Ärzte Zeitung online, 16.02.2018

Reproduktionsmedizin

Berliner Kinderwunsch-Messe birgt politischen Sprengstoff

Berlin rüstet sich am Wochenende für den Ansturm auf die "Kinderwunsch-Tage". Frauenärzte wie auch die Gesundheitsverwaltung sehen das Info-Event zu in Deutschland verbotenen Techniken kritisch.

Von Matthias Wallenfels

BERLIN. Das Embryonenschutzgesetz setzt Paaren mit Kinderwunsch, die reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, in Deutschland enge Grenzen. Viele Paare suchen Hilfe im Ausland – auch Betroffene aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Für diese Zielgruppen feierte im vergangenen Jahr die Infomesse "Kinderwunsch-Tage" in Berlin Premiere.

"Die einzige Veranstaltung ihrer Art in Deutschland, bei der Sie Rat von Experten, Unterstützung, Produkte und zuverlässige Informationen zur Vergrößerung ihrer Familie erhalten – alles unter einem Dach", heißt es auf der Veranstaltungs-Website.

Bereits 2017 hatte die Veranstaltung die Gynäkologen auf die Barrikaden getrieben, teilte der Landesverband des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) mit, dass er die Publikumsmesse "ausdrücklich nicht unterstützt".

"An unserer damaligen Position hat sich nichts verändert", verdeutlicht BVF-Pressesprecherin Dr. Susanna Kramarz nun auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung". Für den BVF stehe nach wie vor die Befürchtung im Raum, dass es beim Messegeschehen nicht nur um reine Information gehe.

"Auch an unserem Standpunkt zu den Kinderwunsch-Tagen hat sich nichts geändert", erklärt Sprecher Christoph Lang gegenüber der "Ärzte Zeitung" die Position der Berliner Gesundheitsverwaltung. Diese sehe es nach wie vor nicht gerne, wenn in Berlin über reproduktionsmedizinische Verfahrensoptionen informiert werde, die hierzulande verboten sind.

Zwei Beschwerden gegen die Veranstaltung

 Laut Lang liegen zwei Beschwerden gegen die Veranstaltung vor. "Wie bereits 2017, so wird das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) als zuständige Ordnungsbehörde die Veranstaltung kritisch begleiten und kontrollieren. Sollten Verstöße gegen deutsches Recht festgestellt werden, werden diese entsprechend unterbunden", verspricht Lang.

"Im Mittelpunkt der Messe stehen sachliche Informationen. Es sollen keine Hoffnungen aufgebaut werden, die am Ende nicht erfüllt werden können. Vielmehr soll eine realistische Einschätzung dazu abgegeben werden, was machbar ist und was nicht", wird David McAllister, Initiator der Kinderwunsch Tage, in einer Pressemitteilung des Veranstalters zitiert.

"Wir haben erkannt, dass gerade in Deutschland ein großer Bedarf an Aufklärung über alternative Möglichkeiten zur Familiengründung besteht, da hier besonders viele Verfahren nicht erlaubt sind, die in anderen Ländern gängige Praxis sind", so McAllister, bei dem es sich nicht um den namensgleichen, ehemaligen Landesvorsitzenden der CDU Niedersachsens handelt, weiter.

2017 hat es laut Behördensprecher Lang zu Beginn der Messe eine Begehung durch das LAGeSo gegeben. Damals sei festgestellt worden, dass der Charakter einer Informationsveranstaltung durchweg gewahrt gewesen war. Allerdings gab es in drei Einzelfällen Beanstandungen.

So boten zwei Ärzte aus dem nichteuropäischen Ausland ärztliche Beratung an, obwohl sie keine Approbation in Deutschland hatten. Eine ausländische Reproduktionsklinik, ebenfalls nicht EU, wollte Voucher für eine ärztliche Erstuntersuchung an seinem ausländischen Sitz anbieten. Dem Veranstalter wurde dies unmittelbar danach mitgeteilt. Er sagte daraufhin zu, die monierten Sachverhalte zu unterbinden", ergänzt Lang.

Derweil steht das von 1990 stammende Embryonenschutzgesetz weiter unter Beschuss. So forderten im Oktober Experten der Leopoldina-Akademie vom Gesetzgeber, ein liberaleres Fortpflanzungsmedizingesetz anzugehen.

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