegel nur für mein Auto haben", sagt Torsten Teichert, Vorstandschef des Emissionshauses Lloyd Fonds. Die Bewertungsmodelle der Überwachungsvereine seien nicht überzeugend.

Der TÜV-Rheinland hat sich deshalb aus dem Geschäft mit der Fondszertifizierung zurückgezogen. Der TÜV-Nord hat sein Notensystem abgeschafft und versucht nun einen Neuanfang: Ende des Monats will der Überwachungsverein gemeinsam mit Vertretern aus der Fondsbranche und von Verbraucherschutzverbänden einen "Finanz-Dialog" abhalten. Geschäftsführer Theike erklärt: "Wir wollen in der Finanzdienstleistungsbranche Standards definieren, deren Einhaltung auch überprüft werden kann."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

So schützen sich Krebskranke vor Stigmatisierung

Wer an Krebs erkrankt, muss sich auch mit der damit verbundenen Stigmatisierung auseinandersetzen. Forscher raten zu gezielten Gegenstrategien. mehr »

Kassen rücken beim Arztinfo-System von der Steuerung via Ampel ab

Nutzenbewertungen neuer Arzneimittel durch den GBA finden bei Ärzten bisher oft nur wenig Beachtung. Ein Arztinfo-System soll das ändern. Der GKV-Spitzenverband hat dafür jetzt einen Prototypen präsentiert. mehr »

Sport tut den Gelenken gut - auch bei Multimorbidität

Selbst Arthrosepatienten mit schweren Begleiterkrankungen profitieren von regelmäßigem körperlichem Training. Es gibt allerdings eine Voraussetzung. mehr »