Direkt zum Inhaltsbereich

Augenmerk auf Fehlerprävention in Kliniken

Mehrere Millionen Euro Schadenersatzleistungen sind heute in Deutschland nach Behandlungsfehlern im Krankenhaus keine Seltenheit mehr. Haftpflichtversicherer setzen deshalb vor allem auf die Fehlervermeidung.

Von Jürgen Stoschek Veröffentlicht:
Bei Behandlungsfehlern ist die Haftpflicht am Zuge.

Bei Behandlungsfehlern ist die Haftpflicht am Zuge.

© erwin wodicka / bilderbox

MÜNCHEN. Die Zahl der aus Krankenhäusern gemeldeten Schadenfälle aufgrund eines Behandlungsfehlers steigt seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts weiterhin stetig. (wir berichteten). Die Versicherungskammer Bayern hat deshalb bereits vor mehr als zehn Jahren eine eigene Gesellschaft gegründet, die sich nur um die Vermeidung von Behandlungsfehlern kümmert.

Die finanziellen Folgen eines Behandlungsfehlers können Größenordnungen von mehreren Millionen Euro erreichen, berichtete Günter Selentin, Leiter der Hauptabteilung "Freie Berufe, Heilwesen, Haftpflicht" der Versicherungskammer Bayern, beim 1. Bayerischen Forum für Patientensicherheit in München.

Zu den Leistungen, die eine Haftpflichtversicherung nach einem Behandlungsfehler zahlen muss, gehören nicht nur Schmerzensgeld und weitere Behandlungskosten, sondern auch Verdienstausfall, Umschulungskosten, Pflegekosten, Medikamente, Fahrtkosten, Hausumbau, Pkw-Umrüstung oder Haushaltshilfen, erläuterte Selentin. Im Todesfall müssen auch die Beerdigungskosten und eventuell Unterhaltskosten übernommen werden.

"Allein beim Schmerzensgeld kommen kapitalisiert bis zu 700 000 Euro zusammen", sagte Selentin. Der deutschlandweit teuerste Geburtsschaden liegt derzeit bei monatlich 23 000 Euro. Beträge von zehn Millionen Euro und mehr seien bei einem Einzelschaden heute durchaus realistisch.

Die Versicherungskammer Bayern, die zu den großen Haftpflichtversicherern Deutschlands im Krankenhausbereich zähle, habe deshalb 1998 gemeinsam mit der Swiss Re Germany AG die MediRisk Bayern Risk Management GmbH gegründet. Aufgabe der GmbH sei es, das Risikomanagement in den Krankenhäusern zu fördern, so dass es gar nicht erst zu einem Schaden kommt, erläuterte Selentin.

Untersuchungen der Haftpflicht-versicherer hätten ergeben, dass die überwiegende Zahl der Haftpflicht-fälle vermeidbar wäre, da sie sich auf Verletzungen von Aufklärungs-, Dokumentations- oder. Organisationspflichten stützen. "Diese Haftungsquellen sind unseres Erachtens durch ständige Sensibilisierung des ärztlichen und pflegerischen Personals, konsequente Analyse von Ge-fahrenmomenten und deren Früherkennung sowie Optimierung der Arbeitsabläufe beherrschbar", teilte dazu die Versicherungskammer mit.

Das Risikomanagement, das die Bayerische Versicherungskammer den Krankenhäusern anbietet, laufe nach einem mehrstufigen Verfahren, erläuterte Selentin. Dabei werden von einem unabhängigen Expertenteam, das sich aus Juristen, Medizinern und Organisationsfachleuten zusammensetzt, mögliche Haftungsrisiken durch eine Risikoanalyse vor Ort identifiziert und Gegenmaßnahmen empfohlen. Für jedes Projekt gebe es eine Nachsorgephase von zwei Jahren, betonte Selentin. "Das machen die wenigsten", sagte er.

Welche Abteilungen untersucht werden, liege allein im Ermessen des Krankenhauses. Erfahrungsgemäß sei es jedoch sinnvoll, insbesondere die medizinischen "Hochrisikofach-richtungen" der Geburtshilfe und Gynäkologie, der Anästhesie, der Chirurgie und der Inneren Medizin in die Untersuchungen mit einzubeziehen. Zunehmend an Bedeutung gewinne die Schnittstellenproblematik, erklärte Selentin. Die Übergabe an eine andere Krankenhausabteilung oder die Entlassung in die ambulante Versorgung seien Managementaufgaben, für die primär der Verwaltungsvorstand hafte. Deshalb werde es zunehmend wichtig, auch die Schnittstellen und deren haftungsrechtliche Risiken zu analysieren, erläuterte Selentin.

Dass Risikomanagement in Krankenhäusern erfolgreich ist, zeige eine kleine vergleichende Untersuchung, berichtete Selentin: In Krankenhäusern mit Risikomanagement sei die Zahl der gemeldeten Behandlungsfehler nach Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen um etwa 50 Prozent gesunken.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Ambulantisierung

WIdO-Chef: „Die Aufteilung nach Sektoren ist die Denke von gestern“

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

Aktuelle Analyse von Krankenhausfällen

Krankenhaus-Report: Hohes Potenzial für Ambulantisierung in Deutschland

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

Druck auf Personalbestand

Studie: Warkens GKV-Gesetz bringt Krankenhäuser in Konkursgefahr

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Abb. 1: Empagliflozin reduzierte auch bei niedriger Ausgangs-eGFR die Progression der chronischen Nierenkrankheit (Test für Heterogenität/Trend: a) 12=0,06, p=0.81; b) 12=6,31, p=0,012)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Chronische Nierenkrankheit

SGLT2-Inhibition: Nephroprotektiv auch bei stark erniedrigter eGFR

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Ko KG, Ingelheim am Rhein
Abb. 1: OS von Patientinnen mit Endometriumkarzinom und Mismatch-Reparatur-Profizienz bzw. Mikrosatellitenstabilität

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Primär fortgeschrittenes/rezidivierendes Endometriumkarzinom

Nachhaltiger Überlebensvorteil durch Immuntherapie plus Carboplatin-Paclitaxel

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

FODMAP, Hypnose, Stuhltransfer

Diese Interventionen helfen beim Reizdarmsyndrom

Cochrane-Review

Prostatakrebs: Wie ist denn nun die Evidenz des PSA-Screenings?

Private Nachsendung funktionierte nicht

VGH Mannheim: Bei einem Umzug das Versorgungswerk nicht vergessen

Lesetipps
Kardiologe Oliver A. Schmidt

© privat

Arzt entwickelt MFA-Börse

So finden Praxisinhaber die MFA, die zu ihnen passt

Eine Frau hält Tabletten in der Hand

© Dusan / stock.adobe.com

Differenzierung ist entscheidend

INOCA/ANOCA: Welche Therapie ist die richtige?

Dass Sport einen positiven Effekt bei Patienten mit Depressionen hat, ist nichts Neues. Der Casus Knacksus ist die Motivation.

© Rifqi Muflih / stock.adobe.com

Motivierende Gesprächsführung

Wie motiviere ich Patienten mit Depression zu Sport?