Ärzte Zeitung, 19.10.2010

Augenmerk auf Fehlerprävention in Kliniken

Mehrere Millionen Euro Schadenersatzleistungen sind heute in Deutschland nach Behandlungsfehlern im Krankenhaus keine Seltenheit mehr. Haftpflichtversicherer setzen deshalb vor allem auf die Fehlervermeidung.

Von Jürgen Stoschek

Augenmerk auf Fehlerprävention in Kliniken

Bei Behandlungsfehlern ist die Haftpflicht am Zuge.

© erwin wodicka / bilderbox

MÜNCHEN. Die Zahl der aus Krankenhäusern gemeldeten Schadenfälle aufgrund eines Behandlungsfehlers steigt seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts weiterhin stetig. (wir berichteten). Die Versicherungskammer Bayern hat deshalb bereits vor mehr als zehn Jahren eine eigene Gesellschaft gegründet, die sich nur um die Vermeidung von Behandlungsfehlern kümmert.

Die finanziellen Folgen eines Behandlungsfehlers können Größenordnungen von mehreren Millionen Euro erreichen, berichtete Günter Selentin, Leiter der Hauptabteilung "Freie Berufe, Heilwesen, Haftpflicht" der Versicherungskammer Bayern, beim 1. Bayerischen Forum für Patientensicherheit in München.

Zu den Leistungen, die eine Haftpflichtversicherung nach einem Behandlungsfehler zahlen muss, gehören nicht nur Schmerzensgeld und weitere Behandlungskosten, sondern auch Verdienstausfall, Umschulungskosten, Pflegekosten, Medikamente, Fahrtkosten, Hausumbau, Pkw-Umrüstung oder Haushaltshilfen, erläuterte Selentin. Im Todesfall müssen auch die Beerdigungskosten und eventuell Unterhaltskosten übernommen werden.

"Allein beim Schmerzensgeld kommen kapitalisiert bis zu 700 000 Euro zusammen", sagte Selentin. Der deutschlandweit teuerste Geburtsschaden liegt derzeit bei monatlich 23 000 Euro. Beträge von zehn Millionen Euro und mehr seien bei einem Einzelschaden heute durchaus realistisch.

Die Versicherungskammer Bayern, die zu den großen Haftpflichtversicherern Deutschlands im Krankenhausbereich zähle, habe deshalb 1998 gemeinsam mit der Swiss Re Germany AG die MediRisk Bayern Risk Management GmbH gegründet. Aufgabe der GmbH sei es, das Risikomanagement in den Krankenhäusern zu fördern, so dass es gar nicht erst zu einem Schaden kommt, erläuterte Selentin.

Untersuchungen der Haftpflicht-versicherer hätten ergeben, dass die überwiegende Zahl der Haftpflicht-fälle vermeidbar wäre, da sie sich auf Verletzungen von Aufklärungs-, Dokumentations- oder. Organisationspflichten stützen. "Diese Haftungsquellen sind unseres Erachtens durch ständige Sensibilisierung des ärztlichen und pflegerischen Personals, konsequente Analyse von Ge-fahrenmomenten und deren Früherkennung sowie Optimierung der Arbeitsabläufe beherrschbar", teilte dazu die Versicherungskammer mit.

Das Risikomanagement, das die Bayerische Versicherungskammer den Krankenhäusern anbietet, laufe nach einem mehrstufigen Verfahren, erläuterte Selentin. Dabei werden von einem unabhängigen Expertenteam, das sich aus Juristen, Medizinern und Organisationsfachleuten zusammensetzt, mögliche Haftungsrisiken durch eine Risikoanalyse vor Ort identifiziert und Gegenmaßnahmen empfohlen. Für jedes Projekt gebe es eine Nachsorgephase von zwei Jahren, betonte Selentin. "Das machen die wenigsten", sagte er.

Welche Abteilungen untersucht werden, liege allein im Ermessen des Krankenhauses. Erfahrungsgemäß sei es jedoch sinnvoll, insbesondere die medizinischen "Hochrisikofach-richtungen" der Geburtshilfe und Gynäkologie, der Anästhesie, der Chirurgie und der Inneren Medizin in die Untersuchungen mit einzubeziehen. Zunehmend an Bedeutung gewinne die Schnittstellenproblematik, erklärte Selentin. Die Übergabe an eine andere Krankenhausabteilung oder die Entlassung in die ambulante Versorgung seien Managementaufgaben, für die primär der Verwaltungsvorstand hafte. Deshalb werde es zunehmend wichtig, auch die Schnittstellen und deren haftungsrechtliche Risiken zu analysieren, erläuterte Selentin.

Dass Risikomanagement in Krankenhäusern erfolgreich ist, zeige eine kleine vergleichende Untersuchung, berichtete Selentin: In Krankenhäusern mit Risikomanagement sei die Zahl der gemeldeten Behandlungsfehler nach Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen um etwa 50 Prozent gesunken.

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