Ärzte Zeitung online, 20.11.2014

Antibiotika-Resistenz

40.000 Tote? BMG streitet ab

Nach Medienberichten rechnen Ärzte bei Kliniktoten jedes Jahr mehr als 30.000 Mal die Behandlung oder Diagnose eines multiresistenten Keims ab. Das Bundesgesundheitsministerium weist das zurück.

BERLIN. Das Bundesgesundheitsministerium hat Medienberichte zurückgewiesen, wonach Ärzte bei Kliniktoten jedes Jahr mehr als 30.000 Mal die Behandlung oder Diagnose eines der drei meist verbreiteten Antibiotika-resistenten Keime MRSA, ESBL oder VRE abrechnen.

Ebenso wird der These des Vizepräsidenten der deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Professor Walter Popp, widersprochen, wonach es jährlich zu mindestens einer Million Infektionen kommt, die zwischen 30.000 und 40.000 Todesopfer fordern.

Ausführlich berichteten am Donnerstag die Wochenzeitung "Die Zeit", die Zeitungen der Funke-Mediengruppe und der Rechercheblog "Correct!v" über das wachsende Risiko multiresistenter Keime für Klinikpatienten und die steigende Verbreitung dieser Keime insbesondere bei Landwirten. Dabei wird ein Zusammenhang hergestellt zur Antibiotika-Nutzung in der Massentierhaltung.

In seiner Stellungnahme geht das BMG nicht auf diesen Zusammenhang ein. Das Ministerium gibt aber zu, dass die Zahl der Todesfälle durch Klinikinfektionen "nur geschätzt werden" könne.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene gehe von einer falschen Annahme aus, weil sie die Zahlen der Toten, die einen resistenten Erreger in sich tragen, mit der Zahl der Todesfälle durch resistente Erreger gleichsetze.

Nach Schätzungen des Nationalen Referenzzentrums zur Surveillance nosokomialer Infektionen an der Charité stürben jährlich etwa 10.000 bis 15.000 Patienten infolge einer Klinikinfektion.

Mit dem Infektionsschutzgesetz und der Antibiotika-Resistenzstrategie seien klare Regelungen geschaffen worden. 2013 seien mit dem Hygiene-Förderprogramm 365 Millionen Euro bereitgestellt worden. (HL)

[23.11.2014, 00:59:04]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Gestorben wird immer" - "Six feet under"?
Nicht nur diese sozialpsychologisch sehr interessant und differenziert dargestellte US-Fernsehserie um ein Beerdigungsinstitut mit kinderreich-schräger Nachkommenschaft bringt uns näher, dass nicht immer klar ist, an was, weshalb und warum wir sterben müssen. Nur Diagnosen müssen es in Klinik und Praxis immer sein, damit sich die medizin-bildungsferne Medienmeute darauf stürzen kann.

Die MRSA-Diagnose (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) A49.0 nach ICD-GM 2014 bei verstorbenen Klinikpatienten kann mit 4-facher Varianz und Häufung auftreten: Die Klassifikationen G V Z A stehen für "Gesichert", "Verdacht auf", "Zustand nach" und "Ausschluss von". Auch um ORSA=Staphylococcus aureus mit Resistenz gegen Oxacillin U80.00 ICD-10-GM kann es sich handeln.

Dasselbe gilt für ESBL-Infektionen als Escherichia-, Klebsiella- und Proteus-Infektionen mit Resistenz gegen Chinolone, Carbapeneme, Amikacin, oder mit nachgewiesener Resistenz gegen alle Beta-Laktam-Antibiotika [ESBL-Resistenz] nach U80.4 ICD-10 GM.

Vancomycin-resistenten Enterokokken, kurz VRE genannt, als A40.2 nach ICD-GM 2014 können ebenfalls in den Klassifikationen G V Z A bis zu 4-fach hochgerechnet werden.

Doch damit nicht genug, Staphylococcus aureus wird z u s ä t z l i c h als Erreger unter B95.6 nach der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD) geführt. Escherichia coli, Klebsiella bzw. Proteus als Erreger werden alle vereinfachen unter B96.2 subsummiert. Enterokokken haben den Code B95.2 o h n e Zuordnung zu einer wie auch immer gearteten Resistenz. Enterococcus faecium mit High-Level- Resistenz kann die Codes U80.20, U80.21, U80.30 und U80.31 tragen.

Damit will ich herausarbeiten, dass sich die Klassifikation von Krankheiten nach dem ICD-10 GM in k e i n s t e r Weise zur Todesursachen-Statistik eignet. Der ICD-10 ist lediglich ein Hilfsmittel für Ärzte, die unüberschaubare Menge an Krankheitsentitäten beschreibend einzugrenzen.

Das DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) beschreibt einige zehntausend Krankheitsentitäten nach der Internationalen ICD-10-GM-Nomenklatur: Nach ICD-Diagnosen-Thesaurus, Version 4.0, wurden ca. 31.200 beschrieben.
Die aktuelle Version der ICD-10 GM 2014 listet in seiner Systematik ca. 13.400 endständige Kodes auf und verfügt in seinem ICD-10 Alphabet über ca. 76.900 Einträge in der EDV-Fassung. Vgl.
https://www.dimdi.de/static/de/klassi/faq/icd-10/allgemein/faq_0008.htm_319159480.htm

Nicht mal Schätzungen sind möglich, weil Mehrfachnennungen, unterschiedlich deskriptive Systematik und Vierfach-Modifikationen nach den Zusatz-Codes G V Z A möglich sind. Von R=rechts, L=links und B=beidseits will ich hier gar nicht anfangen.

Politik, Medien, Öffentlichkeit, aber auch Epidemiologen, Soziologen, Psychologen, Ökonomen, Gesundbeter und Heilpraktiker haben mangels eigener Erfahrung mit ICD-Kodierungssystemen leider bis heute noch nicht allzu viel davon begriffen bzw. üben sich lieber in spektakulärem, pseudo-infektiologischem Kaffeesatz-Lesen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[21.11.2014, 10:08:16]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Das Problem mit den fehlenden zig-Tausend Toten haben ja auch die "Grünen" aller Parteien bei den Atomstrahlen
Wenn man da bei den letzten Zahlen des statistischen Bundesamtes (2012) nachsieht:
Wir müssen da leider mit 18353 Toten für ALLE Infektions- und Infektionsfolgetoten auskommen.
Bei HIV (410 Tote) werden da auch bösartige Tumoren und Parasiten mitgerechnet.
MRSA, hm, da wird der Staph.aureus auch ohne MRSA mit 706 Toten (Sepsis) +39 (nicht näher bezeichnet) = 745 angegeben.
Das schafft ja fast alleine die Virushepatitis C mit 723 Tote ohne HAV und HCV.
Was Hygieniker immer verschweigen, sind die vielen Toten nach Clostridium dificile 2250 (+2), weil sie verboten haben die Hände zu waschen! (Die Sporen sind resistent gegen Händedesinfektionsmittel).
Dagegen hat der gefürchtete Noro-Virus mal eben grade 221 Tote verursacht.
Überhaupt hat es Gastroenteritis und Kolitis ("nicht näher bezeichnet") so in sich, mit fast 3000 Toten ohne die vorher genannten.
(Staph.aureus auch ohne MRSA mit 745 Toten)
Dann wird ja in Deutschland auch wieder an Tbc gestorben (456)
Sogar an Syphilis (12), sogar an Erysipel (357) und Gasbrand (64).
Bei den gefürchteten Virusinfekten auch Enzephalitis wird man weniger fündig,
z.B. H.Zoster und Varizellen 122.
Immerhin sind bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit noch 164 Tote angegeben.

An erster Stelle steht knapp vor Gastritis-Colitis aber die Sepsis (ohne Staphylokokken) mit über 7000,
da können sich auch einige nicht identifizierten MRSA verstecken.
Nicht versteckt ist darunter z.B. die Pilzsepsis (candida alb.) oder Lungen Aspergillose

Jetzt haben wir das große Problem, weil die Gesamtzahl von 18353 Toten eigentlich schon fast erreicht ist,
wohin mit den vielen Grippetoten? Da ist kein Platzt mehr!
Und für die 30.000 bis 40.000 Tote von Prof. Walter Popp ist schon gar kein Platz mehr.

Nun man könnte jetzt z.B. die knapp 18.000 Toten von Mamma Ca und die 13.000 Tote des Prostata Ca zu nosokomiale Infektionstoten erklären. Dann könnte man auch die lästigen Vorsorgeuntersuchungen und das PSA für Männer endlich streichen.
Aber man müsste dann natürlich noch mehr Hygieniker einstellen,
obwohl,
die sind nicht einmal mit diesem lächerlichen Klebsiella-Keim in Bremen klar gekommen
und die EHEC-Quelle haben sie auch nicht gefunden.
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