Ärzte Zeitung, 11.11.2013

Anlagen-Kolumne

Der Sparer wird zur Kasse gebeten

Von Gottfried Urban

Der Sparer wird zur Kasse gebeten

Die jüngste Zinssenkung bestätigt meine Annahmen: Das Rezept für die Lösung der Staatsschuldenkrise ist vor zwei Jahren geschrieben worden. Der Sparer wird zur Kasse gebeten, er wird schleichend enteignet.

Die Aussagen der Herren des Geldes sind eindeutig. Der Zins bleibt unter der Inflationsrate, so lange es geht. Scheinbar interessiert das aber den Anleger nicht. Umfragen bestätigen: Aus Angst vor Kursschwankungen bleibt das meiste Spargeld auf verzinslichen Einlagen geparkt. Mittlerweile ist es aber schon fast egal, ob ich Geld bei der Bank lagere oder zu Hause lasse.

Inzwischen brauchen die Banken den Anleger nicht mehr, der noch immer meint, dass ihm ein Zins von wenigsten einem Prozent für sein Spargeld zusteht. Banken bekommen große Summen zu viel weniger Zinsen und müssen nicht kleinteilig Einzelkonten verzinsen.

Also wird das Geld der Anleger in andere Anlageprodukte umgelenkt und die Geldbesorgung erfolgt über den Interbankenmarkt oder über die Notenbank. Das wird massive Auswirkungen auf die Kapitalmärkte, insbesondere die Aktienmärkte haben.

Der längerfristig angelegte Teil des Geldes gehört nicht in die risikolose Zinsanlage. Das ist mittlerweile zum zinslosen Risiko geworden. Auch wenn die offizielle Teuerungsrate bei unter einem Prozent liegen soll, die persönliche Inflationsrate dürfte höher liegen.

Es gibt keine Widerstandslinien mehr

Und es lohnt sich auch nicht, auf einen Zinsanstieg zu warten. Denn mit dem Übergang der ultralockeren Geldpolitik (vielleicht in zwei bis drei Jahren) in eine lockere Geldpolitik wird auch die Teuerung anziehen. Ein kurzfristiger Zins unter der Inflation ist die Entschuldungsstrategie der nächsten sieben bis zehn Jahre. Das ist die neue Realität.

Diese Form der Staatsentschuldung ist nicht ganz neu und es war fast immer die Aktie (nicht Gold und auch nicht die Immobilie), die in diesen Phasen trotz Schwankungen den besten Schutz gegen die Enteignung des Sparers darstellte.

Widmen wir uns den Aktienmärkten etwas genauer. Was ist in der Vergangenheit passiert, als Märkte neue Allzeithochs markierten. Für Aktienprofis ist ein Überwinden von alten Höchstmarken ein Kaufsignal. Es gibt keine Widerstandslinien mehr.

Beispiel aus der Historie: Als der Aktienmarkt in Deutschland im Jahr 1996 endlich nach mehrmaligem Anlauf sein altes Hoch von gut 2200 Punkten überwunden hatte, kam es innerhalb von zwei Jahren zu einem Kursanstieg bis auf über 4400 Dax-Punkte.

Die wichtigste Nachricht für Anleger: Zwei Jahre keine großen Kursrücksetzer, die einem einen Einstieg ermöglicht hätten. Die Nullzinspolitik könnte die Aktien im Laufe dieses Jahrzehntes in ungeahnte Kurshöhen treiben.

Solange Investoren nicht auf die Idee kommen in großem Stil Kredite für Aktienengagements aufzunehmen ist noch alles in Ordnung. Wer an der Börse nichts riskiert, riskiert künftig trotzdem etwas - den Verlust von Kaufkraft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

"Telemedizin ist für uns Landärzte die Zukunft"

Geringes Honorar, hoher Aufwand und auf bestimmte Diagnosen begrenzt – trotzdem setzen einige Ärzte auf die Videosprechstunde. Und das aus vielerlei Gründen. mehr »

Was 100-Jährige von anderen unterscheidet

100-Jährige sind oft weniger krank als die Jüngeren. Worauf es ankommt, haben Forscher anhand von Daten von AOK-Versicherten herausgefunden. mehr »

Lauterbach will Erstkontakte extra vergüten

"Erstkontakte sollen sich lohnen": Mit einem Sonderbudget für Erstkontakte bei Fachärzten will der SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach Ungerechtigkeiten bei der Terminvergabe beseitigen. mehr »