Ärzte Zeitung, 28.02.2017
 

Ohne Alternative

"Wir müssen uns einbringen!"

Weiterbildung in der Klinik, Familienvater, Engagement in der Standespolitik: Mathias Körner ist an vielen Stellen aktiv. Das kann anstrengend sein – ist für den angehenden Internisten aber ohne Alternative.

Ein Gastbeitrag von Mathias Körner

"Wir müssen uns einbringen!"

Mathias Körner ist Arzt in Weiterbildung.

© privat

Langweilig ist mir eigentlich nie. Ich bin Arzt in Weiterbildung, seit einem Jahr Vater, engagiere mich im Landesvorstand des Marburger Bundes Baden-Württemberg und der Kreisärzteschaft Karlsruhe sowie als Delegierter der Bezirksärztekammer Nordbaden und der Landesärztekammer.

Ich habe schon während meines Studiums erkannt, dass es wichtig ist, in der Berufspolitik mitzuarbeiten und sich einzubringen. Andernfalls – und das ist aktuell oftmals Realität – passiert es schnell, dass die Vorstellungen der gewählten Interessenvertreter gar nicht den Vorstellungen der Menschen entsprechen, die sie vertreten. So war ich also schon während des Studiums in der Fachschaft aktiv, und bin dann nach dem Studium eher durch Zufall über eine Bezirksversammlung des Marburger Bundes zur Standespolitik gekommen. Eigentlich wollte ich erst nach ein paar Jahren Berufserfahrung in die Berufspolitik einsteigen.

Ich halte es für wichtig, mich trotz meiner knappen Ressourcen zu beteiligen. Denn gerade der ärztliche Alltag hat ganz bestimmte Anforderungen, die bei Entscheidungen beachtet werden müssen. Ein Beispiel ist der Datenschutz: Da sprechen aktuell vor allem Juristen, sie vertreten ihre Sicht der Dinge und das sehr aktiv. Allerdings sind viele der vorgeschlagenen Ansätze und Prozesse gar nicht mit dem ärztlichen Alltag vereinbar. Es braucht also viel Dialog, um hier einen gemeinsamen Weg zu finden.

Engagement bei vielen Jungen gering

In anderen Bereichen sind es vor allem die Ökonomen, die laut ihre Forderungen vortragen und den ärztlichen Alltag ganz massiv beeinflussen. Diesem Einfluss von außen muss man entgegenstehen. Mein Anliegen ist es, dass die ärztlichen Interessen und damit häufig auch die der Patienten zwischen den verschiedenen beteiligten Gruppen nicht auf der Strecke bleiben. Dafür opfere ich meine Freizeit.

Leider ist das Engagement für die Standespolitik bei vielen jungen Kollegen eher gering. Das Problembewusstsein ist meiner Meinung nach zwar oft vorhanden, doch viele wissen gar nicht so recht, wie sie sich engagieren können. Auch ich bin ja eher durch Zufall in die Arbeit "reingerutscht", weil ich bei einer MB-Bezirksversammlung anwesend war.

Ein Problem ist aber auch, dass viele die politischen Abläufe nicht kennen. Die politischen Mühlen mahlen langsamer als die des ärztlichen Alltags, man braucht einen langen Atem. Oft sieht es nach außen hin nach Stillstand aus, während sich im Hintergrund viel tut. Das muss man erst einmal verstehen.

Gleichzeitig, und das ist wahrscheinlich das größte Problem, ist Engagement natürlich eine Zeitfrage. Der ärztliche Alltag ist ohnehin schon sehr anstrengend. Nach Feierabend dann an Sitzungen teilzunehmen, noch E-Mails zu schreiben oder über ein Wochenende für eine Hauptversammlung durch Deutschland zu fliegen, das wollen viele nicht. Dann ist es manchmal auch organisatorisch nur ganz schwer möglich: Kammersitzungen etwa beginnen teilweise bereits um 15 Uhr, das ist für junge Assistenzärzte fast unmöglich zu schaffen. So etwas muss dann die eigene Klinik mittragen, und das geht eben in der Regel erst ab einer bestimmten Position. Das könnte einer der Gründe sein, warum die Verbände und Kammern ein Motivationsproblem bei den jungen Kollegen haben. Auch wird man für die Kammerarbeit ja nicht freigestellt, und die Aufwandsentschädigung lockt keinen hinter dem Ofen hervor.

Ich selber bin mir auch nicht sicher, wie man es schaffen kann, junge Leute zur Standespolitik zu begeistern. Vielleicht muss man früher, bereits bei den Medizinstudierenden, ansetzen und dafür werben . . . Gleichzeitig sind viele Probleme des zukünftigen Berufs den Medizinstudenten zu diesem frühen Zeitpunkt noch unbekannt und daher sehr abstrakt. Das ist eine wichtige und komplexe Frage, für die ich aktuell auch keine Lösung habe. Hier sehe ich die Ärztekammern und junge Ärzte gleichermaßen in der Pflicht, einen Weg zu finden.

Das Mantra: "Habt euch nicht so"

Für mich selbst wird vor allem die Zeitfrage immer wichtiger, seit ich Vater geworden bin. Ich bin jetzt nach der Elternzeit wieder in der Klinik und ich merke, wie sich meine Prioritäten geändert haben. Nicht verlässliche Arbeitszeiten und Schichtdienst etwa: Das war vorher nur nervig, jetzt kann es mein Familienleben deutlich beeinflussen. Und natürlich überlege ich nun, da ich meinen Sohn aufwachsen sehe, ob ich am Abend wirklich noch auf eine Sitzung gehen möchte.

Der Punkt, an dem ich sage, dass ich Beruf, Familie, Freizeit und Engagement in der Standespolitik nicht mehr vereinen kann, wird aber trotzdem nicht kommen. Denn wenn wir uns nicht einbringen, dann bedeutet das, dass Menschen über unsere Weiterbildungsbedingungen entscheiden, deren Weiterbildung schon zehn oder gar 15 Jahre zurückliegt – wie es aktuell ja häufig der Fall ist. Wenn wir uns nicht aufraffen, uns auch neben den stressigen ersten Berufsjahren einzubringen, dann haben wir jungen Ärzte auch keine Stimme. Dann regiert weiterhin das Mantra "Habt euch nicht so, früher war alles noch viel schlimmer" – das kann nicht das Ziel sein.

 

Mathias Körner

Alter: 33

Aktuelle Position: Arzt in Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin

Standespolitisches Engagement: Landesvorstand des Marburger Bundes Baden-Württemberg und der Kreisärzteschaft Karlsruhe sowie Delegierter der Bezirksärztekammer Nordbaden und der Landesärztekammer

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