Ärzte Zeitung, 10.05.2010

Drei Buchstaben lassen den Markt erschüttern

Mit dreistelligen Buchstabencodes bewerten Rating- Agenturen die Bonität von Unternehmen und auch Ländern. Die Herabstufung Griechenlands ließ wieder Zweifel an der Seriosität der Agenturen aufkeimen.

Von Jörn Bender und André Stahl

Drei Buchstaben lassen den Markt erschüttern

Fitch ist eine der drei weltweit größten Rating-Agenturen. Ihr Urteil zur Bonität von Anleihen kann Staaten in die Krise fallen lassen. © dpa

Griechenland, Portugal, Spanien - das Dominospiel hat begonnen. Miese Noten der Rating-Agenturen für die Schuldensünder schrecken die nervösen Märkte noch mehr auf. In der Finanzkrise noch heftig gescholten, lassen Standard & Poor's und Co. längst wieder die Muskeln spielen und schicken Schockwellen um den Globus. Kritiker werfen den Agenturen schlechtes Timing vor: Ausgerechnet mitten im Ringen um Milliardenhilfe für Griechenland gießen sie Öl ins Feuer. Die Agenturen kontern: Schlechte Nachrichten dürften nicht mit Rücksicht auf die Politik zurückgehalten werden. Wieder einmal wird gefordert, die Macht der Schuldner-Bewerter zu brechen.

Es ist noch nicht einmal zwei Jahre her, als die drei Großen der Branche, Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch, wegen krasser Fehlurteile am Pranger standen. Schrottpapiere vom US-Hypothekenmarkt erhielten reihenweise die Bestnote "AAA" ("Triple A"), was Investoren in Scharen lockte - und letztlich Milliarden verbrannte. Genauso daneben lagen die Agenturen bisweilen mit der Bewertung von Banken, die wenig später zusammenbrachen.

Wie schon auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ist auch jetzt die Politik empört. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) etwa plädiert für eine unabhängige europäische Agentur - nicht der erste Vorstoß von Politik und deutscher Industrie auch gegen eine angebliche "Amerikalastigkeit" der Agenturen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte schon im Sommer 2008 eine eigene europäische Rating-Agentur.

Der Ökonom Jan Pieter Krahnen hält dem entgegen: "Zu denken, dass eine europäische Rating-Agentur bessere Ergebnisse produzieren würde, ist eine große Naivität bezüglich der Funktionsweise von Kapitalmärkten." Die Kritik an den Agenturen rühre daher, "dass etliche Leute die Fakten nicht hören wollen".

Auch die Agenturen verstehen die Aufregung nicht. "Wir müssen unsere Meinung kundtun, auch wenn es schmerzhaft für den Emittenten ist", sagt der Deutschland-Chef von Fitch Ratings, Jens Schmidt-Bürgel. Die Ratingmethoden seien "klar und transparent, gerade im Rating von Ländern". Viele der Daten seien öffentlich zugänglich. Geradezu bescheiden äußert sich der S&P-Europachef Länder-Rating, Moritz Kraemer: "Unser Rating ist nur eine Meinung von vielen." Er erinnert: "Als ab dem Jahr 2004 Italien, Griechenland und Portugal heruntergestuft wurden, hat kaum jemand davon Notiz genommen."

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen von Banken, Unternehmen und Staaten (Ratings) Mathematik und was Meinung ist. Hartnäckig halten sich Vorwürfe der Parteilichkeit, weil die Agenturen bisweilen von den Unternehmen bezahlt werden, deren Kreditwürdigkeit sie beurteilen. Trotz ihres Versagens würden sie nicht zur Verantwortung für ihre Fehlurteile gezogen, praktisch bestehe ein Monopol der Agenturen ohne ausreichende Kontrolle, urteilen ihre schärfsten Kritiker.

Dass S&P den Daumen für Griechenland (Herabstufung auf den Ramschstatus BB+), Portugal (A-) und Spanien (AA) senkte, macht es für die hoch verschuldeten Staaten schwerer und teuerer, sich Geld zu besorgen. Hinzu kommt: Manche Investoren wie Versicherer oder Pensionskassen dürfen bei einer drastischen Herabstufung Anleihen des betreffenden Landes nicht mehr in ihren Depots halten.

Volkswirte warnen davor, die Schuldensünder in einen Topf zu werfen. "Auch wenn es derzeit am Kapitalmarkt anscheinend niemanden interessiert: Die Haushaltslage ist in Portugal deutlich weniger dramatisch als in Griechenland", so Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. Als Hauptgefahr für Portugal-Anleihen sieht er, "dass es unter dem Eindruck der Griechenland-Krise zu einem Käuferstreik am Kapitalmarkt kommt" - ein Beleg für die Macht der Buchstabencodes, die die Agenturen für ihre Bewertung verwenden. (dpa)

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