Ärzte Zeitung, 12.01.2017
 

Klinikhygiene

Zweifelhafte Wasserstandsmeldung

Das Recherchenetzwerk Correctiv und das ARD- Magazin "Plusminus" schlagen Alarm: In deutschen Kliniken gebe es noch immer zuwenig Personal, das sich gezielt um Hygiene kümmert. – An der der Auswertung zugrunde gelegten Bedarfsnorm lassen sich jedoch Zweifel anmelden.

Von Christoph Winnat

Zweifelhafte Wasserstandsmeldung

Ein Flickenteppich unterschiedlicher Landeshygieneverordnungen sorgt für unterschiedliche Hygiene-Maßstäbe in Kliniken.

© Peter Atkins / Fotolia.com

BERLIN. Hygiene ist ein heißes Eisen: Kliniken, die multiresistente Keime melden, beherrschen wochenlang die Schlagzeilen. Patienten, die sich eine Infektion eingefangen haben, werden regelmäßig als mediale Schreckbilder unhaltbarer stationärer Zustände vorgeführt.

Den jüngsten Befund dazu ließen am Mittwoch das Recherchenetzwerk "Correctiv" und das ARD-Politmagazin "Plusminus" verlauten: "Mehr als jedes vierte Krankenhaus in Deutschland erfüllt die Hygienevorschriften nicht". Bezugsgröße dieses dramatischen Mankos ist das fest angestellte Hygiene-Personal, Datengrundlage die Qualitätsberichte von bundesweit 2059 Kliniken aus 2014 sowie Zahlen des BKK Landesverbands Nordwest. Auf seiner Website (correctiv.org)  verzeichnet das Recherchekollektiv in Form einer Deutschlandkarte dezidiert für jede einzelne Klinik, ob sie die "Minimalkriterien" an Hygienepersonal erfüllt oder nicht.

Dabei beruft man sich auf die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) des Robert Koch-Instituts von 2009. Demnach – so jedenfalls interpretieren die Correctiv-Autoren das KRINKO-Papier – soll eine Klinik mit mehr als 400 Betten jeweils wenigstens einen Arzt mit spezieller Ausbildung ("Krankenhaushygieniker") beschäftigen sowie eine Hygienefachkraft und darüber hinaus hygienebeauftragte Ärzte und Pfleger auf den einzelnen Stationen.

Tatsächlich jedoch gilt die 400-Betten-Grenze in der KRINKO-Empfehlung ausschließlich für Krankenhaushygieniker. Außerdem schreiben die Landeshygieneverordnungen unterschiedliche Belegschaftsanforderungen vor. Die habe man allerdings nicht eigens berücksichtigt, räumte Correctiv-Autor Hristio Boytchev auf Nachfrage ein.

Kliniken "fallen durch", obwohl sie rechtliche Vorgaben einhalten

Infolgedessen werden Krankenhäuser in der Datenbank mit dem Urteil "Minimalkriterien nicht erfüllt" versehen, obwohl sie die rechtlichen Vorgaben einhalten. Beispiele:

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (1153 Betten) beschäftigt zwar drei Krankenhaushygieniker, sechs Hygienefachkräfte und 42 hygienebeauftragte Ärzte, weist aber keinen hygienebeauftragten Pfleger aus. – Muss es laut Landeshygieneverordnung jedoch auch gar nicht.

Ähnlich in Niedersachsen: Hier müssen Kliniken ebenfalls nicht gesondert einen Pfleger mit Hygieneaufgaben betrauen. So hat etwa das Klinikum Wilhelmshaven (675 Betten) keinen hygienebeauftragten Pfleger, aber einen Hygienearzt, eine Hygienefachkraft sowie weitere acht hygienebeauftragte Ärzte. Trotzdem wird es in der Correctiv-Datenbank mit einem roten Punkt als "durchgefallen" deklariert.

Drittes Beispiel für eine offenkundig falsche Klassifikation: Die Klinik Liliental nördlich Bremens. Das freigemeinnützige Haus verfügt über lediglich 76 Betten, müsste laut KRINKO also gar keinen Hygienearzt ausweisen. Laut Landeshygieneverordnung sind Hygieneärzte- und -Fachkräfte "in ausreichender Zahl" zu beschäftigen, hygienebeauftragte Pfleger ohnehin nicht. In der Correctiv-Datenbank wird die Klinik aber als defizitär vorgestellt. Dabei hat sie sowohl einen Krankenhaushygieniker, als auch eine Hygienefachkraft sowie einen hygienebeauftragten Arzt und erfüllt damit sämtliche Verordnungsvorgaben.

Datenbank vorsichtig genießen

In jetziger Form ist die Correctiv-Datenbank zum Hygiene-Personal in bundesdeutschen Kliniken also mit Vorsicht zu genießen. Für Aufsehen dürfte sie dennoch sorgen. So fordert anlässlich der Auswertung beispielsweise der Vize-Chef des BKK-Landesverbands Nordwest, Dr. Dirk Janssen, ein "Hygiene-Prüfsiegel für Krankenhäuser" sowie bundesweit einheitliche Vorgaben zur Mindestausstattung mit "Pflege-, Reinigungs, und Hygienepersonal".

Zudem müssten Kliniken ein "konsequentes Eingangsscreening" auf Infektionen etablieren. Personalschlüssel und Hygienepläne seien unabhängig und unangemeldet zu kontrollieren. "Das alles", befeuert Janssen die Debatte um den Abbau von Überkapazitäten im stationären Sektor, werde sich nur unter Beschränkung "auf die versorgungspolitisch notwendigen Häuser" finanzieren lassen.

Thomas Reumann, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, kritisiert an dem Correctiv-Bericht insbesondere die veraltete Datenbasis. Die Zahlen stammten noch aus einer Zeit, als das gesetzliche Hygieneförderprogramm, das bis Ende 2019 rund 460 Millionen Euro für Fortbildung und Personalaufbau in Sachen Hygiene vorsieht, "gerade anlief". Die Personalausstattung in den Kliniken sei "heute bereits deutlich besser" als im Analysezeitraum 2014, versichert Reumann. Grundsätzlich sei festzustellen, "dass Deutschland im weltweiten Vergleich keine Auffälligkeiten bei den Infektionen hat. "Die MRSA-Fälle sind rückläufig und liegen unter dem europäischen Durchschnitt".

Weitere Hygiene-Fortschritte verspricht sich die Bundesregierung von ihrem Mitte Dezember im Kabinett verabschiedeten Entwurf eines "Gesetzes zur Modernisierung der epidemiologischen Überwachung übertragbarer Krankheiten". Unter anderem wird damit das Robert Koch-Institut beauftragt, bis 2021 ein elektronisches Meldewesen für schwere Infektionen einzurichten.

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