Ärzte Zeitung, 20.06.2008

Ärzte schätzen Notfall-Simulation

Simulationstraining an der Uniklinik Göttingen zeigt, dass es bei der Kommunikation im Op einige Mängel gibt

GÖTTINGEN . An der Göttinger Uni werden Kollegen, die einen Notfall behandeln, gezielt in Schwierigkeiten gebracht - zur Übung, versteht sich. Im Lehr- und Simulationszentrum für Anästhesiologie, Notfall- und Rettungsmedizin der Uni-Klinik überprüfen die Ärzte ihre Zusammenarbeit und Kommunikation, wenn am OP-Tisch Unvorhergesehenes geschieht. Kurz: Es geht um den "Human Factor", auf den Studien zufolge 80 Prozent der Zwischenfälle in der Medizin zurückzuführen sind, erklärt Arnd Timmermann, Notfallmediziner und Leiter des Lehr- und Simulationszentrums.

Von Christian Beneker

Was kann im Notfall besser laufen? Das trainieren Ärzte mit Simualtionspuppen an der Göttinger Uniklinik.

Foto: Uni Göttingen

Geübt wird in absolut echter Umgebung - aber mit Patientensimulatoren. Das Göttinger Zentrum verfügt über fünf solcher Plastik-Patienten, die allesamt als so genannte High-Fidelity-Simulatoren gelten und zum Beispiel über einen tastbaren Puls, Atmung oder eine mechanische Reanimierbarkeit verfügen.

Ein Psychologe ist bei der Auswertung anwesend

"Je zwei Notfall-Teams nehmen an den zweitägigen Trainings teil", so Timmermann, "jedes Team sollte einen guten Mix aus Erfahrung und Know How aufweisen." Während eine Gruppe am Simulator arbeitet, beobachtet die zweite auf dem Bildschirm das Geschehen. So wird für das OP-Team zum Beispiel mit einem bestimmten Auslöser plötzlich sinkender Blutdruck des Patienten simuliert.

"Oft stellen wir fest, dass dem Team alle möglichen Ursachen zum Thema sinkender Blutdruck einfallen", erklärt Timmermann, "aber erst zum Schluss, dass vielleicht die Klemme der Thorax-Drainage geöffnet werden muss." Bis der Grund gefunden ist, vergehen oft lange Minuten, die für den Patienten gefährlich werden können. Am Schluss der Simulation wird anhand der Aufzeichnungen in Zusammenarbeit mit den Kollegen vom Zentrum und einem Psychologen ausgewertet, wie die simulierte Krise gemeistert wurde.

Ausschlaggebend für viele Schwierigkeiten in Notfallsituationen seien Kommunikationsprobleme, meint Timmermann. Um sie zu verstehen, wird die Kommunikation im Notfall in Entscheidungsbäumen sichtbar gemacht und interpretiert.

"Oft fällt auf, dass der leitende Arzt das Richtige denkt und tut, es aber nicht sagt", so Timmermann, "seine Kollegen im Team wissen nicht, was läuft, und dann passieren die Fehler." Darüber hinaus spielen Organisationstalent, Know How oder Führungsverhalten eine Rolle.

Die Problembewältigung durch "non technical skills" können Ärzte bei den Fluggesellschaften lernen, so Timmermann. Schon Anfang der 70er Jahre arbeiteten Piloten mit Simulationssystemen, um die Cockpit-Besatzungen besser auf unvorhergesehene Zwischenfälle vorzubereiten. Mitunter simple Anweisungen wurden später aus den Cockpit-Erfahrungen für das Krisenmanagementprogramm in der Medizin als "Crisis Resource Management" (CRM), aufgelegt: "Kenne deine Umgebung!", "Rufe dir frühzeitig Hilfe" "Verteile die Aufgaben".

Leitender Arzt denkt oft richtig, sagt aber nichts.

Insgesamt 15 solcher Prinzipien legte der US-Amerikaner David Gaba etwa für OP-Teams fest. Jeder, der den Klinik-Alltag kennt, weiß, wie schwer solche einfachen Vorgaben manchmal nur umgesetzt werden können. Mehrere Simulationszentren gibt es in Deutschland, in denen geübt wird, solch einfache Hinweise umzusetzen. "Alle Teilnehmer der Kurse sind wirklich begeistert", versichert Timmermann, "auch wenn es nicht angenehm ist, sich seine Fehler vorführen zu lassen, ist der Lerneffekt enorm."

Was im Training gesehen und gesagt wird, bleibt anonym

Die Übenden werden geschützt, denn Fehler sind nach wie vor tabu. Kein Arzt möchte deshalb seinen Namen auf einer Trainingsliste wiederfinden. "Vor allem geht es um Vertrauen", erklärt Timmermann, "was im Training gesehen und gesagt wird, bleibt im Raum. Nur so können wir der in Deutschland stiefmütterlich behandelten Fehlerkultur auf die Beine helfen." Vielleicht komme man einmal so weit wie in Dänemark. Dort gehört solches Training der non technical skills bereits zur Arzt-Ausbildung.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Suche nach eigenen Fehlern zeigt Größe

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