Ärzte Zeitung online, 04.10.2017

Junge Ärztinnen

Betonköpfe in Kliniken schrecken ab

Die Klinik als Arbeitgeber ist für viele junge Ärztinnen keine Option, wenn es um Führungspositionen geht. Krankenhausmanager müssen umdenken und dieser Zielgruppe Zugeständnisse in Form moderner Arbeitsmodelle machen, fordern Unternehmensberater.

Von Matthias Wallenfels

Betonköpfe in Kliniken schrecken ab

Hierarchie war gestern – junge Ärztinnen favorisieren flexible Arbeitsmodelle, wenn sie sich für die Klinik entscheiden.

© carlo dapino/photoCD/stock.adobe.com

BONN. Die Einführung von Doppelspitzen-Modellen, fachärztlichen Aufgaben mit Leitungsfunktionen, intelligenten Teilzeitmodellen sowie von Kollegial-Systemen ist eine von mehreren Stellschrauben, an denen Krankenhäuser drehen müssen, um im Buhlen um Nachwuchsärztinnen für Führungspositionen wieder attraktiv zu sein – und auch zu bleiben. Dies postuliert zumindest der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU).

Er sieht die medizinische Versorgung in Deutschland sogar mittelfristig gefährdet, wenn nicht mit geeigneten Maßnahmen gegengesteuert wird. Denn: Parallel zur mangelhaften Pflegesituation im deutschen Gesundheitswesen drohe sich auch die Personalsituation bei Ärzten im stationären und ambulanten Einsatz zuzuspitzen. Bereits heute seien in Deutschland mehr als 10.000 Arztstellen im stationären und ambulanten Bereich unbesetzt.

Neue Wertekulturen sind gefragt

Aber ohne generelles Umdenken in den Führungsetagen der Gesundheitsdienstleister werden verbesserte Karrieremöglichkeiten von Frauen in medizinischen Führungspositionen alleine die prekäre Situation im ambulanten und stationären Umfeld nicht verhindern können, wie der BDU betont. Seiner Ansicht nach müssen die Rahmenbedingungen, wie das Personalmanagement, die Arbeitszeitmodelle oder das Gesundheitsmanagement auf den Prüfstand. Weiterhin müssten Wertekulturen etabliert werden, die unter anderem bisheriges Führungsverhalten infrage stellen und moderne Formen der Mitarbeiterführung stärken. Parallel entwickelte kooperative Modelle unterstützten dabei, altes, berufsständisches Denken durch interdisziplinäre und teamorientierte Zusammenarbeit zu ersetzen, so die Unternehmensberater.

Das Kernproblem für die Kliniken sei, dass die nachrückenden jungen Ärztinnen – aber auch Ärzte – eine andere Einstellung zu ihrem Beruf haben. Sie legten zum Beispiel mehr Wert auf Freizeit und berechenbare Arbeitszeiten. Sie stünden traditionellen Hierarchien kritisch, Teamarztmodellen aber aufgeschlossen gegenüber.

Ein modernes, innovatives Klinikmanagement müsse dem also mit flexibleren Organisations-, Arbeits- und Weiterbildungsformen mit einer Reihe von Maßnahmen Rechnung tragen. Zu diesem Maßnahmenpaket gehören laut BDU zum Beispiel:

- Vereinbarungen über klinische Facharztausbildungen, auch als Weiterbildung zum Facharzt in Teilzeit

- Aufbau und Pflege von Kontakten zu Medizinstudierenden inklusive finanzieller Unterstützung und Weiterbildungsmöglichkeiten

- Ausbau von Kooperationsformen ambulanter und stationärer Medizin, die neue Möglichkeiten für flexiblere Arbeitsbedingungen bieten. Hier arbeiten die Ärzte in der Niederlassung und betreuen ihre Patienten auch im stationären Umfeld.

- Angebot von integrierten Kindertagesstätten in größeren Kliniken, Ferienbetreuung sowie Vermittlung von Tagesmüttern mit täglicher Hotlinefunktion

- Gehaltsstrukturen und Dienstpläne gehören auf den Prüfstand mit dem Ziel, berechenbare Arbeitszeiten und adäquate Entlohnung zu erreichen – auch in Form von außertariflichen Verträgen.

- Unterstützung beim Aufbau von weiblichen Netzwerken im Arztberuf

- Gezielte Angebote für Führungsaufgaben von Ärztinnen.

Ein Drittel der Ärzte geht andere Wege

Trotz des Masterplans 2020 gehen die Unternehmensberater davon aus, dass nach erfolgreich abgeschlossenem Medizinstudium mindestens ein Drittel der Absolventen – Frauen wie Männer – nicht ärztlich tätig werden. Somit dürfte sich der Wettbewerb der Kliniken um junge Nachwuchsärzte in Führungspositionen noch deutlich verschärfen.

66%

Frauenanteil verzeichnete der Bereich Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften bei den Hochschulabsolventen für das Prüfungsjahr 2016.

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