Ärzte Zeitung online, 05.06.2018

Anlage

Ende der Niedrigzinsphase sorgt an Börsen für Unruhe

Das Zinsniveau hebt sich langsam wieder. Für die Unternehmen bedeutet das höhere Refinanzierungskosten. Anleger müssen daher hinsichtlich ihrer Aktienstrategie eventuell umdenken.

Von Richard Haimann

Ende der Niedrigzinsphasesorgt an Börsen für Unruhe

Mit der Zinswende müssen Anleger ihre Optionen neu durchrechnen, wenn die Rendite stimmen soll.

© mast3r/stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Die Ära der Tiefstzinsen ist vorbei. Weil die US-Notenbank den Leitzins auf aktuell eine Spanne von 1,5 bis 1,75 Prozent angehoben hat, sind auch in der Eurozone die Zinsen leicht gestiegen.

Das freut Sparer: Betrug der durchschnittliche Zinssatz für Festgeldeinlagen mit sechsmonatiger Laufzeit im März noch 0,1 Prozent, sind es nun nach der jüngsten Auswertung der FMH Finanzberatung Max Herbst im Schnitt 0,15 Prozent. Anleger hingegen fragen sich, ob die höheren Finanzierungskosten die Gewinne der Unternehmen kappen und ihre Aktienkurse drücken werden.

Zwar hält die Europäische Zentralbank den Leitzins weiterhin bei null Prozent. Durch die Leitzinsanhebungen in den USA ist dort jedoch die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen zuletzt über die Marke von drei Prozent gestiegen.

Internationale Investoren schichten verstärkt Kapital aus der Eurozone in den Dollar-Raum um. Das zwingt Banken in der Eurozone, höhere Renditen zu bieten, um ausgereichte Kredite am Kapitalmarkt zu refinanzieren.

Immobilienkäufe verteuern sich

Beispielhaft zeigt dies ein Blick auf Berlin Hyp. Im Frühjahr 2016 konnte der Immobilienfinanzierer aus der Sparkassen-Finanzgruppe einen Pfandbrief über 500 Millionen Euro zu einer negativen Rendite von 0,162 Prozent begeben. Investoren bezahlten die Bank dafür, dass sie ihr Geld bei ihr parken konnten.

Das ist nun anders: Als die Berlin Hyp diesen Februar erneut einen Pfandbrief über eine halbe Milliarde Euro emittierte, musste sie den Investoren einen jährlichen Zinskupon von 0,75 Prozent gewähren.

Immobilienkäufer bekommen deshalb die höheren Zinsen bereits deutlich zu spüren. Lag der durchschnittliche Zinssatz für zehnjährige Hypothekendarlehen im Herbst 2016 noch bei 1,03 Prozent, sind es nach FMH-Berechnungen aktuell im Schnitt 1,42 Prozent.

"Eigentümer von Eigenheimen und Eigentumswohnungen, die ihre Kredite in den nächsten zwei Jahren refinanzieren müssen, sollten sich deshalb über ein Forward-Darlehen die aktuell noch günstigen Konditionen für die Anschlussfinanzierung sichern", sagt Andreas Görler, Stratege der Berliner Vermögensberatung Wellinvest.

Forward-Darlehen werden heute zu den aktuellen Zinssätzen abgeschlossen, aber erst ausgezahlt, wenn die derzeitigen Darlehen ausgelaufen sind. In der Regel erheben Banken für diese Vorauskredite keine oder nur sehr geringe Zinsaufschläge von 0,01 Prozent pro Monat Wartezeit.

In ähnlichem Umfang wie die Hypothekenkredite haben sich auch die Finanzierungskosten für Unternehmen verteuert. Das bedeutet aber nicht, dass nun die Aktienkurse purzeln müssen, sagt Gottfried Urban, Vorstand der Bayerische Vermögen in Altötting. "Die vergangenen Jahrzehnte an den Börsen haben gezeigt, dass Zinsanhebungen keinen negativen Einfluss auf Aktien haben müssen."

Denn Notenbanken erhöhen die Leitzinsen in boomenden Wirtschaftsphasen, um eine Überhitzung der Konjunktur zu verhindern, nicht aber, um das Wirtschaftswachstum abzuwürgen. Deshalb ist der US-Aktienindex S&P 500 auch um weitere 30 Prozent gestiegen, seit die US-Notenbank im Dezember 2015 begann, den Leitzins anzuheben.

"Die eigentliche Gefahr für die Börsen ist das Ende eines Zinsanstiegs", sagt Urban. "Dann verlangsamt sich das Konjunkturwachstum."

US-Steuerreform bringt Geldsegen

Viele US-Konzerne sind ohnehin nicht von Finanzierungen abhängig. Im Gegenteil: "Sie haben zu viel Geld", sagt Marc-Oliver Lux, Geschäftsführer der Münchner Vermögensberatung Dr. Lux & Präuner. Weil sie in den vergangenen Jahren hohe Gewinne eingefahren haben und nun auch noch durch die US-Steuerreform 1,500 Billionen US-Dollar an Fiskalabgaben einsparen, haben Giganten wie Apple, Alphabet und Microsoft milliardenschwere Aktienrückkauf-Programme gestartet.

Das dürfte deren Aktienkurse kurzfristig weiter in die Höhe treiben, langfristig aber nicht unbedingt gesund sein, sagt Lux. "Unternehmen, die überdurchschnittlich viele Aktien zurückkauften, bekamen immer wieder enorme Probleme, weil sie nicht in zukunftsträchtige Technologien, Produkte oder Märkte investiert haben."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Debakel für ASS

Acetylsalicylsäure schützt Ältere nicht vor Herz-Kreislauferkrankungen - im Gegenteil: Ihr Sterberisiko ist erhöht. Mit diesem Ergebnis überrascht die ASPREE-Studie. mehr »

Junge sind besonders depressionsgefährdet

Der Alltag junger Menschen birgt hohe Risiken für Depressionen. Ärzte warnen: Die Gefahr der Chronifizierung ist groß. mehr »

Allergien machen Kindern zu schaffen

Allergien, psychische Störungen und Unfälle bleiben die häufigsten Risiken für chronische Krankheiten von Kindern. Vor allem Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis beeinträchtigen den Nachwuchs. mehr »