Ärzte Zeitung, 20.04.2016

Verbundweiterbildung Plus

Blick in andere Fachrichtungen

Die Verbundweiterbildung Plus Baden-Württemberg bietet Lerninhalte, die in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin zu kurz kommen. 600 junge Ärzte machen bereits mit.

Von Anne Zegelman

Blick in andere Fachrichtungen

Hausärzte sind erster Ansprechpartner bei einer Vielzahl von Erkrankungen. Deshalb gibt die Verbundweiterbildung Plus Baden-Württemberg Einblicke in andere Fachrichtungen.

© Photographee.eu / fotolia.com

HEIDELBERG. Eine junge Frau steht in der Mitte des Raums. Sie hat ihr rotes T-Shirt nach oben geknotet, sodass der untere Rücken frei liegt. Eine Kollegin sitzt hinter ihr auf einem Stuhl. Vorsichtig legt sie beide Hände auf den Rücken und ertastet die Wirbel.

Währenddessen erklärt ein orthopädie-erfahrener Hausarzt detailliert Untersuchungstechniken mit Blick auf von Rücken, Schulter und unteren Bewegungsapparat.

Szenen wie diese gehören regelmäßig dazu, wenn sich die Teilnehmer der Verbundweiterbildung Plus Baden-Württemberg treffen.

Denn das "Plus" steht für Inhalte, die in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin zu kurz kommen und die deshalb abseits des regulären Weiterbildungsinhaltes an speziellen Schulungstagen zum Thema gemacht werden.

"Wir sind der festen Überzeugung, dass nicht alle Kompetenzen in den stationären und ambulanten Rotationen vermittelt werden können", sagt Dr. Simon Schwill, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Universitätsklinikums Heidelberg und Mitglied des Teams der Verbundweiterbildung Plus.

Hausärzte seien nun einmal erster Ansprechpartner bei allen Gesundheitsproblemen. "Dadurch sind sie auch oft mit Fällen aus anderen Fachbereichen konfrontiert, zum Beispiel HNO, Dermatologie, Kinderheilkunde", erklärt Schwill.

Der Erwerb dieser Kompetenzen sei aber kein verpflichtender Bestandteil der Weiterbildung, deshalb gebe es das externe Angebot. In der Verbundweiterbikdung werden auch Kernkompetenzen wie Praxisführung, Kommunikation oder interprofessionelle Zusammenarbeit vermittelt.

Zehn spannende Tage

Junge Ärzte in Fokus

Mit einer neuen Themen-Seite will die "Ärzte Zeitung" ab sofort vermehrt junge Ärzte in Studium und Weiterbildung in den Blick nehmen.

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Rund 600 Ärzte in Weiterbildung (AiW) nehmen an der seit 2009 laufenden Verbundweiterbildung Plus teil, außerdem 41 Klinikverbünde und über 300 Praxen. Bis heute haben von den 600 Ärzten im Programm über 110 ihren Facharzt für Allgemeinmedizin erfolgreich abgeschlossen.

Üblicherweise stehen Ärzten in Weiterbildung drei Fortbildungstage pro Jahr zu, den Teilnehmern der Verbundweiterbildung Plus werden zehn Fortbildungstage gewährt. Und die werden effektiv genutzt.

Auf dem Plan stehen pro Jahr vier frei wählbare Einzelschulungstage und ein Doppelschulungstag, für den die Teilnehmer auf acht feste Kohorten aufgeteilt werden - und der unter der Woche während der Arbeitszeit stattfindet. Hinzu kommt noch der sogenannte Landtag, bei dem die jungen Ärzte gemeinsam in ländliche Gebiete fahren und dort unter dem Aspekt einer Niederlassung Kontakte zu Kommunen knüpfen können.

Außerdem auf der Agenda: zweimal jährlich ein Tag der Allgemeinmedizin, einmal jährlich ein Netzwerktreffen und in Frühjahr und Herbst je ein Train-the-Trainer-Seminar.

Diese Seminare für Hausärzte mit Weiterbildungsbefugnis, bei denen rechtliche und organisatorische Fragen rund um die Weiterbildung beantwortet und didaktische Methoden für die Praxis behandelt werden, laufen in Baden-Württemberg seit fünf Jahren erfolgreich, das Interesse ist groß.

Gerade hat auch das Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin Hessen zum ersten Train-the-Trainer-Seminar eingeladen, für das das Konzept aus dem Südwesten Modell stand.

Fünf Säulen

"Wir bieten bewusst nicht nur Vorträge, sondern auch zahlreiche praktische Übungen", berichtet Schwill. Die Einzelschulungstage beschreibt er als "kleine Kongresse": Jeder Kurs ist 90 Minuten lang, drei bis vier Kurse laufen parallel, die Teilnehmer wählen ihre Schwerpunkte nach Interesse.

Mitte April kamen zum Schulungstag nach Stuttgart 67 ÄiW aus dem ganzen Bundesland, zum Tag in Heidelberg 81 Teilnehmer.

Das Konzept der "kleinen Kongresse" ruht auf fünf Säulen: "Neben der Theorie legen wir viel Wert auf praktische Übungen, bei denen es diesmal unter anderem um Medikamentenreviews, EKG und die Kommunikation mit türkischen Patienten ging", sagt Schwill.

Gemeinsam übten die jungen Ärzte beispielsweise auf ihren Smartphones den Umgang mit Webportalen zur Überprüfung eines Medikationsplans wie der Priscus-Liste (priscus.net) oder der Dosing-Webseite (dosing.de). Auch Übungsuntersuchungen der Mitteilnehmer stehen auf dem Plan.

Außerdem werden Informationen zur Praxisführung vermittelt - und der Netzwerkgedanke kommt natürlich auch nicht zu kurz. "Aktuell planen Absolventen, die sich in der Verbundweiterbildung Plus kennengelernt haben, eine gemeinsame Praxis aufzumachen", berichtet Schwill.

Die jungen Ärzte, Quer- oder Wiedereinsteiger können vom Staatsexamen bis zur Facharztprüfung Allgemeinmedizin an dem Programm teilnehmen. Aktuell läuft eine Evaluation dazu, wie viele von ihnen sich nach der Facharztprüfung niederlassen - und welchen Einfluss die Verbundweiterbildung Plus darauf hat.

In der Vorreiterrolle

Das vierköpfige Team hinter der Verbundweiterbildung ist stolz darauf, dass das Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin Baden-Württemberg, für das sich Heidelberg mit den medizinischen Fakultäten in Mannheim, Tübingen, Ulm und Freiburg zusammen geschlossen hat, bei der Strukturierung der Weiterbildung eine Vorreiterrolle einnimmt.

Anhand eines Konzeptpapiers der DEGAM (DEGAM-Konzept Verbundweiterbildung Plus), das sich in seinen Inhalten deutlich mit der Verbundweiterbildung Plus Baden-Württemberg überschneidet, bilden sich bundesweit neue Konzepte von Verbundweiterbildungen.

"Diese Entwicklung ist außerordentlich erfreulich, weil sie die Weiterbildungssituation in der Allgemeinmedizin und dadurch die Weiterbildung von Ärzten in Deutschland im Gesamten fördert", so Schwill.

Seit Beginn des Jahres 2009 hatte sich das Programm aus einer Anschubfinanzierung mehrerer Ministerien finanziert. Seitdem diese Finanzierung im Herbst 2015 ausgelaufen ist, mussten die am Programm teilnehmenden Krankenhäuser einen Kostenbeitrag von 1500 Euro pro Jahr zahlen, für Hausarztpraxen waren es 500 Euro.

Für einen Ausgleich sei durch die DKG-Fördergelder beziehungsweise die KV-Förderung gesorgt, heißt es auf der Webseite des Programms.

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