Ärzte Zeitung online, 01.11.2018

Entlassmanagement

Tasche in die Hand, Tschüß vom Krankenhaus

Ob Arztbrief, Medikation oder Rezept – das Neusser Lukaskrankenhaus packt alles Wichtige für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt in eine Patiententasche. Doch das kreative Entlasskonzept des Klinikums hat noch mehr zu bieten.

Von Ilse Schlingensiepen

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Sehen das Entlassmanagement als Chance: Pflegedienstleiterin Andrea Albrecht (links) und Dr. Martina König, Ärztliche Leiterin der Palliativstation am Lukaskrankenhaus in Neuss.

© iss

Wenn Patienten das Lukaskrankenhaus in Neuss nach einer stationären Behandlung verlassen, bekommen sie eine kleine Papiertüte mit auf den Weg. „Alles Gute aus dem Lukaskrankenhaus“ steht darauf. In der Tüte befinden sich der Arztbrief, die für den Tag oder das Wochenende benötigten Arzneimittel, Rezepte und Heilmittel-Verordnungen – eben alles, was für ein gutes Entlassmanagement notwendig ist.

Für die Mitarbeiter des städtischen Klinikums ist es nicht neu, sich um eine gute Überleitung in die ambulante Versorgung zu kümmern, betont die Pflegedirektorin Andrea Albrecht. Das haben sie auch schon vor dem 1. Oktober 2017 getan, als das Entlassmanagement für die Krankenhäuser zur Pflicht wurde (Paragraf 39, Absatz 1a Sozialgesetzbuch V).

Arztbriefe wurden standardisiert

„Aber die gesetzliche Vorgabe war für uns der Anlass, alles, was wir hatten, miteinander zu verbinden und um neue Aspekte zu ergänzen“, erläutert Albrecht. Diese Aufgabe hat eine Arbeitsgruppe übernommen, an der Ärzte, Pflegekräfte, Mitarbeiter des Sozialdienstes, der IT-Abteilung, der Krankenhausapotheke und des Archivs beteiligt waren. Sie haben sich die Regelungen des Rahmenvertrags zum Entlassmanagement genau angesehen und alle notwendigen Schritte eingeleitet, die für die pünktliche Umsetzung nötig waren.

Dazu gehörte die Standardisierung der Arztbriefe. „Dafür haben wir die Arztbriefe aus allen Abteilungen unter die Lupe genommen“, sagt Albrecht. Die IT-Spezialisten haben für die einzelnen Fachabteilungen Eingabemasken erarbeitet, damit in den Arztbriefen genau das steht, was gesetzlich vorgeschrieben ist. Das stieß nicht nur auf Begeisterung. „Nicht jeder Mediziner findet es gut, wenn man ihm vorschreibt, wie der Arztbrief künftig auszusehen hat.“

Wichtig für die Akzeptanz war, dass die Nutzung der Maske einfach ist und Doppeleingaben vermieden werden. Die notwendigen Daten werden aus dem Krankenhausinformationssystem (KIS) überspielt.

In dieser wie in anderen Fragen war ein weiterer Faktor für die erfolgreiche Umsetzung entscheidend: „Es gab die ganz klare Willensäußerung der Geschäftsführung: Wir wollen das“, berichtet Albrecht. Allen sei damit klar gewesen, dass die Einführung des strukturierten Entlassmanagements kein „Hobbyprojekt der Pflegedirektorin“ war.

Grundsätzlich war die Aufgeschlossenheit groß, berichtet Dr. Martina König, Ärztliche Leiterin der Palliativstation am Lukaskrankenhaus. Im Grunde sei das Entlassmanagement ja nichts Neues. „Wir haben uns immer schon um den reibungslosen Übergang in die ambulante Versorgung bemüht. Jetzt hat das halt einen Namen.“

Warten auf die KV

Neu war für die Ärzte, dass sie den Patienten bei der Entlassung Medikamente verordnen können sowie Heilmittel oder Krankenpflege. „Das Spannende war: Man braucht eine eigene Betriebsstätten-Nummer.“ Es hat lange gedauert, bis die Klinik die Nummer von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein erhalten hat.

Das war ärgerlich, denn ohne die Betriebsstätten-Nummer konnte das Lukaskrankenhaus keine Rezepte bestellen, die von einer speziellen Druckerei kommen und den Aufdruck „Entlassmanagement“ haben.

Neben der Betriebsstättennummer brauchen die Ärzte für Verordnungen auch eine spezielle Arztnummer, die nicht mit der lebenslangen Arztnummer identisch ist. Bis Ende 2018 gibt es dafür eine Pseudo-Arztnummer bestehend aus den Ziffern 4444444 plus einem Fachgruppencode. Groß kümmern müssen sich die Mediziner um diese Dinge zum Glück nicht. „Das Praktische ist, dass die Betriebsstättennummer und die Arztnummer automatisch auf dem Rezept stehen“, sagt König.

Über solche Änderungen sind die betroffenen Berufsgruppen von der Arbeitsgruppe informiert worden, im Umgang mit den Rezepten und der Erstellung der Arztbriefe sind sie geschult worden.

Rückruf-Nummer gibt Sicherheit

In jedem Arztbrief gibt es jetzt die Telefonnummer der entlassenden Station sowie Angaben zur Erreichbarkeit. Das Lukaskrankenhaus habe sich bewusst dagegen entschieden, eine zentrale Stelle für Rückfragen zum Entlassmanagement einzurichten, sagt Projektleiterin Albrecht. „Dort würde ja niemand über die Patientenverläufe Bescheid wissen.“ Das sei aber gerade für Nachfragen von Angehörigen und Patienten wichtig.

Das Angebot der Rückfragen wird nicht sehr häufig in Anspruch genommen, berichtet Ärztin König. „Schon die Sicherheit, dass man eine Telefonnummer hat, reicht häufig.“ Schließlich würden Ärzte und Pflegepersonal die Patienten vor der Entlassung so umfassend wie möglich informieren und aufklären.

Das strukturierte Entlassmanagement greift bei jedem entlassenen Patienten in den 13 Kliniken des Lukaskrankenhauses. Wenn jemand den Fuß gebrochen hatte, brauche er kein Rezept, aber er müsse über den Verbandswechsel, das Ziehen der Fäden und die Verlaufskontrolle informiert werden. „Auch das ist Entlassmanagement“, betont König.

Die Patienten müssen einwilligen, dass die Weiterbehandler bestimmte Informationen erhalten. Dafür hat das Krankenhaus anhand der Vorgaben aus der Rahmenvereinbarung einen Vordruck entwickelt, sagt Albrecht. Es ist bislang noch nicht vorgekommen, dass Patienten das Entlassmanagement abgelehnt haben. „Natürlich sind Patienten einverstanden, wenn man sagt, dass man den ambulanten Pflegedienst informieren möchte.“ Die Vorteile liegen auf der Hand, der Aufklärungsbedarf ist gering. „Ich glaube, es gibt mehr Aufklärungsaufwand mit der neuen Datenschutzgrundverordnung.“

Auch wenn das Entlassmanagement im Lukaskrankenhaus nicht komplett neu aufgesetzt werden musste, war die Einführung mit einem nicht geringen Aufwand verbunden. Allein die Anschaffung neuer Drucker oder die Nachrüstung der Drucker, damit sie Rezepte ausdrucken können, habe pro Station rund 1000 Euro gekostet, sagt sie. Hinzu kam für jede Berufsgruppe schätzungsweise eine Woche zusätzlicher Arbeitszeit.

Vorteile überwiegen

Dieser zusätzliche Aufwand wird nicht vergütet. Albrecht sieht darin einen Grund dafür, dass in vielen Häusern die Skepsis dem Entlassmanagement gegenüber nach wie vor groß ist. „Ich glaube, andere Kliniken machen einfach den Fehler, dass sie es von vornherein als Belastung empfinden und negativ bewerten.“

Dabei übersehen die Verantwortlichen ihrer Meinung nach die Vorteile der neuen Regelung. Für Albrecht ist das vor allem die große Zufriedenheit der Patienten, die das Gefühl haben, dass man sich auch nach der Entlassung um ihr Wohlergehen kümmert. „Das bleibt in guter Erinnerung.“

Doch nicht nur davon profitiere das Krankenhaus. Positiv habe sich auch ausgewirkt, dass bei der Vorbereitung alle relevanten Prozesse noch mal unter die Lupe genommen wurden. Mit dem Entlassmanagement seien viele Dinge zusammengeführt worden, die gut für die Patienten sind, sagt Albrecht. „Wenn wir damit punkten können, machen wir das gern.“

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