Ärzte Zeitung online, 29.09.2016
 

Medizinstudent Philipp Humbsch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 wird auch nichts ändern

Wie mit dem Ärztemangel in Brandenburg umgegangen wird ist unehrlich und kurzsichtig, findet Blogger Philipp Humbsch. Und die Schönfärberei von Seiten der Politik macht es auch nicht besser.

Warum der Masterplan Medizinstudium 2020 nichts ändern wird

Philipp Humbsch, Jahrgang 1991, pendelt für sein Studium jeden Tag 200 Kilometer von Frankfurt (Oder) nach Berlin und zurück. Der Medizinstudent arbeitet im Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree und außerdem als Sprechstundenhilfe bei einem Hausarzt.

© Privat

Besonders meine Mark Brandenburg spielt in diesem Spiel um Ärzte eine sehr unrühmliche Rolle. Seit mehr als 20 Jahren gibt es ein Gutachten des wissenschaftliches Rates, wonach Brandenburg genug Ärzte hat, und keine eigene Fakultät braucht.

Darum werden keine staatlichen Fakultäten eröffnet, und mit dem Verweis auf die Unterstützung einer privaten Uni in Neuruppin versuchen sich die Damen und Herren in Potsdam aus der Affäre zu ziehen. Sie suggerieren, dass am Problem gearbeitet würde, dass die schlechte Versorgungslage nicht ihre Schuld wäre, dass der Ärztemangel doch nicht ganz so groß ist wie gedacht.

Natürlich ist das gelogen. Natürlich fehlen uns Haus- und Fachärzte im ganzen Land. Aber die Ausbildung kostet Geld, und das will man nicht ausgeben. Also bildet man Juristen aus, das ist billig, und wir haben somit drei Fakultäten im Land die Anwälte produzieren, genug für jedes noch so kleine Dorf, aber eben keine Fach- und Hausärzte für die Uckermark und den Oderbruch.

Zwang führt nicht zu mehr Landärzten

Auf 100 Millionen taxierten Experten die Kosten für die Schaffung einer Fakultät. Und so ändert auch der Masterplan Medizinstudium 2020 nichts an der Situation. Mit Pflichtpraktika und Prüfungen wird die Allgemeinmedizin für uns Studenten nicht aufregender. Der Zwang führt nicht zu mehr Landärzten, und auch die Landarztquote ist ein Irrweg; dass man Mediziner nicht in einen Arbeitsplatz zwingen kann, das bewies als prominentes Beispiel der Gesundheitsminister a. D. Philipp Rößler, als er die Bundeswehr nach bezahltem Studium für ein Karriere in der Politik verließ, ohne je gedient zu haben.

Mit dem Lockmittel Studienplatz hat man noch keine neuen Ärzte auf den "unbeliebten Stellen" geschaffen, das ist die bittere Wahrheit. Schon heute klagen oder kaufen sich Ärzte aus geschlossenen Verträgen, die ihnen einst das Studium durch den damit verbundenen begehrten Studienplatz und einen Posten in der Bundeswehr brachten.

Das schaffen dann wahrscheinlich auch die Quotenstudis, wenn sie das dafür notwendige juristische Geschick bezahlen können, Anwälte gibt es ja genug, besonders in Brandenburg. Studienplätze gegen das Versprechen zu verteilen, irgendwann mal auf dem Land zu arbeiten, trägt außerdem die Gefahr einer Zweiklassenmedizin in sich, da ja dann nicht unbedingt die am besten qualifizierten Bewerber diesen Umweg nutzen müssten und so den Weg aufs Land finde.

Um das Problem zu lösen reichen keinen halbgaren Lippenbekenntnisse aus dem neugebauten Potsdamer Schloss (Kostenpunkt für den Neubau bisher 146 Millionen Euro, um weitere 16 Millionen wie bis Ende 2016 gestritten), in dem an die Wurzel des Problems trauen. Und das ist die Unterfinanzierung und der Sparzwang im Bildungssystem.

So forderte auch der Marburger Bund zehn Prozent mehr Studienplätze, also eine Erhöhung von 9000 auf 9900. Das klingt hoch gegriffen, aber ist es nicht. Nach der Wende hatten wir im Land theoretisch 16.000 Studienplätze in der Medizin. Die Gesellschaft wird älter, die Patientenbetreuung aufwendiger, aber wir bilden weniger Mediziner aus – der scheinbare Sinn, mit dem die Streichung von 7000 Studienplätzen erklärt werden soll, erschließt sich auch nicht, wenn man das zweimal liest.

Da hat wohl jemand nicht nachgedacht

Weniger Ärzte für immer mehr Patienten, da hat wohl jemand nicht nachgedacht. Hier muss Geld in die Hand genommen werden, viel Geld und das schnell, die neuen Ärzte müssen immerhin noch sechs Jahre studieren. Es braucht in der Debatte um die Minderversorgung auf dem Land endlich Ehrlichkeit. Ehrlich wäre es, den Ärzten nicht eine Entscheidung wie etwa die Niederlassung in Ballungsräumen bei höherem Patientenaufkommen vorzuhalten, die ihnen ein schlechtes System aufzwingt.

Es braucht aber auch Fairness. Fair wäre es, wenn die Entscheider sich vor Ort auf dem flachen, weiten Brandenburger Land mal erkundigen, und die Abgeordneten aus Potsdam in der Uckermark versuchen, einen Facharzttermin zu bekommen. Fair wäre es, selber Mediziner auszubilden, und nicht anderen Ländern aus Osteuropa und dem nahen (und fernen) Osten die Mediziner weg zu kaufen.

Fair wäre auch eine effiziente Verwendung der Steuermittel. So leisten sich Brandenburg, Berlin und der Bund einen Flughafen der statt zwei Milliarden aktuell 6,9 Milliarden Steuereuro kosten soll. Ein Drittel der Mehrkosten trägt Brandenburg, also weit mehr als eine Milliarde Euro. Bei Kosten für die Schaffung einer Fakultät von 100 Millionen sind dort in Schönefeld somit gleich mehre Fakultäten in den märkischen Sand gesetzt worden. Das ist nicht fair.

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